„Hoi“

Im Land zwischen „Servus“ und „Grüezi“

Reisen & Urlaub
18.06.2026 10:01

Liechtenstein durchfährt man in einer knappen Busstunde. Wer bleibt, findet Mondgestein, Weltkunst auf dem Gehsteig, Gipfel bis auf 2.599 Meter und einen Pinot Noir aus Reben, die seit zwei Jahrtausenden in milder Alpenluft reifen.

Am Bahnhof Feldkirch steigt man in die Buslinie elf und fährt, ohne Grenzkontrolle und völlig unaufgeregt, in ein anderes Land. Liechtenstein beginnt an der Station Schaanwald Zollamt und endet etwas mehr als eine Stunde später beim Sportplatz Balzers, wo der Bus weiter in die Schweiz rollt. Dazwischen entfaltet sich ein ganzes Fürstentum mit 160 Quadratkilometern, rund 41.000 Einwohnern, ohne Flughafen oder eigene Autobahn.

Von Fernando Botero bis zur Apollo-Mission
Dafür verzeichnet das Land mehr Firmen pro Kopf als die meisten Staaten Europas. Rund 40 Prozent der Wirtschaftsleistung stammen aus Industrie und Produktion. Die Palette reicht von hochspezialisierten Präzisionswerkzeugen bis hin zu tiefgekühlter Pasta.

Die Hauptstadt Vaduz ist flächenmäßig kleiner als Wiens dreizehnter Bezirk Hietzing, bietet im Vorbeigehen jedoch mehr Kunst im Freien als manches etablierte Museum. Die Innenstadt ist Flaniermeile und Open-Air-Galerie zugleich. Skulpturen von Fernando Botero, Henry Moore oder Heinz Mack stehen unmittelbar am Gehsteig, zum Greifen nah.

Hoch über der Hauptstadt Vaduz erhebt sich die Residenz der Fürstenfamilie. Der Öffentlichkeit ...
Hoch über der Hauptstadt Vaduz erhebt sich die Residenz der Fürstenfamilie. Der Öffentlichkeit bleibt der Blick auf die dicken Außenmauern.(Bild: stock.adobe.com null)

In der Schatzkammer lagert zwischen kostbaren Fabergé-Eiern und der diamantenbesetzten Nachbildung des fürstlichen Hutes auch ein Stück galaktische Geschichte: echtes Mondgestein der Apollo-Missionen. Der ehemalige US-Präsident Richard Nixon schenkte es der Firma Oerlikon Balzers, deren Vakuumtechnologie das Apollo-Programm unterstützt hatte.

Fürstliche Momente in weinroten Plüschsesseln
Hoch über der Stadt thront das Schloss der Fürstenfamilie. Ein Spazierweg führt vom Zentrum hinauf zur Residenz, die seit 1938 bewohnt ist und bis heute der Öffentlichkeit verschlossen bleibt. Einen Blick hinter die alten Mauern gewährt das Alte Kino im Zentrum. In 103 weinroten Plüschsesseln läuft täglich ein Hausfilm, in dem Fürst Hans-Adam II. von Kindheitsverstecken in der Burg erzählt und erwähnt, Staatsempfänge aus eigener Tasche zu bezahlen.

Wissenswertes über Liechtenstein

  • 1719 durch kaiserlichen Erlass gegründet, elf Gemeinden. Fläche: 24,6 km lang, 12,4 km breit
  • Landessprache: deutsch mit alemannischem Dialekt (das Liechtensteinische), der eng mit dem Vorarlbergischen (Österreich) und dem Schweizerdeutschen verwandt ist
  • Währung: Schweizer Franken – seit dem Zollvertrag 1923
  • Sechstkleinster Staat der Welt. Nachbarn: Österreich und Schweiz. Alle drei Länder haben keinen Meereszugang (Binnenstaaten)
  • Es gibt mehr Arbeitsplätze als Einwohner. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten pendelt täglich ein
  • 42 Prozent der Wirtschaftsleistung stammen aus Industrie und Produktion, nur elf Prozent aus dem Finanzsektor
  • Regierungsform: Konstitutionelle Erbmonarchie auf parlamentarischer Grundlage – der Fürst hat Vetorecht bei neuen Gesetzen, das Volk könnte ihn per Volksabstimmung absetzen
  • Reiseinformationen: www.tourismus.li

Wer danach Lust auf Ästhetik hat, besucht das Kunstmuseum Liechtenstein oder die direkt angrenzende Hilti Art Foundation, deren hochkarätige Leihgaben internationale Maßstäbe setzen. Im Gasthaus genießt man deftige Käsknöpfle mit süßem Apfelmus oder auch Ribel, eine Maisspeise aus der Pfanne. Alternativ lockt die Hofkellerei, wo der warme Föhn von den Alpen herab ein mildes Klima schafft und die Reben seit mehr als 2000 Jahren einen samtigen Pinot Noir und eleganten Chardonnay hervorbringen.

Grenzenloses Panorama und ein herzliches „Hoi“
Um das Land ganzheitlich zu verstehen, durchquert man es am besten auf dem Liechtenstein-Weg. Er verbindet alle elf Gemeinden und lässt sich in fünf bis sieben Tagen gemütlich erwandern – von der sanften Rheinebene hinauf in die alpine Kulisse. Über allem thront im Rätikon der Grauspitz, mit 2.599 Metern der höchste Punkt des Landes, flankiert von den markanten Drei Schwestern, die sich schroff über dem Rheintal erheben.

Ein alpines Kronjuwel für Konditionsstarke ist zudem der Fürstin-Gina-Weg hinauf auf den 2.359 Meter hohen Augstenberg. Gemächlicher geht es ab dem Bergdorf Gaflei zum Plattenspitz auf 1.702 Metern. Der Weg führt vorbei am geografischen Mittelpunkt des Landes, markiert durch ein schlichtes Gipfelkreuz und gesegnet mit einer grandiosen Weitsicht.

Am türkisfarbenen Stausee Steg endet die Tour idealerweise im Restaurant Seeblick – Name ist Programm. Der urige Wirt begrüßt seine Gäste mit einem herzlichen „Hoi“ als liechtensteinischem Gruß und reicht zur Speisekarte gerne ein kleines Wörterbuch des lokalen Dialekts.

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