Mit dem politisch konnotierten Song „Oma“ ging Marlo Grosshardt voriges Jahr viral – heute gilt er als eine der wichtigsten und politisch deutlichsten Stimmen aus Deutschland. Was den Liedermacher dazu bewegte, wie er Aktivismus sieht und was wir uns bei seinem Konzert im Wiener Flex erwarten dürfen, erzählt er im ausführlichen „Krone“-Interview.
„Krone“: Marlo, du stichst aus dem Gros der deutschen Pop-Landschaft heraus, in dem du dich sehr eindeutig politisch und menschenrechtlich positionierst. Viele Künstler würden das bewusst nicht tun. War dir immer klar, dass es in diese Richtung gehen würde?
Marlo Grosshardt: Ich wurde durch mein Elternhaus schon in der Jugend stark politisiert. Ich wuchs in einem kleinen Dorf auf, wo sehr viel politische Kleinstarbeit gemacht wurde. Meine Mutter war als Sozialarbeiterin in der Flüchtlingshilfe aktiv. Ich habe nie genau darüber nachgedacht, was ich so schreibe, sondern habe das geschrieben, was mich bewegt und plötzlich entstanden daraus viele politische Lieder.
Hattest du schon früh politische Liedermacher als Idole oder war diese Ausrichtung erst einmal familiär bedingt?
Ich war früher bei den Pfadfindern und dort wurde sehr viel politisches Liedgut gesungen. Mit 14 war die Zeit zwar vorbei, aber der Einfluss blieb. Ich glaube, all das, was man sich so zwischen 10 und 14 aneignet, bleibt einem ganz tief in den Knochen stecken. Vom Vater kam dann viel Hip-Hop dazu – alles wurde immer bunter. Heute wird einem immer suggeriert, man müsse genau aufpassen, was man in der Öffentlichkeit sagt, aber gleichzeitig soll man auch Stellung beziehen. Da kommt dann die Zwickmühle. Ich habe heute gar nicht die Kapazitäten, mich mit Themen so tief zu befassen, sodass ich immer zu 100 Prozent Bescheid weiß. Ich habe über die Jahre zu vielen Dingen eine Haltung entwickelt und die lässt sich gut vertreten. Natürlich sorge ich mich manchmal auch, bei einem Thema zu schnell zu schießen, aber es ist auch wichtig, diese Ängste abzulegen. Ich habe gute Werte und versuche sie mit den Geschehnissen in Einklang zu bringen.
Meinungen und Ansichten können variieren und sich verändern, wenn man mit anderen in den Diskurs geht. Man kann auch scheinbar festgefahrene Meinungen flexibler gestalten.
Das fällt aber sehr vielen schwer, zu sagen: „Sorry, ich habe damals Bullshit gelabert.“ Die Zeiten machen es einem aber auch schwer, weil alles so schnelllebig ist und man beim kleinsten Fehler in irgendwelchen Algorithmen landet und von dort nicht mehr rauskommt.
Dir ist schon bewusst, dass du dich als politischer Liedermacher mit klaren Standpunkten sofort angreifbar machst?
So halb. Anfangs war das nicht so, bis wir mit dem Lied „Oma“ rund um die deutsche Bundestagswahl im Vorjahr einen großen politischen Moment hatten. Da merkte ich erst erstmals, wie gruselig die Lage bei uns gerade ist. Dass dieser Song nun auf jeder Demo läuft, ist zwar schön, man macht sich damit aber auch zur Zielscheibe. Da hatte ich das erste Mal richtig Angst, aber ich habe zum Glück mit vielen Leuten darüber geredet. Es ist gut, dass man sich äußert. Man muss dann halt schauen, wie man das Drumherum gestaltet.
So viel Druck muss man auch psychisch aushalten – war das für dich machbar?
Ich habe viele Freundinnen, die aktiv aktivistisch arbeiten und die kriegen Hasstiraden, die ich so gar nicht kenne. Ich habe viermal so viel Reichweite oder Follower, kriege aber wenige Morddrohungen oder dergleichen. Sich als Frau zu äußern und bei Organisationen wie „Fridays For Future“ mitzumachen ist noch einmal ein ganz anderes Kaliber als ein männlicher Sänger zu sein.
Die „Oma“ war ein Gamechanger in deiner Karriere, seit dem Vorjahr hat sich sehr viel verändert. Nun entdecken viele neue Leute deine Musik, die vorher keine Berührungspunkte mit dir hatten.
„Oma“ war schon ganz klar in seiner Ansage, schwieriger war es bei „Astronaut“, weil der Song nicht politisch ist und da erstmals wirklich ganz andere Leute angespült wurden. Die Leute schauen sich an, ob sie damit was anfangen können oder nicht. Aus der eigenen Bubble hinauszukommen ist die große Schwierigkeit, aber es freut mich, wenn es gelingt. Wenn man mir drei Wochen auf Social Media folgt, wird man aber unweigerlich irgendwie politisch konfrontiert werden.
Kann man denn Leute außerhalb der eigenen Bubble mit so klar definierter Musik erreichen? Gibt es die Menschen, mit denen man wirklich in Diskurs tritt oder die wirklich deine Meinung sickern lassen, wenn ihre eine andere ist?
Das ist ein zwiespältiges Ding. Jemand, der die FPÖ wählt und einen Song von mir hört, wird jetzt nicht auf mein Konzert gehen oder zur mir rüberwechseln. Was ich aber schon oft erlebt habe, wäre ein Diskurs in Familien, weil dort unterschiedliche Meinungen herrschen. Wo vielleicht die Tochter den Papa zum Konzert von mir überredet, obwohl der gar keine Lust darauf hat. Dem gefällt es aber vielleicht musikalisch und dann gibt es eine Grundlage, um innerfamiliär über Themen zu diskutieren. Wenn dann ein Vater am Merch-Stand ein Foto machen will oder seiner Tochter ein T-Shirt kauft, dann passiert etwas. Ich will aber gar nichts gigantisch verändern, sondern lieber die Leute unterstützen, die offen und tolerant sind.
Musikalisch setzt du auf die eher traditionelle Liedermacher-Schiene. Wie bist da dahin gekommen und wie verwehrst du dich nun schon mehreren Jahren dicken, großen Produktionen?
Ich habe da Glück, weil die KI in meinen Sound nicht hineinreicht und andere Genres viel stärker gefährdet. Die Grundlage waren die Pfadfinderei und Musiker wie Hannes Wader. Anfangs habe ich mich auch noch stark dagegen gewehrt und wollte unbedingt so ein cooler Indie-Musiker werden. Aber ich merkte, es kommt immer dieser Sound aus mir raus und finde das mittlerweile sehr schön. Ich brauche nicht den großen einen Hit, sondern schreibe die nächsten 30 Jahre lieber Lieder auf der Gitarre, die ein Stamm an Leuten schätzen kann. Mittlerweile bin ich vielleicht der neue Hannes Wader. Ich akzeptiere das und finde es sogar geil.
Politische Singer/Songwriter gibt es so viele. Von Pippo Pollina über Billy Bragg oder Georg Danzer – siehst du dich in der Tradition dieser Musiker?
Ich bin vor allem bei nichtdeutscher Musik unfassbar schlecht und habe davon kaum Ahnung. Da fehlt mir das Sprachverständnis und das Einwühlen in diese Texte. Bei uns lief eigentlich immer deutsche Musik und von diesen Texten war ich inspiriert.
Deine Texte sind dir wichtig, zum Teil sind sie sehr explizit gehalten. Musst du dich da manchmal selbst zügeln oder ist dieses ungezügelte es passieren lassen besonders wichtig?
Wenn ich einen leeren Kopf habe und mich zum Schreiben hinsetze, wird nicht viel passieren. Es müssen immer Themen sein, die mich bewegen und bei den meisten Liedern kann mir jeder zustimmen, auch wenn er nicht so politisch ist. „Oma“ etwa geht nie mit erhobenem Zeigefinger voran. Das stört vielleicht Leute von der AfD, die gesichert und nachgewiesen Rechtsextremes äußern, aber der Rest findet sich da sicher auch wo. Dann gibt es Lieder wie „Geschichte schreiben“. Das entstand in der Woche, in der Trump wieder US-Präsident wurde und diese AfD-Abstimmung mit Friedrich Merz war. Das war echt ein Moment zum verzweifeln und der Song musste aus mir raus. Der ist dann sicher expliziter als andere.
Unlängst gingen in Erfurt rund 20.000 Menschen gegen Rechtsextremismus auf die Straße. Gibt das klar positionierten Musikern wie dir Hoffnung?
Die Zukunft wird, glaube ich, ziemlich gruselig. Ich verwende bewusst das Wort „spannend“ nicht. Es gibt großteils stabile Menschen, aber es mahlen viele Mühlen gefährlich und man muss diese Stabilität aufrechterhalten. Ich schaue mit großer Sorge darauf, wohin wir schreiten und wir können nicht alles aussitzen. Es ist Hoffnung da und ich kenne viele Leute, die noch viel hoffnungsvoller sind als ich, weil sie tiefer in den aktivistischen Strukturen stecken und geübt darin sind, Widerstand zu leisten.
Wird man da nicht automatisch routiniert und abgebrühter?
Da muss man immer aufpassen. Wir spielen seit 2021 bei „Fridays For Future“ in Hamburg und aus dieser Demo wurde längst ein großes Festival – professionell aufgestellt. Dort spielt schon ein Herbert Grönemeyer und da gibt es ganz andere Anforderungen an die Veranstalter. Ich erlebe viele solcher Strukturen und die sind ungemein wertvoll. Wenn es ein wichtiges Thema gibt, sind sie extrem gut und schnell organisiert und können direkt ihr Know-how zur Verfügung stellen. So eine Demo wird garantiert kein Desaster, sondern eine extrem gute Veranstaltung, bei der sich alle wohlfühlen.
Themen wie die grassierende Hitzewelle und der Klimawandel gehen wegen dem Migrationsthema völlig unter, obwohl dort die Uhr bedrohlich tickt. Kann man als Liedermacher ein bisschen Richtung drängender Themen hinsteuern?
Wir hätten in Berlin bei einer Demo spielen sollen, wo die „Omas gegen Rechts“ nicht kommen konnten, weil es ihnen zu heiß war. Da merkt man, wie machtlos man diesem Thema gegenübersteht. In Westeuropa haben wir noch das Glück, dass wir in Kaufhäuser mit Klimaanlagen flüchten können. Da will man sich nicht ausmalen, wie es dort ausschaut, wo es gar keine Infrastruktur gibt. Dieses Thema muss zwangsweise wieder auf den Plan kommen. Die Welt brennt und keinen interessiert es, was zeigt, wie sehr die Welt offenbar erst brennen muss, bis irgendwer irgendwas tut. Ich kann auch nur meine Gedanken in Kunst verpacken und etwas dazu sagen.
Bringen da Vernetzungen mit Musikern aus anderen Genres was? Stichwort Herbert Grönemeyer oder Feine Sahne Fischfilet oder die Toten Hosen?
Wir haben letztens in Bielefeld mit Kafka und Raum27 gespielt. Aber ja – so wichtige Themen sind ein schöner Anreiz, um die verschiedenen Reichweiten für eine gute Sache zu verbinden. Man tut alles und bei Großdemos versucht man sich untereinander zu finden und gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen und zu spielen. Da kann ruhig noch mehr passieren.
Das klingt schon nach „Bildet Banden“, wie auch dein Album heißt. Ist das als klare Aufforderung gemeint?
Ich war zeitweise so frustriert, dass ich mir beim Schreiben dachte, ich möchte ein Album machen, wo man am Ende nach der Reise durch alle Lieder die Lust darauf bekommt, etwas zu verändern. Ich suche auch immer nach einem Kern an Leuten, mit denen wirklich was möglich ist, wenn die Lage noch schlimmer wird. Diese Art von Aufruf war noch nicht einmal ein besonders künstlerischer Anspruch, das hat sich so aufgedrängt.
So etwas geht auch immer mit Hoffnungen und Zielen einher. War es so, dass da eine Nachrichtenmeldung nach der anderen kam, die dich verärgert oder entsetzt hat und dann im weiteren Verlauf zum Songwriting führte?
Das Album entstand vor etwa einem Jahr und da hat sich wirklich viel sehr aufgedrängt. So wurde das Wehrpflicht-Thema plötzlich wieder ein Teil unserer Realität. Da haben sich viele Gedanken gesammelt und mussten dann nur noch kanalisiert werden.
Das Blöde an deinem Job: Umso schlechter es der Welt geht, umso mehr Material hast du als Songwriter ...
Man muss da den richtigen Spagat finden. Durch die prekäre politische Lage merke ist, dass die Aufmerksamkeit von Leuten auf Musik wie meine größer wird, weil sie auf Hoffnung und Mut bauen. Es ist wichtig, das nicht für sich zu nutzen, sondern den Rahmen dafür zu geben, möglichst vielen Leuten bei Konzerten ein gutes Gefühl zu vermitteln und gemeinsam was Sinnvolles aus all dem zu machen. Letztes Jahr haben wir auf Tour vorher 20 Minuten lang den Film „Kein Land für Niemand“ gezeigt. Ein großes Experiment, das toll funktioniert hat. Wenn pro Abend 500 bis 1500 Leute zu meinen Konzerten kommen, wollen wir nicht nur gemeinsam feiern, sondern auch Anstöße geben. Wie kann ich mich danach mit Gleichgesinnten zusammentun oder Organisationen verbinden? Einfach einen Mehrwert geben. Wir Musiker haben mit der Musik auch eine Verantwortung.
Verändert dich selbst die Tatsache, dass deine Fanbase steigt und immer mehr Menschen deinen Liedern und Texten zuhören?
Auf ganz vielen Ebenen. Das letzte Jahr habe ich gelernt zu verstehen, was Öffentlichkeit überhaupt bedeutet. Die Menschen projizieren ihren ganzen Tag, alles Erlebte an diesen Abend, wo sie ein Konzert auf einer Livebühne sehen. Damit muss man klarkommen. Feedback, ob positiv oder negativ, ist immer krass. Würde ich auf alle Setlist-Wünsche der Leute eingehen würde, müsste ich pro Abend acht Stunden spielen und das macht keinen glücklich. Mein Team und ich denken viel darüber nach, wie wir möglichst alles richtig machen können. Fehler und schlechtere Konzerte darf man auch nie zu nah an sich heranlassen. Zu verstehen, was da alles passiert, ist sehr unwirklich und da lerne ich nie aus.
Ist dir immer bewusst, welche Auswirkung deine Texte, Lieder und Taten auf Menschen haben können?
Auf der letzten Tour hat sich oft herauskristallisiert, dass nach „Oma“ besonders lang applaudiert wurde. Teilweise länger als zwei Minuten und ich bin ganz schlecht dabei, so etwas auszuhalten. Irgendwie macht das keinen Sinn. Wir alle sind hier im deutschsprachigen Raum unfassbar privilegierte Menschen, die in einem Raum stehen und sich applaudieren bei der Erkenntnis, wie schlimm Rassismus in Deutschland und die Weltlage gerade sind. Das fühlt sich nicht richtig an, weil ich davon profitiere. Das kann ich aber nicht ändern und das ist mir bewusst, aber ich will einfach, dass allen klar ist, dass das in der Musik nicht reicht. Es ist schön, dass wir gemeinsam bei einem Konzert solchen Mut aufbringen können füreinander, aber wir müssen diesen Mut auch über die Konzertschwelle hinaustragen. Wenn wir das nächste Mal in der S-Bahn ein rassistisches oder übergriffiges Arschloch sehen, schreiten wir ein. Sagen wir was. Treten wir über die Schwelle, um wirklich was zu verändern.
Das geht aber weit über deine Macht als Musiker hinaus.
Korrekt, aber deshalb suche ich schon die ganze Zeit nach einer Plattform, wie man das weitertragen kann. Ein Applaus ist ein schöner Anfang, ihn aber zu sammeln und dann backstage mitzunehmen und dort wegzusperren für sich selbst, das ist zu wenig. Mein Konzert soll Leute verbinden, aber bildet die Banden danach. Kommt zusammen und überlegt euch, wie wir diese magische Energie eines Abends bündeln können. Mein Lieblingstraum sind Stammtische oder sowas in der Art. Es gibt in meinem Set auch ein Lied, wo ich durch das Publikum laufe und die Leute aufforderte, sich die Hände zu schütteln, sich anzusehen und sich vorzustellen. Bleibt auch gerne noch ein bisschen nach dem Konzert zusammen oder geht gemeinsam wohin. Lernt euch kennen.
Willst du auch zunehmend mit aktivistischen Organisationen außerhalb der Welt der Musik zusammenarbeiten?
Eigentlich immer nur im Kontext mit der Musik, weil die Zeit nicht für mehr reicht. Wir haben viel mit „Sea-Watch“ und „Kein Land für Niemand“ zusammengearbeitet, aber die Zeit, privat wohin zu fahren und mich auf die Straße zu setzen, die habe ich nicht. Ich wäre auch gerne in Erfurt gewesen, aber da gab es ein Konzert. Bei mir ist eben der Auftritt ein Teil meiner aktivistischen Arbeit.
Du verwendest in den Liedern manchmal auch sehr klare Worte wie etwa die „Nazis im Bundestag“. Braucht es das in dieser Klarheit?
Es bringt nichts, da drumherum zu reden und sie als „gesicherte Rechtsextreme“ zu bezeichnen. Das wäre zu einfach. Bei manchen weiß man den Aussagen zufolge, dass sie ganz klare Nazis sind. Da darf man dann nicht davor zurückschrecken, das klar zu benennen und die Ernsthaftigkeit dahinter zu verstehen.
Es gibt auf „Bildet Banden“ größere, globalere und dann wieder regionalere Songs. Zur ersten Gattung gehört etwa „Kriege ohne mich“, zur zweiten die „Kleinstadtpropaganda“. Geht es dir da darum, Rassismus und Borniertheit am Land aufzudecken?
Ich wohne selbst im Dorf und das Thema hat mich meine ganze Jugend lang begleitet. Ich hatte damals auch viel Angst und nichts gesagt. Besonders in Ostdeutschland, aber auch in anderen kleineren Dörfern rund um Hamburg hat man das Gefühl, dass sich die Leute gegen die Rechten nicht wirklich wehren können. Dann halt lieber abhauen in die großen Städte, weil dort alles fluider ist. Da gibt es auch Faschos, aber die kriegst du nicht so mit. Wenn man so jemanden in der Nachbarschaft hat, muss man sich vernetzen, die Kräfte bündeln und den Mut aufbringen, sich dagegenzustellen. Wie können wir mit denen zusammenleben, ohne uns selbst zu verraten?
Ist bei manchen nicht schon jede Art von Diskurs verloren? Reichsbürger etwa?
Voll. Diese querdenkenden Strukturen sind darauf aufgebaut, dass es keine Möglichkeit gibt, jemanden von dort zurückzuholen, weil das schon als Plan zur Verschwörung gilt. Das ist frustrierend, wenn man im eigenen Kreis plötzlich Leute verliert, die einem sagen, die Erde wäre eine Scheibe. Das ist genauso verrückt, wie Menschen in verschiedene Arten einzuteilen. Das ist in diesen Köpfen aber so gefestigt, dass man sie nicht aufbrechen kann. Dennoch muss man auch damit einen Umgang finden.
Hast du diese Zerrüttungen in den Corona-Jahren auch persönlich erlebt?
In meinem engeren Familienkreis zum Glück nicht, aber es hat in der Welt so viel kaputtgemacht. Ich hatte richtig Glück. Meinen Abi-Ball haben sie zwar abgesagt, aber ich habe zu der Zeit meine ersten Lieder geschrieben, hatte vorher noch nie Musik gemacht. Ich war so früh dran, dass ich nicht abhängig davon war, ob Menschen auf Konzerte gehen oder nicht. Viele Kreise waren vier Jahre lang komplett eingefroren und ich glaube, wir können noch immer nicht ganz verstehen, was das alles mit uns gemacht hat.
Du hast viele der Songs in Portugal geschrieben. Also an einem Ort, wo einige der aufgeworfenen Probleme sehr fern sind. Wie passt das zusammen?
Ich habe das große Privileg, dass mein Onkel an der Atlantikküste in Portugal ein Tonstudio hat und dort konnte ich in aller Ruhe bei halbem Urlaub arbeiten. Wenn ich merke, ich möchte kreativ werden, kriege das in meinem normalen Alltag aber nicht rein, packe ich meine liebsten Menschen ein und fliege nach Portugal. Da gibt es nicht viel. Es ist ein kleines Dorf, wo man jeden Morgen seinen Espresso trinkt, duscht und dann den ganzen Tag schreibt. Das Gefühl, dass ich tagtäglich in Deutschland aufsammle, nehme ich mit und lasse es dort los. Diese Möglichkeit ist wirklich toll.
Siehst du dich noch immer in deiner musikalischen Findungsphase oder ist „Bildet Banden“ schon der Marlo Grosshardt, der sich gefunden hat?
Ich wollte für dieses Album alles machen was geht und es ist sicher mit Abstand mein bislang bestes. Ich habe dafür die besten Musiker, die ich kannte, ins Studio eingeladen und dann zehn Tage einfach drauflosgespielt. Das Album besteht aus der Grundidee. Als es aus dem Mix raus war, klang es so geil, dass ich nichts mehr extra draufgespielt habe. In Zeiten wie diesen schaut man nur noch darauf, ob die Single oder die Snippets klappen, aber wir haben uns bewusst auf das große Ganze fokussiert. Mir gefällt, dass man es von vorn bis hinten durchhören kann und finde auch die Texte gelungen. Ich merke, dass ich gerade wieder Lust kriege, nur mit der Gitarre zu arbeiten, aber bei „Bildet Banden“ habe ich mir selbst gezeigt, dass es auch größer geht. Wo und wie es weitergeht, das wird sich weisen.
Am 5. September spielst du im Wiener Flex. Worauf darf man sich denn da alles freuen?
Wir sind jedenfalls eines der ganz wenigen Projekte, die tatsächlich gar keine technischen Hilfsmittel auf der Bühne haben. Anfangs brauchte ich das noch für den Rhythmus – nun nicht mehr. Wir können das Tempo variieren und in den Strophen mal langsamer und dann im Refrain wieder schneller werden. Ich kann mitten in einem Song auch mal abbrechen und kurz was loswerden wollen, was mir in den Kopf schießt, und dann weiterspielen. Aber je größer die Shows werden, umso mehr muss ich überlegen, ob ich das mache, weil Licht- und Tonpersonen davon nicht begeistert sind. Es wird alles sehr intuitiv und wir verändern normalerweise auch die Setlist, spielen nach Gefühl. Man lernt von Konzert zu Konzert und adaptiert, passt alles an.
Spürst du, ob ein Konzert erfolgreich war oder nicht?
Meist schon, aber manchmal wird man auch getäuscht. Manchmal frage ich mich, was mit den Leuten los ist, aber nur weil sie nicht immer laut jubeln und mitgehen, heißt das nichts Schlechtes. Oft hören sie einfach aufmerksam zu. Ich bin selbst eher der ruhig stehende Konzertbesucher, der versucht konzentriert alles mitzukriegen. Oft bejubeln dich die Leute am nächsten Tag auf Instagram - da wäre mir natürlich lieber, sie zeigen mir das direkt beim Gig. Man spürt selbst jedes Konzert anders.
Gibt es auch österreichische Künstler, mit denen du gerne mal arbeiten würdest?
Ich muss es sagen: Aus Österreich kommt extrem viel gute Musik und wir hier in Deutschland müssen uns schon die Frage stellen, was da los ist bzw. warum das bei uns nicht der Fall ist. Super ist zum Beispiel Magda, die einen tollen, neuen Ansatz gefunden hat und Chanson in den Pop vermischt und damit zurecht beim Publikum ankommt. Ich mag die Musik irrsinnig gerne und wenn man oft wo neue Musik hört, weiß man meist, dass sie aus Österreich ist, weil sie so anders klingt. In Deutschland darf man sich da durchaus mehr trauen, ihr macht das schon sehr lange sehr gut. Das sind die Sachen, die dann auch langfristig funktionieren.
Live im Wiener Flex
„Bildet Banden“ ist dann auch Marlo Grosshardts Motto, wenn er das neue Album am 5. September live im Wiener Flex vorstellt – natürlich vermischt mit bekannten Hits und Highlights aus früheren Jahren. Unter www.oeticket.com gibt es noch Karten für den aufstrebenden Liedermacher mit politischem Gewissen.
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