Der Enthüller, der bereits die NSA und damit auch die Regierung von US-Präsident Barack Obama in Bedrängnis gebracht hat, schildert detailliert, welche Staatsvertreter in welcher Form betroffen waren. So seien Abhör- und E-Mail-Überwachungsprogramme in Internetcafés installiert worden, wo Delegationsteilnehmer Kontakt zu ihren Regierungen in der Heimat gehalten und auch untereinander Informationen im Vorfeld der Verhandlungen zu zahlreichen internationalen Themen ausgetauscht hätten.
Medwedew und türkischer Finanzminister unter Opfern
Die im Zuge dieser virtuellen Gespräche entstandenen Daten sammelte laut Snowden der britische Geheimdienst und leitete wichtige Informationen an die britische Delegation weiter, um dieser zu einem Wissensvorsprung zu verhelfen. Auch Handys seien überwacht und über 40 Analysten mit Daten rund um die Uhr versorgt worden. Als prominenteste Spionage-Opfer werden der damalige russische Präsident Dmitri Medwedew und der türkische Finanzminister Mehmet Simsek genannt.
Spionage von Ex-Regierungschef Brown abgesegnet
Offenbar waren die Aktionen des Geheimdiensts durch die britische Regierung unter der Führung des damaligen Premiers Gordon Brown abgesegnet. Protokolle über schriftliche Anweisungen, Beurteilungen bzw. Treffen von Regierungsmitgliedern und Vertretern des Geheimdienstes legen diesen Verdacht nahe.
"Sehr erfolgreiche Telefonaktion"
"Neue, kombinierte Möglichkeiten gegen BlackBerry lieferten im Voraus Unterlagen von G20-Briefings an Kabinettsmitglieder (...) Diplomatische Ziele aus allen Nationen benutzen Smartphones. Dies wurde beim G20-Treffen im vergangenen Jahr ausgenutzt", heißt es in einem der Dokumente, in welche der "Guardian" Einsicht nehmen konnte.
In einem weiteren Schriftstück klopfen sich die Briten nach der Aktion selbst auf die Schulter: "Es hat sich als nützlich herausgestellt, zu notieren, welche nationale Delegation in der Zeit vor, während und nach dem Gipfel aktiv war. Alles in allem ein sehr erfolgreiches Wochenende mit der Telefonaktion gegen Delegationen."
Mit der Aktion habe die britische Regierung offensichtlich einen Verhandlungserfolg beim Gipfeltreffen sicherstellen wollen, heißt es in dem Bericht. Ziele von Spähattacken seien auch Delegationen langjähriger Verbündeter wie Südafrika oder der Türkei gewesen. Das Überwachungsprogramm begann bereits im Vorfeld des Gipfels und dauerte insgesamt rund sechs Monate.
Regierung gibt sich bisher wortkarg
Bisher gab es seitens der Regierung von Premier David Cameron keinerlei Reaktion auf die aktuellen Entüllungen. Im Rahmen des derzeit stattfindenden G8-Gipfels in Nordirland wird sich Cameron aber wohl oder übel auf unangenehme Fragen einstellen müssen, zumal dieser Spionage-Skandal über das politische Ausmaß des NSA-Überwachungsprogramms PRISM weit hinausreicht.
Auch zu den bisherigen Vorwürfen, der britische Geheimdienst habe vom befreundeten US-Dienst NSA Informationen über britische Bürger erhalten und dabei geltende Gesetze umgangen, hatten sich sowohl Cameron als auch der britische Außenminister William Hague ziemlich wortkarg gegeben. Zu Einzelheiten könne man sich nicht äußern, hieß es von beiden.
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