Ashtons Traum

Warum die B-Klasse locker Demi Moore ersetzen kann

Motor
12.10.2012 08:06
Wenn sich Demi Moore um hohe Beträge verjüngen lässt, ist das peinlich. Bei der Mercedes-B-Klasse ist das anders: Sie war früher peinlich (wenn ein Unter-60-Jähriger am Steuer saß), in der neuen Generation macht sogar ein Anfang 20-jähriger Familienvater eine gute Figur. Vielleicht ist mein Testwagen deshalb aus der GTI-Kiste geschminkt worden.

Die neue B-Klasse ist nichts Geringeres als eine Revolution (wenn auch keine ganz so arge wie die A-Klasse), sie bricht mit Altbackenheit und Haarnetz und integriert plötzlich alle Generationen wie eine Großfamilie unter einem Dach. Und auch die Alten werden ja immer jünger. Eine sehr frische Front, gewagte Linien, Sicken und Kanten an den Seiten, alles verjüngt sich bis zum Heck, bei dem den Designern dann wohl etwas der Mut ausgegangen ist.

Auch die neue B-Klasse kann man angesichts der Kopffreiheit mit Hut fahren, allerdings weniger auf Opa-Art, sondern eher wegen Justin Timberlake und Konsorten, die die Krempenhaube auch für nachwachsende Menschen salonfähig gemacht hat. Vor allem wenn der Wagen (siehe Fotos) auf 225ern an 18-Zoll-Alus im 5-Doppelspeichen-Design, mit Sportpaket und Sportfahrwerk vom Hof gleitet.

Kurvencarven wie auf Schienen
Angesichts des Sportdresses wirkt die gewählte Motorisierung dann vordergründig deplatziert. Statt einer fetten AMG-Maschine (die noch nicht angeboten wird, kommt aber noch dieses Jahr) steckt ein 122-PS-Einstiegsbenziner unter der Haube meines B 180. Auf den zweiten Blick lerne ich die Kombination aber schätzen: Was dem Motor an Leistung fehlt, hole ich in den Kurven wieder heraus, denn dieses Auto zieht wie auf Schienen ums Eck, und das mit Geschwindigkeiten, die ich ihm nicht zugetraut hätte. Im juvenilen Sturm und Drang kann man da echt punkten. Keine Spur von Minivan. Auch geradeaus könnte es stabiler nicht gehen.

Ich muss die Fahreigenschaften, die ich unter "B-Klasse" abgespeichert habe, komplett aus meinem Hirn löschen und neu programmieren. Bei einer Blindverkostung des Fahrwerks hätte ich eher auf BMW getippt, aber die Münchner haben ja (noch) nichts Minivanartiges. Und auch die Lenkung (hier die sogenannte Parameterlenkung) ist an Präzision kaum zu überbieten. Das fährt sich alles formidabel.

Des Motors gesammeltes Schweigen
Vom Feinsten ist tatsächlich auch der 1,6-Liter-Vierzylinder. Ich habe selten einen so unaufdringlichen Vierzylinder erlebt. Eigentlich nie. Den hörst du praktisch nicht. Ohne Ganganzeige fährst du ewig im vierten Gang, weil du nicht checkst, dass du noch nicht in den sechsten geschaltet hast. So leise. Dabei liefert er schon ab 1.250/min. 200 Nm Drehmoment aus, über 4.000/min. bricht es dann aber rapide ab. Wie gut, dass man die Höchstgeschwindigkeit von 190 km/h (der Digitaltacho zeigt 194) schon vorher erreicht, jedenfalls im 6. Gang. Der rote Bereich fängt erst bei 6.300 an, da hat Mercedes also recht früh abgeregelt (im 4. Gang erreicht man die 190 km/h auch – bei 5.900 Touren). Das ist möglich, weil die Aerodynamiker bei der Entwicklung über sich hinausgewachsen sind (cW 0,26!). Fast noch besser als die B-Klasse durch den Wind flutscht der Schalthebel durch die Schaltgassen. Erstaunlich ist dabei allerdings, dass die Windgeräusche doch recht präsent sind, wenn man schneller unterwegs ist.

Alle Stückln bei Sicherheit und Infotainment
Trotzdem ist die B-Klasse hervorragend zum Reisen geeignet. Das größte Manko des Testwagens diesbezüglich lässt sich leicht über die Aufpreisliste ausbügeln: Tempomat ist Pflicht. Immer an Bord sind der Müdigkeitsassistent und der "Collision Prevention Assist", der ab 30 km/h radargestützt überwacht, ob nicht ein Auffahrunfall droht, im Fall des Falles warnt und den Fahrer auch tatkräftig bei der Vermeidung unterstützt. Optional gibt's dazu Totwinkel- und Spurhalteassistent und eine Menge weiterer Sicherheitsfeatures. Alles natürlich abschaltbar, wenn man sich in seiner Aufmerksamkeit nicht stören lassen möchte. Es kommt bisweilen der Gedanke an Kassandra-Rufe auf, weil so oft unnötigerweise irgendein Lamperl samt Warnton Alarm schlägt, dass man es irgendwann gar nicht mehr beachtet.

Beachtung verdient allerdings der Innenraum, der absolut hochwertig und mehr als zeitgemäß gestaltet ist. Vor allem die Lüftungsdüsen, die diesen Namen auch verdienen, haben es mir angetan. Stylisch ist auch der feststehende Flachbildschirm im iPad-Design, der leider weder versenkbar noch per Touch bedienbar ist. 

Das aufpreispflichtige Infotainment spielt alle Stückln. Leider fällt das Navigationssystem (Becker Map Pilot) komplett aus dem Rahmen: Es reagiert zu langsam auf Befehle, gibt mir in der Regel unsinnige Routen vor und liegt bei der Zeitschätzung oft völlig daneben. Ohne mein mobiles Billigsdorfer-Navi hätte ich mich grün und blau geärgert und wäre zu spät zu einem Termin gekommen.

Die Sitzposition ist um Klassen besser als im Vorgänger, allerdings steht das Gaspedal zu steil. Angenehm für den Fuß ist es nur bei Vollgas, was aber auch mit 122 PS nicht immer adäquat ist. Sonst rutscht mir das Pedal nach und nach immer weiter Richtung Fußspitze. Zumindest sollte man quergeriffelte Gummisohlen meiden.

Mehr auf die Bedürfnisse seines Fahrers geht der Mercedes in Sachen Ablagen ein (der Testwagen hatte das aufpreispflichtige Ablagenpaket). In die Seitentüren passen problemlos 1,5-Liter-PET-Flaschen. Fürs größere Gepäck empfiehlt sich der 486/1.545 Liter große Kofferraum mit seiner praktischen Handhabung. Und auf die Rückbank passen die Kinder auch dann, wenn sie die Pubertät nach oben verlassen haben, die Eltern um einen Kopf überragen und Basketball spielen.

Und dann war da noch …
Zum Schluss noch ein paar Mecker-Kleinigkeiten: Fahren mit offenem Fenster macht keinen Spaß, es zieht über die Maßen unangenehm. Die Armaturen sind eine Idee zu hoch angebracht. Das jeweils äußere Auge sieht das linke und rechte Eck von Tacho und Drehzahlmesser angeschnitten. Die Arbeit des Regensensors ist nicht viel besser als die des Navis (das ist aber auch bei anderen Fabrikaten oft so) und ich habe – trotz insgesamt gutem Sitzgefühl – immer leichten Kniekontakt zur Konsole. Über den überladenen Blinkerhebel will ich hier schon gar nicht mehr jammern. Eine diesbezügliche Änderung erfordert wohl mehr Mut als die Neuerfindung von B- und A-Klasse zusammen.

Unterm Strich ist die Revolution Länge mal Breite geglückt. Wenn man das Navi weglässt (oder das teurere nimmt) und andere Dinge nicht ganz so kritisch sieht, hat man hier ein hervorragendes Auto, mit dem es sich exzellent leben lässt. Der Testverbrauch liegt bei 8,1 l/100 km. Wenn man die Vollgasfahrten auf deutschen Autobahnen weglässt, kommt sicher ein noch verträglicherer Wert heraus (Normverbrauch 5,9-6,2 Liter). Zur Wahl stehen auch noch ein 156-PS-Benziner, der besser zur sportlichen Anmutung des Testwagens passen würde, sowie zwei Diesel mit 109 und 136 PS, alle vier eigens für die B-Klasse neu konstruiert.

Die Preisunterschiede sind gering, Einstiegspreis zwischen 27.700 und 31.200 Euro. Der Testwagen kommt mit Extras im Wert von rund 12.000 Euro auf knapp 40.000.

Demi Moores Körper war sicher teurer. Und Ashton Kutcher steht inzwischen eher auf etwas, das nicht nur frisch aussieht. Immerhin ist Mila Kunis zur "Sexiest Woman alive" gekürt worden. Vielleicht zeigt ihm mal jemand die B-Klasse...

Warum?

  • Erfrischend frisches Design
  • Revolutionen gehören unterstützt

Warum nicht?

  • Mieses (Becker-) Navi
  • Revolution hört vor dem Heck auf

Oder vielleicht …

… den starken Benziner wählen. Andere Autos wie Touran und Co. will ich hier eigentlich gar nicht ins Spiel bringen.

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