Mi, 15. August 2018

Vorurteil zerstört

10.08.2011 10:20

Audi A1 zeigt im Test, warum er kein Kleinwagen ist

Ich sag's, wie's ist: Mein Urteil über den Audi A1 hat schon festgestanden, bevor ich ihn überhaupt gefahren habe – ein überteuerter VW Polo mit Audi-Auftritt. Tja, und dann habe ich den Testwagen übernommen. In den folgenden Tagen musste ich mein Vorurteil grundlegend überdenken und bin schließlich zu einem Fan des kleinen Ingolstädters geworden.

Ja, der A1 hat den Polo als technische Basis. Ja, er ist erheblich teurer als der Wolfsburger Bruder. Ja, das ist viel Geld für einen Kleinwagen, und deshalb verkauft sich der Audi auch bei Weitem nicht so gut, wie es sich der Konzern wünscht.

Es haben schon viele Hersteller versucht, hochwertige Kleinwagen zu bauen, und das ist einigen auch gelungen. Alfa Mito, Citroen DS3, VW Polo, erst recht Mini, der das Kleinsein zum Kult erhoben hat und vom sportlichen Fahrverhalten her eine Klasse für sich ist. Und das ist der große Unterschied: Der Audi A1 ist eigentlich kein Kleinwagen, sondern ein Premium-Mittel- oder sogar Oberklassler (je nach Exzessivität beim Ausflug in die Aufpreisliste), der ins XS-Format übersetzt wurde (wobei Basis-Spender Polo trotz S-Format ein echter Kleinwagen ist). In nüchternen Vergleichtests mit Kleinwagen muss er den Kürzeren ziehen, weil sich sein Preis nicht mit besseren technischen Eigenschaften und erst recht nicht mit einem größeren Platzangebot rechtfertigen lässt.

Warum kauft man einen Kleinwagen?
Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe, einen Kleinwagen zu fahren: Entweder weil man sich keinen Größeren leisten kann, oder weil man eben ein kleines Auto braucht, etwa weil man viel in der Innenstadt unterwegs ist, dauernd Parkplätze suchen muss oder einfach mit großen Abmessungen nicht klarkommt (ja, auch das gibt's, und man kann es ruhig zugeben). Der A1 ist definitiv ein Auto für Leute, die ein kleines Auto brauchen, sich aber ein größeres leisten können und es eigentlich auch fahren würden, aber wegen der (größeren) Größe darauf verzichten.

Ein Audi A5 fühlt sich ja auch nicht nur deshalb wie ein A5 an, weil er so groß ist, und genau dieses Premiumgefühl überträgt Audi in den Kleinen. Sei es bei den Innenraummaterialien und der perfekten Verarbeitung, beim Design innen und außen, bei der Grafik der Scheinwerfer, dem erwachsenen Fahrverhalten, der Ruhe im Innenraum, der Haptik allüberall (allem voran die des konturierten Lederlenkrades im Testwagen). Nicht dazu passen will allerdings der blanke gelbbraune Schaumstoff, der einen "anspringt", wenn man die Rückbank umklappt.

Ausstattungsmöglichkeiten wie in der Luxusklasse
Absolut premium ist die Ausstattung; allerdings nur, wenn man Geld in die Hand nimmt und in der Aufpreisliste aus dem Vollen schöpft, denn in der Basisversion, die ab 16.500 Euro zu haben ist, sucht man sogar eine Klimaanlage vergebens. Doch die Möglichkeiten sind vom Feinsten, sodass der Testwagen etwa mit Xenonlicht, LED-Heckleuchten, Klimaanlage, Tempomat, dem MMI-Bediensystem mit ausfahrbarem Bildschirm sowie mit Licht-, Regen- und Parksensoren ausgestattet ist. Auch die Dachbögen in Kontrastfarbe kosten extra, die mich wie hier beim Test-A1 an Elefantenstoßzähne erinnern.

Schon der Testwagen kommt mit 105-PS-Dieselmotor auf satte 27.000 Euro (Basispreis für diese Motorisierung ist 19.500 Euro), dabei ist da noch viel Luft nach oben, etwa mit Bose-Surround-Anlage mit 465 Watt und 14 Lautsprechern, Top-Navigationssystem, Panoramaglasdach oder schlüssellosem Zugang und Start.

Im Alltag erweist sich der 1,6-Liter-TDI als gute Wahl. Er ist kultiviert, sehr gut gedämmt und fährt sich souverän. Lediglich beim Anfahren dürfte er mehr Power liefern, obwohl er sein maximales Drehmoment von 250 Nm schon bei 1.500/min. zur Verfügung stellt. Das wird dann wohl eher an der Getriebeübersetzung liegen. Die Handschalter kommen alle mit fünf Gängen, die sauber zu schalten sind, lediglich zwischen 2. und 3. Gang ecke ich beim Raufschalten hin und wieder an. Start-Stopp-System ist Serie; es startet den Motor beim Tritt auf die Kupplung ausreichend schnell, wenn auch nicht blitzschnell, und ist richtig intelligent: Würgt man den Motor ab, z.B. weil man im 2. Gang zu langsam wird, startet der Motor selbsttätig, sobald man wieder auf die Kupplung steigt. Das Start-Stopp-System ist also auch ein Anti-Abwürg-System.

Der Sprint aus dem Stand auf 100 km/h ist in 10,5 Sekunden möglich, doch der A1 ist auch für lange Strecken gemacht. Die Sitze sind auch auf Dauer bequem und bieten guten Seitenhalt, das Sportfahrwerk des Testwagens fühlt sich erwachsen sportlich an, bietet dennoch guten Komfort auch auf holprigen Straßen, lediglich kurze Stöße kommen härter durch. Und natürlich lässt sich kein längerer Radstand simulieren.

Fragen unserer Facebook-Fans
Ein Facebook-User hat mich nach dem tatsächlichen Verbrauch gefragt: An den Normwert von 3,9 l/100 km bin ich nicht herangekommen, tatsächlich waren es 5,5 l/100 km, wobei ein Liter weniger keine Hexerei ist. Ein weiterer Fan auf Facebook wollte wissen, wie schnell man mit dem A1 im Kreisverkehr fahren kann, "bis es zu schieben anfängt so wie alle anderen Audis/VWs": In meinem Haus-und-Hof-Kreisverkehr war ich fast so schnell wie z.B. mit einem Mercedes SLK.

Kein Auto für Familien
Der Audi A1 ist als Viersitzer eingetragen, in der Mitte der Rückbank sind Ablagen untergebracht. Zwar beklagt sich ein Facebook-User darüber, dass man hinten nicht zu dritt sitzen darf, doch ist das eher als Akt der Menschlichkeit zu sehen, denn es geht richtig eng zu in der zweiten Reihe. Durch die elegante flache Dachlinie sollten Erwachsene auf den durchaus bewältigbaren Einstieg nach hinten einfach verzichten. Die Kategorie "Platzwunder" wird im Allgemeinen von "echten" Kleinwagen bespielt. Auch der Kofferraum ist keine Turnhalle. Er fasst 270 Liter, wobei ein großer Teil davon durch einen doppelten Boden verloren geht, der eine Etage tiefer nicht sauber einzulegen ist. Wirklich zu wenig Platz ist aber im Rückspiegel, der ist eindeutig zu klein geraten.

Auf der Autobahn hat man im A1 (zusätzlich zum komfortablen Fahren) einen großen Vorteil gegenüber anderen Fahrern kleiner Autos: Im Rückspiegel der Vorausfahrenden sorgt der gewohnte Singleframe-Grill für spürbares Überholprestige. Für echte Ambitionen sollte man vielleicht zum 1.4 TFSI mit 185 PS und 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe greifen, doch auch der Diesel rennt 190 km/h.

Wer es weiterhin nüchtern betrachten will, für den bleibt der Audi A1 ein Kleinwagen, der richtig viel Geld kostet und der darüber hinaus noch teurer gemacht werden kann. Mein Wunsch-A1 würde laut Konfigurator 40.473,43 kosten. Irgendwie ist es wie bei Notebooks: Da kosten die kleinen mit der guten Ausstattung auch mehr als die Großen.

Stephan Schätzl

Warum?

  • Der einzige Kleinwagen, der keiner ist.
  • Premium ist bei der Größe sonst nirgends zu bekommen.

Warum nicht?

  • Wer einen Kleinwagen mit Platz wie ein Großer sucht, ist hier falsch.

Oder vielleicht …

Eigentlich ist der Audi A1 konkurrenzlos, dann aber mit zunehmender Distanz: Mini, Mito, DS3.

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