23.11.2020 14:13 |

Rasante Entwicklung

Autonome Baumaschinen: Droht ein Job-Kahlschlag?

In der herstellenden Industrie sind Roboter längst Alltag, im Transport werden selbstfahrende Autos und Laster erprobt, in anderen Zweigen der Wirtschaft steht die große Automatisierung noch bevor. Als abgeschlagen galt bisher die Bauwirtschaft. Doch der Fortschritt der letzten Jahre hat Roboter auf die Baustellen gebracht, die Wände verputzen, Löcher baggern, Tunnel bohren, Ziegeln legen - oder automatisch Schutt und Baumaterial transportieren. Auch Maschinen, welche die Arbeit ihrer menschlichen Kollegen überwachen, gibt es. Die Arbeiter beobachten sie mit einer Mischung aus Staunen - und Angst vor Jobverlust.

Theresa Arevalo vom US-Start-up Canvas hat als Schülerin in der Baufirma ihres Bruders mitgeholfen und erinnert sich noch, wie sie auf den Baustellen Rigips-Wände hochgezogen hat. Besonders in Erinnerung blieb ihr, wie viel Feingefühl es braucht, sie am Ende zu verputzen und alles glatt aussehen zu lassen. Heute arbeitet sie bei einer Firma, die einen Roboter entwickelt hat, der diesen Job übernimmt.

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Sie lieben die Tatsache, dass alles passt und die Wand wunderbar wird. Aber ihre nächste Frage ist: Wann nimmt mir das meinen Job weg?

Theresa Arevalo, Canvas

In den letzten Monaten hat Arevalo den Roboter auf mehreren Baustellen in Kalifornien getestet - unter anderem am Flughafen von San Francisco. Der Roboter scannt seine Umgebung auf der Baustelle per Laser-Scanner, identifiziert unfertige Wände und verputzt sie mit seinem Roboterarm und einer Düse vollautomatisch. Nur für die Überwachung und die Feinarbeit in den Ecken braucht es noch einen Menschen, der ihm hilft. Die Reaktionen der menschlichen Arbeiter? Dem IT-Magazin „Ars Technica“ sagt Arevalo: „Sie lieben die Tatsache, dass alles passt und die Wand wunderbar wird. Aber ihre nächste Frage ist: Wann nimmt mir das meinen Job weg?“

Marktforscher erwarten riesige Wachstumsraten
Tatsächlich steht die Baubranche vor großen technologischen Umwälzungen, prognostizieren Experten. Der Wirtschaftsberater McKinsey wies bereits 2017 in einem Papier darauf hin, dass die Baubranche bei der Automatisierung anderen Wirtschaftszweigen hinterherhinke. Entsprechend große Sprünge seien hier in den kommenden Jahren zu erwarten. Beim Marktforscher IDC geht man heuer davon aus, dass die Nachfrage nach Robotern für die Baustelle in den kommenden Jahren jährlich um 25 Prozent zunehmen wird - eine enorme Wachstumsrate, die nach McKinsey-Einschätzung auch von der Corona-Pandemie und den daraus resultierenden Schwierigkeiten für menschliche Arbeiter befeuert wird.

Roboter baggern, bohren, schweißen und legen Ziegel
Alex Schreyer, Experte für Bau-Technologie an der University of Massachusetts, erwartet ebenfalls einen Boom bei Robotern für die Baubranche. Einige der größten Fortschritte sehe man aber nicht direkt auf der Baustelle, sondern im Umfeld dieser - etwa in Form der großangelegten Vorfertigung von Bauteilen mit 3D-Druckern. Aber es werden auch immer mehr Roboter direkt auf der Baustelle gesichtet. Dazu zählen- siehe Video oben - etwa autonome Bagger vom US-Start-up Build Robotics, autonome Muldenkipper von Volvo oder auch Spezialroboter, die Löcher bohren, Schweißen oder - Ziegel für Ziegel - ganze Wände hochziehen.

KI-Scanner inspiziert Fortschritt auf der Baustelle
Künstliche Intelligenz, die Sensordaten und Bilder der Umgebung analysiert und autonome Bagger und andere Maschinen steuert, kann auf Baustellen aber auch eingesetzt werden, um die Arbeit der menschlichen Bauarbeiter zu überwachen. In diese Nische drängt das Start-up Doxel, das einen Inspektionsscanner entwickelt hat, der den Fortschritt von Baustellen überwachen und bei Verzögerungen oder Kostenüberschreitungen warnen soll. Auch andere Roboter, unter anderem der vierbeinige Spot aus dem Hause Boston Dynamics, werden als Inspektionsroboter auf Baustellen und in Industrieanlagen getestet. Auch Drohnen können diesen Zweck erfüllen.

Die Macher der neuen Roboter für die Bauwirtschaft kommen oft aus bekannten Firmen: Kevin Albert, der Chef und Mitgründer von Canvas, wo Roboter Rigips-Wände verputzen, arbeitete früher zum Beispiel beim Spot-Hersteller Boston Dynamics.

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Wir sehen Bauarbeiten als mobile Fertigung. Es ist eine natürliche Erweiterung dessen, was Maschinen heute in der echten Welt bewerkstelligen können.

Kevin Albert, Chef und Mitgründer von Canvas

Er ist überzeugt, dass die derzeitigen Baustellen-Roboter nur der Anfang sind. In der Baubranche, die in den USA jährlich 1,4 Trillionen US-Dollar umsetze und für sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts verantwortlich zeichne, sieht er viele Möglichkeiten. „Wir sehen Bauarbeiten als mobile Fertigung. Es ist eine natürliche Erweiterung dessen, was Maschinen heute in der echten Welt bewerkstelligen können.“

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger
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