Do, 19. Juli 2018

Toller Rotzbengel

14.01.2009 13:26

Die Honda VFR im Test

So viel Sportler wie möglich, so viel Tourer wie nötig dürfte das Motto sein, nach dem die Honda VFR gestrickt ist. Auf jeden Fall alles richtig machen, damit man in jeder Situation den bestmöglichen Spaß hat. Dass man auf der Suche nach Perfektion manches ZU perfekt macht, liegt in der Natur der Sache.

Vorne herum ist die VFR eine Kreuzung aus Renner und Tourer, hinten machen sie die vier Röhrln unterm Sitz zum Straßenräuber. Das gediegene Metallicrot der Testmaschine sorgt für den nötigen Ernst. Auf diesem High-Tech-Sporttourer macht man auch eine gute Figur, wenn man nicht zu den jungen Wilden gehört. Man weiß, man könnte jederzeit, aber man muss nicht dauernd beweisen, dass man würdig ist, den aggressiv bemalten Bock zu bewegen. Souveränität heißt das.

Die Sitzposition könnte besser nicht sein, das sagt sogar mein linkes Knie, das sich beim Tankstopp nach 250 Kilometern noch seines Lebens und voller Beweglichkeit erfreut. Und der Hintern, der sich während der Fahrt ausgeruht hat. Und die Handgelenke, wenn ich mich nicht wieder, faul wie ich bin, dauerhaft komplett draufstütze. Und die Sozia, der zwar das Kreuz wehgetan hat, aber das ist eine andere Geschichte. 

Schnell schön reisen
Die großartige Verkleidung trägt das Ihre zum Komforteindruck bei, ein Reisetempo von 180 km/h (vielleicht nicht gerade auf winkeligen Bergstraßen) ist stressfrei drin. 244 km/h versprechen die Papiere, 225 laut Tacho habe ich ausprobiert, den Kopf hinter der Scheibe. Das geht wunderbar, auch das Fahrwerk spielt bestens mit, da wird nix unruhig. 

Würde im Typenschein nicht 249 bei „Eigengewicht (kg)“ stehen, hätte ich nicht geglaubt, dass die VFR eine Vierteltonne auf die Waage bringt. Sie fühlt sich bei weitem leichter an, geradezu leichtfüßig. Sie flockt durch die Kurven, wie ich es mir wünsche, und ist dabei immer gut zu beherrschen. Im Notfall greift das (optionale) ABS ein, das mit Samthandschuhen regelt. Nicht ganz perfekt geht enges Wenden im Schritttempo vonstatten, da schränkt der Tank den Lenkeinschlag ein. Ist aber halb so wild. 

Der Rotzbengel gibt ordentlich Gas
So weit, so perfekt. Womit wir zu „zu perfekt“ kommen. Honda hat sich etwas einfallen lassen, um unten herum möglichst viel Drehmoment aus den 782 cm³ zu quetschen und oben herum nicht die Luft ausgehen zu lassen. VTEC heißt das und funktioniert relativ einfach: Bei 6.600 U/min. schaltet der V4-Motor von Zwei- auf Vierventilbetrieb um. Es geht ein Ruck durch die Maschine, wie wenn plötzlich ein Nachbrenner zünden würde, es schiebt ordentlich an und der Sound wird rotzig. Mir ist das ein bisserl zu hemdsärmlig, eine harmonische, lineare Kraftentfaltung habe ich lieber. Aber dafür geht die VFR gut. Blöd ist es halt nur, wenn man sich an der Haftgrenze bewegt und plötzlich der Extraschub kommt. 

Wenn man bedenkt, dass es sich hier um eine 800er mit 107 PS handelt, ist das Drehmoment von 80 Nm bei 8.700 U/min. sehr okay, man verhungert auch im Soziusbetrieb nicht, wobei man natürlich drauf schaut, dass man sich über 6.600 Touren bewegt, wenn man es eilig hat. Zum Cruisen taugt der Zweiventilbetrieb bestens. 

Fazit:
Die VFR ist ein schwerer Leichtfuß mit Rotzbengel-Attitüde, ergonomische Ernsthaftigkeit gepaart mit einer kleinen Frechheit. Absolut tourentauglich, spaßbereit und bestens ausgestattet, inklusive per Hand einstellbare hintere Federung für das Fahren zu zweit. Alles, was fehlt, ist ein Umschalten des Kilometerzählers auf gefahrene Kilometer seit Erreichen der Spritreserve. Mit ca. 15.000 Euro inklusive ABS kein Schnäppchen, aber gut und sicher angelegtes Geld.

Stephan Schätzl

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