Wer die R-Klasse besteigt, entert ein ziemliches Schiff, das eine Menge Qualitäten hat, sie ist ein Van mit SUV-Fähigkeiten, der auch vor dem Nobelitaliener eine gute Figur macht. Am besten macht sie sich als aber flotter Autobahn-Dampfer. Sie rauscht und gleitet dahin, durch die (optionale) Airmatic-Luftfederung mit Adaptivem Dämpfungssystem gleitet man komfortabel auch über schlechten Untergrund.
Für die schnelle Kurvenhatz sollte man dieses Schiff nicht missbrauchen, das Fahrgefühl ist eher amerikanisch, Wanken inklusive. Zwar lässt sich das Fahrwerk dreistufig verstellen (normal, Sport, Komfort), der Druck aufs Knopferl zahlt sich aber nicht aus, normal reicht völlig aus. Auf „Sport“ spürt man Bodenunebenheiten deutlich, ohne dass sich das Fahrverhalten spürbar versportlicht, auf „Komfort“ schaukelt der 2,2-Tonner so, dass man seekrank wird.
4+2=R
Das Reisen ist allerdings ein Genuss, auch für die Mitfahrer, wenn sie nicht allzu groß gewachsen sind. Vorne sitzt es sich ausgesprochen komfortabel und großzügig, die Sitze sind bequem (viel Seitenhalt brauchen sie nicht), die Bedienung ein Kinderspiel. Dadurch, dass sich der Wählhebel der Siebengang-Automatik am Lenkrad befindet, ist viel Platz auf der Mittelkonsole, der auch gut genutzt ist.
In Reihe zwei befinden sich zwei verschwenderisch wirkende Einzelsitze, was den Charakter eines schnellen Reiseschiffes für Erwachsene verstärkt. Langbeinige sitzen hier allerdings etwas beengt, jedenfalls in der 4,92 Meter langen Normalversion (ab R 320 CDI ist die 5,15 Meter lange Stretchversion verfügbar); aus dem Kofferraumboden lassen sich genial einfach zwei weitere Sitze zaubern, auf denen man sogar ganz passabel sitzen kann. Allerdings sollten dort eher die Enkerl als die Oma sitzen.
Beschränkt man sich auf vier Sitze, steht mit immerhin 550 Litern auch ein ganz passabler Kofferraum zur Verfügung, bei Vollbestuhlung sind es nur noch 244 Liter. Wer nur mit Beifahrer reist, bringt 1.950 Liter unter.
Guter Schiffsdiesel
Sogar mit dem Einstiegsmotor, dem 140 kW/190 PS und 440 Nm starken R 280 CDI, fühle ich mich nie untermotorisiert. Der seidige Sechszylinder treibt die Yacht in 9,8 Sekunden auf Tempo 100, 210 km/h sind maximal drin (laut Tacho deutlich mehr). Der Verkehr hat sich im Test auf gut 11 Liter/100 km eingependelt.
Serienmäßig werden alle vier Räder angetrieben, mit Luftfederung lässt sich auch noch die Bodenfreiheit erhöhen; das elektronisch gesteuerte Traktions-System 4ETS ist Serie. So lassen sich dann auch richtig schlechte Wege befahren oder dick verschneite Straßen bewältigen. Mehr Gelände-Fähigkeiten werden auch den meisten echten Jeeps nicht abverlangt. Der Begriff „Reise-SUV“, den man bei Mercedes gerne für die R-Klasse verwendet, geht also durchaus in Ordnung. Die R-Gene stecken immerhin auch in der M-Klasse, beide Fahrzeuge werden im selben US-Werk gebaut, viele Teile sind baugleich.
Reisen mit Wohlfühlgarantie
Noch etwas dürfte die R-Klasse zum Reisen prädestinieren: In Praxisuntersuchungen hat Mercedes festgestellt, dass die Pulsfrequenz des Fahrers niedriger ist als in anderen Fahrzeugen, und zwar je nach Fahrsituation bis zu 1,6 Schläge pro Minute. Irgendwie ein beruhigendes Gefühl. Beim Blick auf die Preisliste wird es sich jedenfalls nicht einstellen: Der Testwagen kostet mit ein paar Extras im Wert von 16.500 Euro gut 75.000 Euro. Die Top-R-Klasse, die Langversion des R 63 AMG mit 510 PS, kommt auf mindestens knapp 120.000 Euro.
Stephan Schätzl
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