Mo, 10. Dezember 2018

Piraterie im Netz

22.09.2017 10:41

Die Studie, die Brüssel uns nicht zeigen wollte

Mit dem Argument, illegale Streams und Downloads würden die Verkaufszahlen von Filmen, Musik oder Computerspielen negativ beeinflussen, arbeitet die EU-Kommission an einem verschärften Urheberrecht. Ausgerechnet eine Studie, die bereits 2015 von der EU selbst in Auftrag gegeben wurde, spricht illegalen Downloads diesen Effekt aber weitgehend ab. Die Ergebnisse wurden von der EU offenbar jahrelang verschwiegen.

Wie "Heise" berichtet, denkt die EU-Kommission derzeit über eine Verschärfung des Urheberrechts nach - unter anderem mit der Begründung, illegale Downloads würden die Verkäufe bei Filmen, Musik, Büchern oder Games negativ beeinflussen. Eine 2015 von der EU-Kommission selbst in Auftrag gegebene Studie sieht allerdings "keine tragfähigen statistischen Beweise für die Verdrängung von Verkäufen durch Urheberrechtsverletzung." Ausnahme: aktuelle Blockbuster-Filme.

Auf Basis dieses einen Punktes hat die EU-Kommission 2015 einen Aufsatz veröffentlicht, in dem die Umsatzverluste der Content-Branche thematisiert wurden. Die Studie, aus der hervorgeht, dass bei Serien, Games, Musik oder Büchern kaum Zusammenhänge zwischen Piraterie und Verkäufen zu beobachten sind, ist darin lediglich eine Fußnote und wurde seither unter Verschluss gehalten. Die EU-Parlamentarierin Julia Reda, die für die Piratenpartei und die Grünen im Parlament sitzt, nennt dieses Vorgehen "unredlich". Sie hat sich die Studie mittels Antrag auf Informationszugang besorgt und sie Netzpolitik.org zugespielt.

Illegale Downloads schaden nicht immer
Die 300-Seiten-Studie der niederländischen Beratungsfirma Ecorys enthält die Daten einer Umfrage unter 30.000 Europäern. Deutsche, Franzosen, Briten, Polen, Spanier und Schweden wurden zu ihrem Umgang mit illegalen Downloads und ihrem Kaufverhalten bei Filmen, Büchern, Musik und Games befragt. Das Ergebnis: Bei aktuellen Blockbuster-Filmen sorgen illegale Downloads tatsächlich in 27 Prozent der Fälle dafür, dass ein Film nicht gekauft wird. Pro hundert illegalen Downloads fallen also 27 Verkäufe weg.

Bei anderen Inhalten zeigt sich ein anderes Bild. So scheinen illegale Downloads bei Games sogar einen positiven Effekt auf die Verkaufszahlen zu haben. Wird ein Spiel 100 Mal illegal heruntergeladen, sorgt das bei 24 Downloadern dafür, dass sie es kaufen - möglicherweise, um an den Kauf gebundene Zusatzinhalte oder Multiplayer-Features zu nutzen. Im Bereich der Musik kommt die Studie zu einer Verdrängungsrate von Null, hier kann also nicht statistisch nachgewiesen werden, dass durch illegale Downloads weniger Musik verkauft würde. Bei Büchern sei das Gesamtaufkommen der Raubkopien so gering, dass sich keine statistisch validen Verdrängungsraten errechnen lassen.

Verschleierung der Studie sorgt für Empörung
Dass die Erkenntnisse, die nicht für eine Verschärfung des Urheberrechts sprechen, von der EU-Kommission zwei Jahre lang verschwiegen wurden, wird im Netz mit Empörung aufgenommen. Reda fordert die Kommission deshalb auf, "zeitnah mehr solide Beweise in der Copyright-Debatte vorzulegen" und hofft, die Studie könnte in den nächsten Tagen nach zwei Jahren in den Schubladen der Kommission endlich veröffentlicht werden.

Für die Bürger ist die Angelegenheit jedenfalls ein Ärgernis. Einerseits, weil solche Vorkommnisse das Vertrauen in die EU an sich schädigen, andererseits weil die teilweise Veröffentlichung gewünschter Ergebnisse nahelegt, dass die Studie nicht als neutrale Entscheidungsgrundlage, sondern als Argumentationshilfe für die Durchsetzung längst definierter Ziele einzelner Interessensgruppen dienen sollte.

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger

Kommentare

Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Aktuelle Schlagzeilen
3:1 nach Verlängerung
River Plate gewinnt Krimi um Copa Libertadores!
Fußball International
Deutsche Bundesliga
Mönchengladbach weiter erster Dortmund-Verfolger!
Fußball International
Hier das Video
Zittersieg! Bale rettet Real gegen Schlusslicht
Fußball International
Für 28 Millionen Euro
Özil droht „Abschiebung“ von Arsenal zu Inter!
Fußball International
Deutsche Frauen-Liga
Prohaska, Georgieva & Billa überzeugen mit Toren!
Fußball International
In Schottland-Liga
Rapids EL-Gegner Rangers neuer Tabellenzweiter
Fußball International
Krawall in Mattersburg
Fan-Wut! Austria-Anhang geht auf Spieler los
Fußball National

Newsletter

Melden Sie sich hier mit Ihrer E-Mail-Adresse an, um täglich den "Krone"-Newsletter zu erhalten.