Mi, 24. Oktober 2018

Superbike gestrippt

19.06.2016 13:15

Yamahas nackter Hammer: MT-10 lebt!

Ob ich der Erste sein will, der die Yamaha MT-10 in Österreich testet? Was für eine Frage! Die ganze Motorradwelt, jedenfalls der Teil davon, der sich was aus Naked Bikes macht, ist scharf drauf, dieses heiße Teil zwischen die Beine zu nehmen. Und so viel vorweg: Es zahlt sich extrem aus! Die Striptease-Version der YZF-R1 hält, was sie verspricht.

Mit der Optik halte ich mich gar nicht mehr lange auf. Ja, sie ist nicht die Schönste. Manche Motorräder dürfen offenbar nicht mehr ausschauen wie Motorräder; die Yamaha MT-10 könnte so, wie sie ist, eine Rolle in einem Transformers-Film spielen, auf jeden Fall hat ihre Frontmaske was von dem Roboter aus "Nummer 5 lebt", auch wenn es purer Zufall ist, dass die MT-10 zum 30-jährigen Jubiläum des Films auf den Markt kommt.

Das hat aber einen Vorteil: Jeder erkennt sie. Am Straßenrand drehen sich die Menschen nach mir - bzw. nach der MT-10 - um, einige sogar, obwohl sie mit dem Handy ins Gespräch vertieft sind. Einer erstarrte geradezu auf dem Zebrastreifen. Auch ihr Sound fällt auf, der 998 ccm große Crossplane-Motor mit 90-Grad-Hubzapfenversatz der Kurbelwelle klingt böser als andere Vierzylinder. Da schimmern Nuancen durch, die mich an Zwei- und Dreizylinder erinnern.

Das Triebwerk stammt aus dem Superbike YZF-R1, wurde aber für den Nackt-Einsatz grundlegend überarbeitet, wie man das in so einem Fall eben macht. Beim Streetfighten braucht es andere Eigenschaften als auf der Rennstrecke. Was bleibt, sind 160 statt 200 PS sowie 111 Nm bei 9000/min. statt 112,4 Nm bei 11.500/min. In der Praxis bedeutet das Unmengen an Schub von unten heraus. Ab 3000/min. geht es richtig los, ab 6000/min. kommen Vibrationen im Schritt dazu. Die Art und Weise, wie sie die Kraft abliefert, ist wirklich beeindruckend. Gefühlt ist da noch mehr Drehmoment am Weg, so satt kommt das daher.

Drei Fahrmodi: Scharf, schärfer, irre
Egal bei welcher Drehzahl - dreh am Griff und sie schiebt an! Je nach gewähltem Fahrmodus kann das durchaus mal zu viel Gas sein. Drei Fahrmodi stehen zur Wahl, A, Standard und B, in der Reihenfolge abzurufen. Mit Standard macht man nichts verkehrt, A könnte man als Attacke bezeichnen, mit sehr scharfer Gaskennlinie. Tja, und B, ja, B kennt man als Regenmodus - aber weit gefehlt: B würde ich mit "Blinde Wut" ausschreiben, da geht es richtig heftig zur Sache. Sicher kein Alltagsmodus. Alle drei Modi liefern unbeschnitten die volle Leistung. Unabhängig davon lässt sich die serienmäßige Traktionskontrolle dreistufig verstellen oder abschalten. Das ABS (ohne Kurvenfunktion) nicht, aber es regelt feinfühlig, auch wenn der Bremsweg auf extrem unebener Straße schon mal etwas länger werden kann.

Ich steppe das knackig-präzise Getriebe durch, wobei ich den optionalen Schaltassistenten nicht vermisse, aber im Zweifelsfall würde ich ihn mitbestellen. Aber auch ohne geht es geschmeidig dahin, nie kommt Hektik auf, die MT-10 macht, was sie soll, wartet nicht mit unangenehmen Überraschungen auf. Ich habe extrem schnell Vertrauen in das Fahrwerk gefasst und fühle mich sauwohl. Spielerisch schwinge ich von Kurve zu Kurve zu Kurve, die 210 kg dürften gut verteilt sein - und der Radstand von nur 1,40 Meter macht sie zusätzlich agil. Der rasiermesserscharfen Präzision zuträglich ist auch das ziemlich harte, voll einstellbare Fahrwerk, das allein schon die sportlichen Ambitionen erkennen lässt. Adaptiv ist es nicht, es entspricht technisch dem der R1 (nicht dem der R1M, das ist adaptiv), ist aber etwas weicher abgestimmt.

Auch die Sitzposition passt, sogar für mich mit meinen 1,88 Metern. Da zwickt nix, und ich könnte, glaube ich, durchaus länger im Sattel verbringen, wenn ich nicht so oft tanken müsste. 17 Liter sind zu wenig, wenn der Verbrauch bei nicht sonderlich aggressiver Fahrweise 7 l/100 km beträgt.

Dafür spart mir die Japanerin bares Geld - dank ihres serienmäßigen Tempomaten überschreite ich Tempolimits nicht mehr versehentlich. Einfach am linken Griff einstellen (zwischen 50 und 180 km/h), schon kann ich der Rennleitung eine lange Nase zeigen. Apropos einfach: Die Bedienung ist hervorragend, das monochrome Display übersichtlich und hervorragend abzulesen. Lediglich die beiden am Display angebrachten Knöpfe für Uhr und Reset sind etwas altmodisch, wenn auch anderswo durchaus üblich. Großes Plus: eine große 12-Volt-Buchse in der Verkleidung.

Unterm Strich
Die Yamaha MT-10 ist der große Wurf, den wir uns erhofft haben. Wer mit der ungewöhnlichen Optik leben kann, bekommt um 15.999 Euro ein gut ausgestattetes (inkl. LEDs vorn und hinten) Kampfgerät, das jederzeit Spaß macht und die persönliche Hausstrecke ganz neu erleben lässt.

Warum?

  • Sound, Motor und Fahrerei sind erstklassig

Warum nicht?

  • Kein Kurven-ABS

Oder vielleicht …

… BMW S 1000 R, KTM 1290 Super Duke, Suzuki GSX-S 1000, Kawasaki Z 1000 Performance, Ducati Monster, Triumph Speed Triple

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