So, 19. August 2018

Fehlerkette & Chance

10.12.2015 16:25

VW-Spitze redet erstmals so etwas wie Klartext

Erstmals seit Beginn des Diesel-Debakels ist die VW-Spitze Rede und Antwort gestanden - wenn auch durchaus Aussagen dabei waren, die man bereits kannte oder die man in Handbüchern zum Krisenmanagement nachlesen kann: Man wolle alles schonungslos aufklären, man werde an der Affäre nicht zerbrechen, die Krise sei auch eine Chance. Doch es wurde auch mit Inhalt gesprochen. Bei den Wolfsburgern soll jetzt die Stunde der Unangepassten schlagen.

Es sind kurze Sätze, mit denen Matthias Müller den Kulturwandel bei Volkswagen nach "Dieselgate" ausruft. "Wir brauchen keine Ja-Sager", "Wir brauchen ein Stück mehr Silicon Valley" oder "Der Airbus wird verkauft." Der VW-Chef weiß um die Symbolik solcher Sätze, die er fast beiläufig in seinen langen Vortrag einstreut. Der größte der konzerneigenen Firmenjets passe nicht mehr ins Bild. Bescheidenheit, Offenheit und mehr Erfindergeist wünscht sich Müller.

Pragmatismus statt Machtwille
Immer wieder hatte der Konzern Kritik für seine eigene Luftflotte einstecken müssen. Sie soll zwar bleiben, aber schrumpfen. Die Manager des Konzerns sollen weniger fliegen - und mutiger werden. Alles soll anders werden. Mitarbeiter sollen keine Angst mehr vor Fehlern und Widerspruch haben. Verordnen könne er das nicht, sagt Müller. Der Vorstand müsse das vorleben. Der Wille nach Macht und Größe, wie ihn die Vorgänger vor sich hertrugen, scheint einem neuen Pragmatismus gewichen.

Zur "Diesel-Thematik", wie der Skandal vom Konzern öffentlich genannt wird, sagte er zwar nicht viel Neues, verbreitete aber die Botschaft: Der Konzern bekommt das Problem allmählich im Griff.

VW-Führung steht Rede und Antwort
Es war die große Stunde der VW-Führungsspitze: Erstmals seit dem Bekanntwerden des Abgas-Skandals standen Müller und VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch am Donnerstag in Wolfsburg der Öffentlichkeit ausführlich Rede und Antwort. Der Konzern kommt bei der Aufklärung und der Suche nach technischen Lösungen gut voran, so die Kernbotschaft.

"So ernst die Situation auch ist: Dieses Unternehmen wird nicht daran zerbrechen." Die Krise sei auch eine Chance, die Volkswagen nutzen werde. Flexibler, digitaler und agiler müsse der Konzern werden. Weniger Kosten, mehr Profit - was aber auch sonst? Trotz drohender Kostenlawine seien Verkäufe beim Zwölf-Marken-Konzern Tabu.

Der steckt in der schwersten Krise seiner Geschichte, weltweit drohen milliardenschwere Schadenersatz- und Strafzahlungen. Das Unternehmen hatte zugegeben, bei Millionen Diesel-Fahrzeugen die Stickoxid-Werte mit einer verbotenen Software manipuliert zu haben.

Verschweigen von Schwachstellen hat sich eingebürgert
Die Neuausrichtung des Konzerns, "der vorübergehend in Schwierigkeiten geraten ist", sei aber ohne die entsprechende Mentalität kaum machbar, so Müller. Das Verschweigen von Schwachstellen, Hierarchiedenken, Egoismus in einzelnen Teilen des Riesenkonzerns hätten sich eingebürgert: "Das muss definitiv der Vergangenheit angehören." Fehler müssten als konstruktiver Lernprozess begriffen werden.

Ob das neue Konzept mit mehr Verantwortung bei den Marken und Regionen so funktioniert, lässt sich von außen nur schwer beurteilen. Die Entscheidungswege sollen kürzer werden, die Fäden nicht mehr nur in Wolfsburg zusammenlaufen. Ob VW am Ende so auch wirklich unterm Strich mehr Geld verdient, hängt stark davon ab, wie gut auch die Entscheidungen sind, die Manager der zweiten und dritten Reihe treffen.

"Nicht nur Diesel-Problem, auch Manager-Problem"
"Im mittleren Management haben wir ein Riesenproblem", hieß es zuletzt aus dem Aufsichtsrat. Die neue Strategie, nach der der Konzern in gut einem Jahr ticken soll, kann also nur aufgehen, wenn VW nicht nur das Diesel-Problem, sondern auch das Managerproblem schnell löst.

Müller sieht diese neue Struktur als seine vorerst wichtigste Mission an. Seit dem 23. September ist er Chef in Wolfsburg - bisher gehörten eher Aufklärung, Entschuldigungen und Beschwichtigungen zu seinen Hauptaufgaben. Kurzum: Dem Aufbau von öffentlichem Vertrauen und den Aufräumarbeiten nach dem Abgas-Skandal.

Für das Scherbengericht, das er bei Europas größtem Autobauer vorfand, will er sich 2016 auch in den USA "selbstbewusst, optimistisch und mit dem Blick nach vorne" entschuldigen. Obwohl mehrere ranghohe Manager beurlaubt wurden, ist den Ausführungen der VW-Manager zufolge bisher weiter unklar, wer genau für die Manipulationen verantwortlich ist. Eine kleinere Gruppe habe Schwachstellen im System genutzt.

Ernsthafte Einbrüche beim operativen Geschäft erwarten weder Müller noch Pötsch. Die Bestellungen seit Oktober? Müller: "Wir haben auch im November einen hervorragenden Auftragseingang erzielt". Das wieder anziehende China-Geschäft helfe dabei, lässt er durchblicken.

Optimistisch gibt er sich auch beim angeschlagenen Image des Dieselmotors. Hat er noch Zukunft? "Natürlich ist das Image des Diesels beschädigt", gibt der Manager zu, mahnt aber: "Es gibt keinen Grund, das Hightech-Produkt Diesel schlecht zu reden."

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