Fr, 22. Juni 2018

Topkombi: 2+4 Räder

16.11.2015 14:39

Ducati Multistrada: Durch die Alpen glühen

"Ein echter Mann fährt auf Achse nach Südtirol", ätzt Kollege Alex, als er mein Foto von der Ducati Multistrada mit dem Hyundai-H350-Transporter auf Facebook sieht. "Wenn er meint", schüttelt die A-scheinlose Sozia auf dem Beifahrersitz den Kopf. Im opulenten Laderaum (12,9 m³) ist nicht nur die Duc verzurrt, sondern auch jede Menge Gepäck für zwei - wir wollen uns ja nicht unnötig einschränken…

"King of the Road" schallt via Bluetooth aus dem Hyundai-Radio, als wir zu Hause vom Hof rollen, gen Südtirol. Die Optik mit den riesigen Fensterflächen und 6,20 Meter Lastwagen in den Außenspiegeln vermittelt Truckfeeling, obwohl sich der Hyundai H350 praktisch fährt wie ein Pkw.

Irgendwie wollte ich schon immer mal einen dieser berüchtigten weißen Lieferwagen fahren, und es macht tatsächlich Spaß, jedenfalls wenn der einzige Termindruck Fern- bzw. Heimweh ist. Die 170 PS aus dem 2,5-Liter-Dieselmotor reichen, um auf österreichischen Überholspuren nicht angepöbelt zu werden, in Deutschland ist das Reisetempo von 160 km/h (Spitze 170 km/h) angenehm, allerdings treibt es wegen der großen Angriffsfläche den Spritverbrauch in die Höhe. 11,1 l/100km werden es am Ende sein, was angesichts der Fahrweise voll in Ordnung geht.

Erste Station: der Montiggler See in Eppan. Zwei Nächte im enttäuschenden Seehotel Sparer (Atmosphäre wie in einer Kuranstalt) muss die Duc noch festgeschnallt ausharren, die Folierung tarnt den Motorradtransporter quasi. Die Gegend in der Nähe von Bozen ist herrlich, es gibt wohl nirgends so viele Burgen wie hier, mit der Standseilbahn auf den Mendelpass, wandern, durch die Stadt bummeln und überall spürt man diesen besonderen, spannenden Flair der Zweisprachigkeit. Es zahlt sich aus, sich bei einem Cappuccino ein wenig mit der Geschichte Südtirols zu befassen.

Jetzt wird's zweirädrig
Was bisher ein klassischer Urlaub war, läuft nun endlich auf den Motorradteil zu. Nach einem Abstecher nach Meran (Bozen gibt mehr her) geht es rauf zum Reschenpass, wo wir für eine Woche das "Hotel am Reschensee", ein ausgewiesenes Motorradhotel, zu unserer Tourbasis machen. Die Befürchtungen der Beifahrerin (Jugendherbergsambiente, nur Motorradfahrer, alle laut und betrunken, alle - mich eingeschlossen - führen immer und überall ausschließlich Benzingespräche) werden schnell zerstreut, denn hier ist Wohlfühlen angesagt. Herrlich entspannte Atmosphäre, kreative Topküche, ein versperrter Motorrad-Abstellplatz, Kombi-Trockenschränke und herzliche Wirtsleute schaffen den Rahmen für eine ideale Bike-Woche. Hausherr Siegi ist selber ein passionierter Biker und kennt die Gegend wie seine Westentasche, Kilometer für Kilometer samt Gattin und Sozia Carmen abgefahren mit seiner BMW K 1600 GT.

Tourentipps bekommt man fixfertig als Route fürs Navi, was mit meinem brandneuen TomTom Rider allerdings nicht funktioniert (da muss TomTom wohl noch ein wenig basteln). Wie gut, dass übersichtliche, klassische Straßenkarten mit eingezeichneten Routen zum Mitnehmen aufliegen. Denn es gibt unglaublich viel zu entdecken.

Die Ducati Multistrada 1200 S
Als ich die Ducati über meine Alurampe aus dem Hyundai rolle, zieht sie schon die ersten Blicke auf sich, die Diva in Rot; stolz trägt sie kleine italienische Flaggen, hält ihr Adlergesicht in den Wind. Als ich sie starte, schaut auch noch der Rest her. Hat was von einem Schiffsdiesel, diesen Koloss anzuwerfen, im positivsten Sinne. Für so einen Sound brauchen andere Hersteller Akrapovic-Unterstützung, der 1198 ccm große Testastretta-L-Twin mit Doppelzündung hingegen klingt bereits im Serienzustand göttlich. Es ist, als würde sie atmen, die Drehzahl pulsiert im Leerlauf.

Ducati hat kräftig an der Leistungsschraube gedreht: 160 PS stehen in den Papieren, beachtliche 136 Nm liegen bei 7.500/min. an und zwecks Verbesserung der Manieren haben die desmodromischen Ventile eine variable Steuerung bekommen. Auch ansonsten ist Hightech angesagt: Kennzeichen der S-Version ist unter anderem das elektronische Skyhook-Fahrwerk, das über das farbige TFT-Display einstellbar ist. Auch Kurven-ABS ist an Bord.

235 kg wiegt die Dame fahrfertig, dazu kommen noch die Koffer - und die müssen sein für die Tour mit Sozia. Sie sind etwas hakelig anzubringen (und vor allem auch abzunehmen), einer der Haken ist daher auch bereits ausgerissen. Vorteil des Systems: Es wird kein auffälliger Kofferhalterrahmen benötigt, was ohne Koffer für ein knackiges, schlankes Hinterteil sorgt. Eine Extra-Tasche draufschnallen ist schwierig - mangels Ösen oder Ähnlichem.

Wirklich durchdacht und genial einfach ist der Verstellmechanismus des Windschildes - warum machen das nicht alle so?

So einfach funktioniert das:

Auf die Pässe, fertig, los!
Zum Einstieg wählen wir die "Engadinertour". Kurz nach Österreich rüber, links in die Schweiz, über den Flüelapass (2383 m) nach Davos, weiter über den Albulapass (2312 m) und über den Ofenpass (2149 m), wieder zurück. Schon an diesem Tag haben wir gefühlt mehrere Welten durchquert; schräg, wenn plötzlich alles in Rätoromanisch angeschrieben steht. Die Bergwelt ist so beeindruckend, dass ich mich kaum ums Motorrad kümmere.

Die Multistrada braucht aber auch keine Aufmerksamkeit, obwohl sie sie ständig bekommt - schon wegen ihrer stechenden LED-Scheinwerfer, an der man sie schon im Gegenverkehr erkennt. Andere Ducatisti grüßen dann besonders eifrig. Nachts spielen die gleißenden Strahler ihre Qualitäten voll aus, selten leuchtet ein Motorrad die Strecke so gut aus (auch dank Kurvenlicht, das sich ab 7 Grad Schräglage zuschaltet), allerdings (jedenfalls im Soziusbetrieb) nicht, ohne den Gegenverkehr zu blenden. Apropos: Ich werde auch geblendet - vom Display, das sich nicht dunkel genug dimmen lässt. Diese Art Kurvenlicht hat auch die KTM 1290 Super Adventure, allerdings ist da der Hauptscheinwerfer eine Funzel.

Den serienmäßigen Hauptständer habe ich in der Garage gelassen, weil ich sonst immer mit der Ferse draufstehe. Trotzdem haben meine Füße zu wenig Platz - die Fersen werden von der Schwinge nach außen gedrückt, wenn ich die Ballen auf den Fußrasten habe. Offenbar ist der klein gewachsene Ducati-Chef Stefano Domenicali nach wie vor das Maß der Dinge, wenn es um die Sitzgeometrie geht. Auch im Stehen fahren ist eher schwierig.

Prinzipiell sitze ich aber gut, tief und sehr ins Motorrad integriert; auch die nicht unempfindliche, 1,80 m große Sozia fühlt sich sogar auf langen Strecken wohl da hinten drauf. Und lange Strecken legen wir einige zurück, Zwölfstundentage sind keine Seltenheit. Bis runter über Bormio nach Aprica und Tirano verschlägt es uns, was wegen der Hitze, des starken Verkehrs und der unfassbar langen Tunnels extrem anstrengend ist. Man meide die Strecke zwischen Tirano und Bormio. Große Empfehlung ist jedoch der Gaviapass (2621 m), den man wahlweise über das Stilfserjoch (2757 m) oder den Umbrailpass (2503) erreicht.

Der Druck von unten heraus ist etwas mager
Enge, langsame Kehren haben es mit der Multistrada ein wenig in sich, weil erster und zweiter Gang sehr lang übersetzt sind und der Motor kein Freund der ganz tiefen Drehzahlen und untenrum überhaupt eher schwach auf der Brust ist. Da ist Kupplungsarbeit gefragt. Generell würde ich mir mehr Power wünschen, um die 235 kg plus Koffer plus Fahrer plus Sozia den Berg hinauf zu beschleunigen. Die Seligkeit beginnt aber erst bei 6.000/min.

Nach einer Pause vergesse ich generell gerne den Zündschlüssel in der Hosentasche - hier bei der Ducati Multistrada ist das kein Problem: Sie startet per Keyless Go auf Knopfdruck. Die Koffer sind allerdings per Schlüssel zu versperren, was dazu führen kann, dass man den Schlüssel dort stecken lässt. Zwar wird er während der Fahrt wahrscheinlich nicht herunterfallen, aber man kann ihn beim Auf- oder Absteigen abreißen oder bei der nächsten Pause versehentlich am Motorrad lassen. Und das ist bei einem 22.000-Euro-Motorrad keine angenehme Vorstellung.

Braucht wenig Sprit - und der ist in Livigno auch noch billig
km auf dem Display, was bei 20 Liter Tankvolumen ganz ansehnliche Reichweiten ergibt. Trotzdem fahre ich nach Livigno und tanke dort superbillig, weil zollfrei (gilt auch für Alkohol & Co), aber es ist auch die Strecke wunderschön: Passo di Foscagno (2291 m), Forcola di Livigno (2315 m) - und über den Berninapass (2328 m) kann man herrlich drüberrauschen. Übrigens habe ich in der ganzen Woche keine einzige mobile Radarkontrolle gesehen. Auch in der für ihren hohen Wegzoll berüchtigten Schweiz.

Der einzige Pass, den die Sozia nicht mitfahren will, ist das Stilfserjoch, der Passo di Stelvio, der als der anspruchsvollste Pass der Alpen gilt. Man sollte früh dran sein, damit man nicht im Verkehr steckenbleibt, die Strecke ist extrem beliebt und wird auch von Linienbussen, Wohnmobilen und Radfahrern befahren, was immer wieder zum kurzzeitigen Kollaps führt. Und oben am Pass herrscht dann sowieso Jahrmarktstimmung. Ich fahre also allein, stelle die Dämpfung auf hart und durchziehe das Kehrengeschlängel, kurz bevor der Verkehr dicht wird. Die Drehzahl halte ich im vortriebsförderlichen Bereich über 6000/min., die Multistrada ist in ihrem Element. Jetzt erst fällt mir störend auf, dass ich mit der Naht meiner Motorradjeans immer wieder seitlich an der Plastikblende hängen bleibe. Das irritiert. Und ist unnötig.

Abgesehen davon fährt sich die Multistrada ausgesprochen handlich, der breite Lenker bietet auch einen entsprechenden Hebel. Die Elektronik ist fein einzustellen und jetzt passt auch die Federvorspannung. Für den Soziusbetrieb müsste sie jedoch härter sein. Auch die härteste Stufe (=24) ist zu weich für zwei, die gemeinsam 170 kg auf die Waage bringen. 200 kg Zuladung sind mit Koffern und Passagieren wahrscheinlich ausgeschöpft. Allein alles kein Problem.

Das Skyhook-Fahrwerk liest die Straße
Das adaptive Fahrwerk unterstützt mich nach Kräften, so macht die Dämpfung beim Bremsen vorn zu, auf unebenem Untergrund (und den gibt es häufig hier in den Bergen) insgesamt ein Stück auf. Das ABS der Bremsen im Panigale-Format regelt feinfühlig - wie es sich in Schräglage im Grenzbereich verhält, habe ich nicht ausprobiert.

Feinfühlig regelt auch der Gasgriff - das Verladen der Multistrada mit Motorkraft ist kein Problem. Man sollte allerdings die Rampe festschnallen - damit es am Ende des Urlaubs nicht doch noch zum Crash kommt.

Klar kann man sich und der Welt beweisen, dass man auf zwei Rädern die Welt bereisen kann - manchmal will man das aber nicht. Südtirol samt den angrenzenden Gegenden ist jedenfalls ein extrem lohnendes Reiseziel, auch und vor allem für Biker. Unfassbar abwechslungsreiche Landschaften von weinbewachsenen Steilhängen bis zu kargen Plateaus, dazu Kurvenreiche und Kurvenparadiese. Dabei haben wir nur einen Teil des Ganzen befahren.

Und für die Heimfahrt bin ich ganz froh, nicht auf zwei Rädern über die Autobahn glühen zu müssen. "Trailer for sale or rent …"

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