Neues Buch:

Reinhard Haller: „Darum macht Wandern glücklich“

Der bekannte Gerichtspsychiater Reinhard Haller hat jetzt ein Buch über die Heilkraft des Gehens geschrieben. Bewegung in der Natur kann zum Beispiel Schmerzpatienten helfen, Medikamente drastisch zu reduzieren. Und Menschen vor einem drohenden Burnout bewahren.

„Krone“: Herr Professor Haller – Ihr neues Buch vermittelt beinahe den Eindruck, dass Wandern ein „Allheilmittel“ ist...
Reinhard Haller: Dass Bewegung der Gesundheit guttut, weiß mittlerweile jeder Mensch. Blutdruck und Blutzucker können dadurch zum Beispiel gesenkt und Depressionen gedämpft werden. Mir war nun aber wichtig, weitere – eher noch wenig bekannte – positive Effekte, die Wanderungen auf Körper und Geist haben können, aufzuzeigen.

Und die sind?
Nicht wenigen Patienten mit chronischen Schmerzzuständen gelingt es, ihre Medikamente drastisch zu reduzieren, wenn sie mit dem Wandern beginnen. Dasselbe gilt auch für Menschen, die an einem Überlastungssyndrom oder eben Traurigkeitsgefühlen leiden.

Wodurch werden diese Veränderungen erwirkt?
Durch Dauerbewegung werden unter anderem körpereigene Opiate und Glückshormone gebildet.

Das würde bedeuten – wer viel geht, ist zufriedener?
Dessen bin ich mir sicher. Beim Wandern kommen wir innerlich zur Ruhe, wir werden kreativer, Probleme relativieren sich.

Sie schreiben, dass Paare – im Fall, dass zwischen ihnen Konflikte bestehen – unbedingt zusammen in die Natur gehen sollten. Wieso?
Tatsächlich gelingt es leichter, in einer idyllischen Umgebung die Ursachen für Schwierigkeiten anzusprechen. Und sie dann – im wahrsten Sinne des Wortes – Schritt für Schritt gemeinsam zu lösen.

Konstruktiv zu reden scheint demnach in einem Wald einfacher zu sein als in einem Zimmer?
Natürlich. Das wusste übrigens auch schon Apple-Gründer Steve Jobs. Er setzte nämlich bei wichtigen Entscheidungsprozessen auf Wanderungen mit seinen Teams. Die Bewegung unter freiem Himmel sah er als Werkzeug, um Blockaden zu lösen und das schöpferische Denken anzukurbeln.

Zitat Icon

Wandern schenkt uns Gelassenheit, Ruhe – und eröffnet uns letztlich völlig neue Perspektiven auf das eigene Leben.

Reinhard Haller

Sie waren lange Zeit hindurch Leiter einer Klinik für Suchtkranke. Haben Sie damals versucht, Ihre Patienten – auch – mit Wanderungen zu therapieren?
Selbstverständlich. Denn wer sich einen Berg hinaufkämpft, erlebt am Gipfel ein echtes, cleanes Glücksgefühl. Und spürt den eigenen Körper – nicht durch den Rausch aus der Flasche oder der Spritze, sondern durch die eigene, echte Kraft. Die wiederum Mut gibt für den Weg zurück in ein Leben ohne Drogen.

Bewegung soll außerdem das beste Anti-Aggressionstraining sein. Stimmt das?
Wandern dient als Ventil für Ärger und baut Adrenalin im Körper ab. Das gleichmäßige Gehen an der frischen Luft hilft dabei, innere Spannungen einfach hinter sich zu lassen.

Cortisol gilt als das gefährlichste Stresshormon unserer Zeit. Warum schadet es uns so sehr und wie kann es durch Gehen abgeschaltet werden?
Cortisol ist unser gefährlicher innerer Alarmknopf, der bei dauerhaftem Hoch das Immunsystem zerstört und ins Burnout führt. Wandern wirkt als perfekte Notbremse, die den Stresspegel senkt und den Körper auf Entspannung schaltet.

Macht es einen Unterschied, in welcher Jahreszeit wir uns im Freien bewegen?Während im Frühling und Sommer Lebensgeister geweckt werden, sind der nebelige Herbst und Winter ein echtes Resilienztraining. Wer bei trübem Wetter in der Natur ist, lernt mit Einsamkeit umzugehen – und tankt trotz Kälte Energie. Wandern ist also immer Balsam für die Seele.

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