Oft teurer als Produkt

Die neue Paketsteuer treibt bereits bizarre Blüten

Wirtschaft
01.10.2026 15:48
Porträt von krone.at
Von krone.at

Seit heute gilt in Österreich die neue Paketsteuer – und in den sozialen Netzwerken sorgt sie bereits für ordentlich Ärger. Besonders für Unmut bei den Nutzern sorgt der Umstand, dass große Versandhändler die neue Abgabe – wie zu erwarten war – direkt an ihre Kunden weiterreichen. Besonders kuriose Blüten treibt die Abgabe beim größten Versandhändler Amazon: Hier ist die neue Steuer bei manchen Produkten teils mehr als doppelt so hoch wie der eigentliche Warenwert.

Wer etwa bei Amazon Prime eine einzelne Packung Lippenpflege um 91 Cent (inkl. MWSt.) bestellt, zahlt dafür plötzlich 3,31 Euro. Denn zusätzlich zum Produktpreis werden 2,40 Euro Paketsteuer verrechnet. Damit macht die Abgabe inklusive Umsatzsteuer mehr als das Zweieinhalbfache des eigentlichen Warenwerts aus.

Aus einem Euro werden plötzlich 3,42 Euro
Gerade die Kombination mit Amazon Prime wirkt dabei besonders kurios. Denn mit dem hauseigenen Gratis-Versand-Angebot können Kunden weiterhin einzelne sehr günstige Artikel bestellen und sich diese nach Hause liefern lassen. Der spürbare Kostenblock entfällt dann nicht auf den Versand – sondern auf die neue staatliche Abgabe.

Bei besonders günstigen Produkten wird die Paketsteuer so zur dominanten Position auf der Rechnung. Eine einzelne Packung Mannerschnitten mit 75 Gramm kostet beispielsweise 1,02 Euro. Dazu kommen 2,40 Euro Paketsteuer inklusive Umsatzsteuer. Aus dem ursprünglichen Produktpreis werden damit 3,42 Euro.

Ob sich der Versand einer einzelnen Packung Mannerschnitten unternehmerisch lohnt, steht auf ...
Ob sich der Versand einer einzelnen Packung Mannerschnitten unternehmerisch lohnt, steht auf einem anderen Blatt, besonders bei so günstigen Artikeln fällt die fixe Abgabe aber natürlich stark ins Gewicht.(Bild: Screenshot: amazon.com, Krone KREATIV)

Ähnlich zeigt sich der Effekt bei einem USB-2.0-Kabel um 1,10 Euro. Mit der Paketsteuer kostet die Bestellung 3,50 Euro. Die Abgabe allein macht damit bereits fast drei Viertel des Endpreises aus.

Auch bei einer einzelnen VARTA-Knopfzelle um 1,46 Euro fällt die fixe Abgabe stark ins Gewicht – der Gesamtpreis steigt auf 3,86 Euro mit einem Steueranteil von 68,48 Prozent. Bei der 3,28 Euro teuren UHU-Bastelkleber-Tube sind es inklusive Paketsteuer 5,68 Euro.

Teilweise mehr als zwei Drittel Steuern
Rechnet man neben der Paketsteuer auch die Umsatzsteuer auf das jeweilige Produkt und die in der Paketsteuer enthaltene Umsatzsteuer ein, wird das Verhältnis noch auffälliger.

Bei der Sebamed-Lippenpflege um 91 Cent liegt der gesamte Steueranteil demnach bei rund 77 Prozent des Endpreises. Bei den Mannerschnitten sind es rund 75 Prozent, beim USB-Kabel knapp 74 Prozent und bei der Odol-med3-Zahnpasta rund 71 Prozent.

77,09%
SEBAMED LIPPENPFLEGE
Steueranteil inklusive Paket- und Mehrwertsteuer
75,15%
MANNERSCHNITTEN, 75 G
Steueranteil inklusive Paket- und Mehrwertsteuer
73,81%
USB-2.0-KABEL
Steueranteil inklusive Paket- und Mehrwertsteuer
51,88%
UHU BASTELKLEBER
Steueranteil inklusive Paket- und Mehrwertsteuer

Das führt zu einer auf den ersten Blick grotesken Situation: Bei einer einzelnen, sehr günstigen Bestellung kann die staatliche Abgabe den eigentlichen Warenwert deutlich übersteigen. Wer ein kleines Ersatzteil, eine Knopfzelle oder ein Hygieneprodukt benötigt, zahlt dann einen erheblichen Teil der Rechnung nicht für das Produkt selbst.

Fixe Abgabe trifft Billigartikel besonders stark
Der Grund dafür liegt in der Konstruktion der neuen Abgabe. Versandhändler mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz in Österreich müssen zwei Euro pro Paket oder Bestellung abführen. Inklusive Umsatzsteuer werden daraus für die Kunden 2,40 Euro.

Die Händler können entscheiden, ob sie die Abgabe pro Paket oder pro Bestellung berechnen. Amazon, Otto Österreich und Zalando haben sich für die Variante pro Bestellung entschieden. Damit fällt die Paketsteuer einmal an – unabhängig davon, wie viele Artikel bestellt werden oder in wie vielen Paketen die Lieferung letztlich ankommt.

Für größere Bestellungen relativiert sich der fixe Betrag entsprechend. Bei einem Warenkorb von beispielsweise 100 Euro machen 2,40 Euro naturgemäß deutlich weniger aus als bei einem Produkt um 91 Cent.

Gratis-Versand macht den Effekt noch skurriler
Ausgerechnet Amazon Prime verstärkt den kuriosen Eindruck. Kunden zahlen bei entsprechenden Prime-Artikeln keinen zusätzlichen Versandpreis. Selbst einzelne günstige Produkte können damit bestellt und nach Hause geliefert werden. Bei einer solchen Bestellung steht nun also nicht etwa ein hoher Versandpreis neben einem niedrigen Warenwert. Stattdessen bleibt der Versand für den Prime-Kunden kostenlos, während die neue Paketsteuer zum größten zusätzlichen Kostenblock wird.

Das Balkendiagramm zeigt den geschätzten Jahresumsatz von Online-Plattformen in Millionen Euro, die von der Paketabgabe betroffen sind. Amazon hat mit 3.418 Millionen Euro den höchsten Umsatz. Temu und Zalando liegen mit rund 640 Millionen Euro deutlich darunter. Die weiteren Plattformen erreichen Werte zwischen 114 und 334 Millionen Euro. Quelle: ECDB/Handelsverband.

Große Händler geben Kosten an Kunden weiter
Genau das sorgt seit Inkrafttreten der Abgabe für Ärger. In sozialen Netzwerken wird insbesondere kritisiert, dass die großen Versandhändler die zusätzliche Belastung nicht selbst übernehmen, sondern an die Kunden weitergeben. Amazon hatte seine Kunden bereits vor dem Start informiert und blendet sie bereits unter jedem einzelnen Artikel zusätzlich ein. An der Kassa wird sie dann als eigene Position ausgewiesen.

Betroffen sind laut Handelsverband insgesamt 16 große Online-Händler und Online-Marktplätze, darunter Amazon, Temu, Zalando, Shop-Apotheke, Ebay, Otto, Best Secret, AliExpress, MediaMarkt, Apple, Universal, Ikea, Shein, XXXLutz und Refurbed. Auch rund 4000 österreichische Betriebe, die über große Online-Marktplätze an Konsumenten verkaufen, sind laut Handelsverband betroffen.

Händler rechnen mit Konsequenzen
Die Händler selbst stehen der neuen Abgabe kritisch gegenüber. Amazon hat bereits rechtliche Bedenken geäußert. Ein Sprecher erklärte, man habe Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit des Gesetzes sowie an seiner Vereinbarkeit mit den Regeln des EU-Binnenmarkts. Amazon strebe deshalb eine rechtliche Klärung an.

Auch Otto Österreich kündigte rechtliche Schritte an. Geschäftsführer Harald Gutschi rechnet mit bis zu zehn Händlern, die gegen die Paketabgabe vorgehen könnten. Der Handelsverband erwägt zudem gemeinsam mit dem europäischen Dachverband Ecommerce Europe eine Beschwerde bei der EU-Kommission.

Maßnahme soll geringere Mehrwertsteuer finanzieren
Das Finanzministerium erwartet durch die neue Abgabe Einnahmen von rund 280 Millionen Euro pro Jahr. Das Geld soll einen Teil der Kosten der Mehrwertsteuersenkung auf ausgewählte Grundnahrungsmittel gegenfinanzieren.

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