Was langer auf sich warten ließ, kommt endlich nach Europa - jedenfalls laut Ankündigungsweltmeister Elon Musk: Teslas um Jahre verzögerter Elektro-Sattelschlepper Semi soll bald auch auf unseren Straßen rollen.
2017 vorgestellt, für 2019 versprochen – und jetzt wird es wohl tatsächlich ernst: Auf der IAA Transportation im September sollen die technischen Daten der Europa-Version und der Fahrplan für den Marktstart enthüllt werden.
Tesla und Termine, das war beim Semi bisher eine eher lockere Beziehung. Als Elon Musk den futuristischen Elektro-Lkw 2017 vorstellte, sollte die Produktion zwei Jahre später anlaufen. Daraus wurde bekanntlich nichts. Erste Fahrzeuge gingen schließlich Ende 2022 an PepsiCo, die eigentliche Großserienproduktion startete erst im Frühjahr 2026 in Nevada.
Ganz neu ist der Semi in Hannover allerdings nicht. Schon 2024 stellte Tesla zwei Exemplare auf der Nutzfahrzeugmesse aus. Damals durfte man schauen, aber bekam kaum Antworten. Tesla bestätigte lediglich grundsätzlich, dass der Truck an europäische Vorschriften und Marktanforderungen angepasst werden soll. Diesmal verspricht das Unternehmen deutlich mehr: konkrete Europa-Daten und einen Startplan.
Wann der Semi tatsächlich in Österreich bestellt und ausgeliefert werden kann, ist noch nicht bekannt. Ebenso offen sind Preis, Nutzlast und die endgültigen Abmessungen der europäischen Version. Gerade diese Zahlen werden entscheidend sein. Bei einem Fernverkehrs-Lkw zählt schließlich weniger der Sprint an der Ampel als die Frage, wie viele Tonnen Ware er möglichst weit und möglichst billig transportieren kann.
800 Kilometer sind das Ziel
Die amerikanische Serienversion gibt zumindest einen Vorgeschmack. Tesla bietet dort zwei Varianten an. Die Standardversion soll rund 325 Meilen oder 520 Kilometer weit kommen, die Long-Range-Ausführung etwa 500 Meilen – gut 800 Kilometer.
Angetrieben wird der Semi von drei voneinander unabhängigen Elektromotoren an den Hinterachsen. Tesla nennt eine maximale Antriebsleistung von bis zu 800 kW, also knapp 1100 PS. Noch interessanter für Spediteure ist der versprochene Verbrauch: 1,7 kWh pro Meile entsprechen umgerechnet rund 1,06 kWh pro Kilometer.
Die große Version wiegt laut Tesla ohne Auflieger rund 10,4 Tonnen, die amerikanische Spezifikation ist für ein Gesamtzuggewicht von 82.000 Pfund ausgelegt, also rund 37,2 Tonnen. Genau hier wird spannend, wie die Europa-Version aussieht, denn die amerikanischen Werte lassen sich nicht einfach auf europäische Vorschriften und typische 40- beziehungsweise 44-Tonnen-Züge übertragen.
Optisch bleibt der Semi jedenfalls ein Sonderling. Der Fahrer sitzt nicht links, sondern zentral in der Kabine, flankiert von zwei großen Bildschirmen. Tesla verspricht dadurch bessere Übersicht und verbindet das Ganze mit der für die Marke typischen Reduktion auf möglichst wenige klassische Schalter. Ob europäische Fernfahrer diese Philosophie nach zehn Stunden Arbeitstag ebenso schätzen wie Model-3-Fahrer, wird sich weisen.
Laden mit mehr als einem Megawatt
Ein Ass im Ärmel soll die Ladeleistung sein. Der Semi ist für bis zu 1,2 Megawatt ausgelegt. An Teslas neuester Megacharger-Generation sollen innerhalb von 30 Minuten bis zu 60 Prozent Reichweite nachgeladen werden können. In Kalifornien betreibt Tesla bereits einen öffentlich zugänglichen Standort mit sechs 1,2-MW-Ladepunkten.
Dass der Semi nicht nur auf Präsentationsfolien weit fährt, hat er bereits gezeigt. Bei einem unabhängig begleiteten Praxiseinsatz des North American Council for Freight Efficiency legte ein PepsiCo-Semi 2023 rund 660 Kilometer mit einer Ladung zurück. Innerhalb von 24 Stunden schaffte ein Fahrzeug mit mehreren Schnellladepausen sogar 1076 Meilen, also gut 1730 Kilometer. Das sagt zwar wenig darüber aus, wie ein europäischer 40-Tonner im Brennerverkehr abschneiden würde, zeigt aber immerhin, dass der Antrieb im harten Logistikeinsatz funktioniert.
Die Europäer haben nicht gewartet
Nur kommt Tesla diesmal nicht in einen Markt, der staunend auf die Amerikaner gewartet hätte. Während sich der Semi jahrelang verspätete, haben Mercedes, MAN und Volvo ihre elektrischen Fernverkehrs-Lkw auf die Straße gebracht.
Der Mercedes eActros 600 fährt mit 621 kWh installierter Batteriekapazität rund 500 Kilometer ohne Ladepause – und zwar laut Hersteller unter realitätsnahen Bedingungen mit 40 Tonnen Gesamtgewicht. Er wird längst an Kunden in ganz Europa ausgeliefert. Mit Megawatt-Laden soll künftig Laden von 20 auf 80 Prozent in etwa 30 Minuten möglich sein.
MAN nennt für den eTGX als Sattelzug mittlerweile bis zu 570 Kilometer Reichweite. Seine maximal 480 kWh große Batterie kann per MCS mit bis zu 750 kW geladen werden; 20 auf 80 Prozent sollen unter passenden Bedingungen nur rund 27 Minuten dauern.
Und Volvo legt die Latte noch höher: Der neue FH Aero Electric mit Extended Range kommt laut Hersteller mit einer Ladung bis zu 700 Kilometer weit. Seine acht Batterien werden per MCS mit bis zu 700 kW geladen, von 20 auf 80 Prozent dauert es etwa 50 Minuten. Das Modell startet 2026 schrittweise in den Märkten.
Sollte Tesla die gut 800 Kilometer auch für die europäische Ausführung bestätigen, hätte der Semi bei der nominellen Reichweite weiterhin einen bemerkenswerten Vorteil. Nur darf man diese Zahlen nicht direkt gegeneinander ausspielen: Hersteller verwenden unterschiedliche Bedingungen, Fahrzeuggewichte und Beladungen.
Jetzt muss Tesla liefern
Auch bei der Produktion soll es nun in größeren Dimensionen losgehen. Ende April rollte der erste Semi von Teslas neuer Hochvolumen-Linie in Nevada. Das Werk ist langfristig für eine Jahreskapazität von rund 50.000 Fahrzeugen ausgelegt, der Hochlauf erfolgt schrittweise.
Und Kunden sind vorhanden. Erst vor wenigen Tagen kündigte der schwedische Logistikspezialist Einride an, 500 Tesla Semi für seine nordamerikanische Flotte zu übernehmen.
Jetzt ist Europa am (Sattel-)Zug.
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