Rund um die Einführung einer Zuckerabgabe in Deutschland kommt jetzt auch Österreich wieder die Diskussion über die Einführung einer solchen Steuer auf. Doch wie sinnvoll ist diese wirklich und was bringt sie tatsächlich für unsere Gesundheit? Das Für und Wider erfahren Sie hier.
Adipositas zählt zu den größten Herausforderungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Seit 1990 hat sich die Zahl der Menschen mit Adipositas weltweit mehr als verdoppelt, bei Kindern und Jugendlichen sogar vervierfacht. Die damit verbundenen Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle oder bestimmte Krebsarten belasten das individuelle Wohlbefinden und die Gesundheitssysteme erheblich.
Entscheidend ist die Gesamtenergieaufnahme
Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung handelt es sich international meist nicht um eine allgemeine Steuer auf Zucker, sondern um Abgaben auf zuckergesüßte Getränke. Diese Maßnahme basiert auf Beobachtungsstudien, die einen Zusammenhang zwischen hohem Konsum solcher Getränke und Adipositas beziehungsweise Typ-2-Diabetes zeigen
„Studien zeigen, dass eine Zuckersteuer weder die Häufigkeit von Übergewicht senkt, noch einen substanziellen Beitrag zur Gesundheitsförderung bringen würde.
Dr. Marlies Gruber, Geschäftsführerin des „forums ernährung.heute (f.eh)“
Die britische Soft Drinks Industry Levy (SDIL), eingeführt 2018, gilt als prominentes Beispiel: Die Steuer ist nach Zuckergehalt gestaffelt und führte dazu, dass Hersteller ihre Produkte reformulierten. Der Gesamtzuckergehalt in Softdrinks sank deutlich, der Absatz zuckerarmer und -freier Varianten stieg.
Eine aktuelle Evaluierungsstudie zeigt, dass Kinder zwar pro Tag um 23,5 % und Erwachsene gar um 40,4 % weniger Zucker aus Limonaden aufnahmen. Aber in absoluten Zahlen nahmen Kinder infolge der Steuer täglich rund 3 Gramm, Erwachsene etwa 5 Gramm weniger Zucker aus Softdrinks zu sich. Das entspricht einer Energieeinsparung von rund 12 beziehungsweise 21 Kilokalorien pro Tag und damit nur etwa 1 % der empfohlenen Tagesenergiezufuhr. Das ist aus wissenschaftlicher Sicht gering.
Entscheidend ist: Trotz Neugestaltung und veränderter Produktlandschaft ist die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas in Großbritannien seit Einführung der Steuer nicht gesunken. Auch in anderen Ländern mit vergleichbaren Modellen steigen die Übergewichtsraten weiter an. Tatsächliche Langzeiteffekte auf Körpergewicht und Gesundheit lassen sich bislang nicht eindeutig nachweisen.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) stuft den Zusammenhang mit Adipositas bei Erwachsenen als „wahrscheinlich“, bei Kindern als „möglicherweise“ ein. Für Zucker als isolierten Nährstoff hingegen gibt es laut DGE keine eindeutige Beweislage, dass er per se „dick“ macht oder Diabetes verursacht. Entscheidend bei Übergewicht ist die Gesamtenergieaufnahme im Verhältnis zum Verbrauch.
Süße Limonaden
Softdrinks tragen hierzulande dem letzten Österr. Ernährungsbericht zufolge durchschnittlich nur etwa drei bis fünf Prozent zur täglichen Energiezufuhr bei. Ein übermäßiger Konsum findet sich vor allem in bestimmten Gruppen, etwa bei jungen Männern zwischen 19 und 25 Jahren. Eine pauschale Steuer trifft jedoch die gesamte Bevölkerung, unabhängig vom individuellen Konsummuster.
„Wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen ein erhöhtes Risiko tragen, braucht es zielgerichtete Programme statt breit gestreuter steuerlicher Maßnahmen. Eine Steuer ersetzt keine Ernährungsbildung und kein bewegungsfreundliches Umfeld“, betont Dr. Gruber.
Die Entstehung von Übergewicht und Adipositas ist bedingt durch Ernährungsgewohnheiten, Portionsgrößen, Bewegungsmangel, sozioökonomische Faktoren, genetische Disposition und Umweltbedingungen. „Eine Zuckersteuer suggeriert einfache Lösungen für komplexe Probleme. Doch nachhaltige Veränderungen entstehen durch Kompetenzaufbau, gute Rahmenbedingungen und alltagstaugliche Strategien“, erläutert Dr. Gruber.
Foodwatch hingegen würde die Steuer positiv sehen
Ein Foodwatch-Check in Österreich ergab, dass hierzulande mehr Zucker in Getränken der gleichen Marke enthalten ist als in Deutschland. „Diese Ergebnisse zeigen, dass der Handlungsbedarf in Österreich groß ist. Während in Deutschland nun endlich gehandelt wird, wird hierzulande nichts unternommen, um die Menschen vor den negativen Folgen von zu hohem Zuckerkonsum zu schützen“, erklärt Miriam Maurer von „Foodwatch Österreich.“
Folgen von hohem Zuckerkonsum trifft besonders junge Menschen
Zuckerhaltige Getränke zählen zu den Hauptquellen für die Zuckeraufnahme bei Kindern und Jugendlichen. In Österreich trinken 15 Prozent der Mädchen und 18 Prozent der Burschen täglich Softdrinks. Die Folgen sind dramatisch: 34 Prozent der Buben und 26 Prozent der Mädchen im Volksschulalter sind übergewichtig, 16 Prozent bzw. 8 Prozent bereits adipös.
Neben körperlichen Beschwerden leiden viele Kinder auch unter psychischen Belastungen wie Mobbing und Ausgrenzung. Auch insgesamt ist die Lage alarmierend: 2025 lag der Zuckerkonsum pro Kopf in Österreich über süße Getränke bei 22,8 g, also knapp sechs Zuckerwürfel. Die Folge: Millionen Menschen in Österreich sind von Übergewicht betroffen.
„Kracherl-Steuer“ wirkt und würde doppelt helfen
Internationale Erfahrungen zeigen: Eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke reduziert den Zuckergehalt in Produkten und senkt den Konsum. Mehr als 50 Länder weltweit haben solche Maßnahmen bereits umgesetzt. Eine „Kracherl-Steuer“ setzt genau dort an, wo es am effektivsten ist: Sie verändert die Rahmenbedingungen so, dass stark gesüßte Getränke automatisch unattraktiver werden – für Hersteller und Konsumenten gleichermaßen.
Ohne zusätzlichen Aufwand erreicht sie damit besonders viele Menschen. Gleichzeitig würde eine solche Maßnahme auch das Budget entlasten: Ungesunde Ernährung verursacht in Österreich jährlich volkswirtschaftliche Kosten von bis zu 12,2 Milliarden Euro. Eine Steuer könnte nicht nur gesundheitliche Schäden reduzieren, sondern auch zusätzliche Mittel für dringend notwendige Gesundheitsmaßnahmen schaffen, berichtet „Foodwatch Österreich“.
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