Pflegekräfte berichten aus ihrem Alltag, dass sie zu zweit in der Nacht die Verantwortung für bis zu 100 Heimbewohner tragen. Trotzdem denken die politischen Verantwortungsträger in der Steiermark aktuell über eine Herabsetzung des Pflegeschlüssels nach. Wird hier nur mit Zahlen kalkuliert – oder auch mit Menschen?
Robert Irmler hat den Pflegeberuf im zweiten Bildungsweg erlernt und zusätzlich eine Ausbildung im Bereich Demenz absolviert. „Als ich vor elf Jahren begonnen habe, war der Alltag noch ein anderer“, erzählt der 56-Jährige am Montag im Interview mit der „Krone“. Gemeint ist die Zeit vor der Abschaffung des Pflegeregresses. „Damals hat sich jeder noch dreimal überlegt, ob er die Oma ins Heim gibt“, stellt Irmler nüchtern fest. Seit 1. Jänner 2018 ist der Zugriff auf das Vermögen von Heimbewohnern, ihren Angehörigen oder Erben zur Deckung der Pflegekosten bekanntlich unzulässig.
„Geld kann Überforderung nicht kompensieren“
Anstrengend sei die Arbeit schon immer gewesen, zugleich aber „sehr erfüllend und sinnstiftend“. Das war der Grund, warum der Steirer seinen Bürojob gegen den Pflegeberuf eintauschte. Seit Corona gehe es mit der Zufriedenheit jedoch steil bergab: mehr Krankenstände, mehr Burnout-Fälle, Arbeiten am Limit als Dauerzustand. Dass die lange beschämend niedrigen Gehälter nach der Pandemie angehoben wurden, ändere daran wenig. „Kein Geld der Welt kann die permanente Überforderung kompensieren.“
Landesrat lässt entscheidende Frage offen
Umso härter trifft die Branche nun das Gerücht, wonach die blau-schwarze Landesregierung eine Herabsetzung des Pflegeschlüssels in Erwägung zieht. Der zuständige Landesrat Karlheinz Kornhäusl wollte auch am Montag keine verbindliche Auskunft geben.
„Ich lade den Herrn Landesrat ein, einen Tag mit mir zehn Demenzkranke zu betreuen. Dann würde er vielleicht anders denken“, sagt Robert Irmler. Und tatsächlich zeigt die Debatte – einmal mehr –, wie weit sich die hohe Politik inzwischen von der Basis entfernt hat.
Die Folgen einer solchen Änderung wären jedenfalls weitreichend, und es würde nicht nur die Beschäftigten treffen, sondern auch die Bewohnerinnen und Bewohner. Aufmerksames Zuhören, liebevolle Zuwendung oder der kurze Spaziergang im Freien wären dann wohl noch seltener möglich als ohenhin schon. Jene, die diese Entscheidungen treffen, werden davon freilich kaum etwas spüren: Sie können sich Zusatzversicherungen und private Pflege leisten.
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