Retrovertiert

Polo GTI: Das ist der wahre GTI!

Motor
14.01.2009 15:23
Retro ist „in“ bei den Autoherstellern. Bestes Beispiel ist aktuell der Volvo C30, der sich optisch am legendären „Schneewittchensarg“ anlehnt. Retro ist aber auch ein Auto, das unter diesem Schlagwort eigentlich gar nicht geführt wird: der VW Polo GTI! Der ist nämlich praktisch die geschliffene Neuauflage des sagenhaften Golf GTI der ersten Serie vor rund 30 Jahren!

Sogar die karierten Sitzbezüge sind die gleichen namens Interlagos, sie überspannen richtig gute Sportsitze mit perfektem Seitenhalt. Und den kann man gut gebrauchen. Hehe.

Bei der Leistung hat sich nur sie „Währung“ geändert: Damals hatte der GTI 110 PS, heute sind es 110 kW, also 150 PS. Anfühlen tut sich der heutige Polo GTI ähnlich wie sein Urvater, auch von den Abmessungen her, nur ein bisschen erwachsener, etwas besser ausgestattet – und schneller! Schaffte der Herr der späten 70er noch 182 km/h Spitze, sind es beim Polo 216 km/h. Der Hundertersprint passiert in 8,2 Sekunden, der Urahn brauchte eine knappe Sekunde länger. Auch nicht schlecht: Während des Spurts von 80 auf 120 km/h im vierten Gang vergehen an Bord des Polo GTI lediglich 7,5 Sekunden. Draußen übrigens auch, aber dort machen sie nicht so viel Spaß. Und wenn man auf dem Gas stehen bleibt, schafft er es bis über 190, bevor man dann wirklich in den fünften schalten muss.

Von 1976 bis 1982 kam der GTI mit 1,6 Litern Hubraum daher, dann wurden es wie im heutigen Polo 1,8 Liter, was auch zwei PS-chen mehr brachte. Ladeluftgekühlte Turboaufladung sorgt für angemessenes GTI-Fahren, schließlich muss man sich ja auch entwickeln. Außerdem muss man ja auch das höhere Leergewicht kompensieren, statt 810 bringt der GTI heute 1.164 Kilogramm auf die Waage. Aber den Speck merkt man ihm beim Fahren kaum an. 220 Nm Drehmoment liegen schon bei 1.950 U/min. an, das Turboloch hält sich in verträglichen Grenzen.

Halbstarker Sound
Der Polo GTI ist kein Freund des leisen Auftritts, der Motor klingt, als würde er der Beifahrerin imponieren wollen, rote Ziernähte etwa am Schalthebelkleid oder an den Sicherheitsgurten unterstreichen den Wunsch auch optisch. Dazu ein GTI-Emblem samt Ziernähten am Lenkrad, eines im dunklen Kühlergrill für den Rückspiegel, schwarze Seitenschweller und ein Dachkantenspoiler. Applikationen im Aludesign wirken sportlich-edel. Das Radio des Testwagens kann mit dem Sound aus dem Motorraum nicht ganz mithalten, aber wir haben früher ja auch unsere eigene Anlage in den GTI geschraubt, oder?

Auf der Straße macht der Kleine richtig Spaß, er liegt herrlich auf der Straße, das Fahrwerk ist im Vergleich zum Normal-Polo 15 Millimeter tiefer und entsprechend verschärft. Dabei nimmt es trotz aller sportlichen Härte aber sogar Rücksicht auf die Wirbelsäule eventuell nur jung gebliebener Fahrer. Die Vorderräder haben mit den 150 PS zwar alle Rillen voll zu tun, mit etwas Gefühl lassen sie sich aber gut führen. Wenn sich das Getriebe besser schalten ließe, hätte ich nichts dagegen.

Kein Kostverächter
Besonders bei flotter Gangart wird der Tankwart zum besten Freund, erstens weil man ihn oft trifft, zweitens, weil er immer Geld bekommt. Zehn Liter braucht der Polo GTI im Schnitt, nach oben ist noch einiges drin. Nach 50 Stadtkilometern bin ich auf der Autobahn nicht mal von Wien nach Salzburg gekommen – und das ohne Gefahr für den Führerschein! Im Stadtverkehr zeigt der Bordcomputer ohne zu zucken über 17 Liter auf 100 Kilometer an. Das ist schlicht zu viel für einen solchen Rennzwerg, Papa hat das besser gemacht.

Viel Platz
Der Kofferraum fasst einkaufstaugliche 270 Liter, mit umgelegter Rückbank 1.030 Liter. Leider ist die Raumvergrößerung umständlich, weil man die drei Kopfstützen entfernen muss, außerdem ist die Ladefläche nicht ganz eben. Beim Aufstellen der Rücklehnen klemmt man gerne die äußeren der drei Dreipunktgurte ein. Vorne gibt es viel Platz für alles Mögliche: Unterhalb des Handschuhfachs sowie des Lenkrades ist ein offenes Ablagefach, ebenso in den Türen und mittig auf der Mittelkonsole, dazu ein kleines hinter dem Schalthebel und zwei winzige neben der Handbremse und zwei Dosanhalter dahinter.

Schneller Freund für jeden Tag
Für 22.861,-- Euro (22.130,-- als Zweitürer) bekommt man einen richtig guten, ausgereiften kleinen Sportler, der mit einem durch dick und dünn geht (dass es im VW-Regal stärkere Motoren gibt, sei den Wolfsburgern in des Preisen Namen verziehen). Beim Spielen hält er locker mit den Großen mit, auch in Sachen Sicherheit: vier Airbags, ESP, ABS – alles da. Dazu gibt’s Erinnerungen an die Bubenzeit. Wenn man alt genug ist.

Stephan Schätzl

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