Mo, 25. Juni 2018

Autolegende

26.04.2011 11:32

Dolce vita und bella figura: Der Alfa Spider wird 45!

Schöne Cabriolets und Sportwagen gehören zu Italien wie Pasta und Pizza. Nicht selten waren die Sonnenanbeter allerdings kurzlebig wie bunte Schmetterlinge. Allein der klassische Alfa Spider scheint sich ewiger Jugend zu erfreuen und den Kampf gegen Rost und Abwrackprämien endgültig gewonnen zu haben.

Schön sein und sich dem süßen Leben hingeben: Wie kein anderes Automobil ist der klassische Alfa Romeo Spider dafür ein Symbol. Vor 45 Jahren war das noch ganz anders. Damals zelebrierte der von Pininfarina mit rundlichen Linien gezeichnete offene Zweisitzer seinen ersten Auftritt auf dem Genfer Salon. Während der fast zeitgleich in Turin präsentierte und ebenfalls von Pininfarina entworfene, aber kantiger gezeichnete Fiat 124 Spider sofort als neuer Star am Cabrio-Himmel gefeiert wurde, war die Publikumsreaktion gegenüber dem Alfa zunächst geteilt.

Der Auftakt einer rund zwanzigjährigen Rivalität zwischen den zwei Roadstern. Anfangs als Episode des traditionellen Duells Mailand vs. Turin, nach der Übernahme von Alfa Romeo durch Fiat als Auseinandersetzung unter Konzerngeschwistern.

Alfa Spider zunächst verspottet
Besonders das rundliche Heck brachte dem offenen Romeo rasch den Spottnamen "Osso di Sepia", also Tintenfischschulp, ein. Auch ein von Alfa ausgerichteter Namenswettbewerb brachte keine entscheidende Besserung. Der so gefundene klangvolle Name "Duetto" wurde vom Unternehmen nie offiziell am Fahrzeug verwendet.

Zum "Schönsten unter der Sonne" wie der Alfa Spider hierzulande beworben wurde, entwickelte er sich nach Ansicht der meisten Liebhaber offener Zweisitzer erst drei Jahre später, als ein kantiges Fastback das Rundheck ersetzte. So vollkommen schien die Grundform nun, dass der Alfa Spider alle zeitgenössischen Wettbewerber überlebte und als scheinbar unsterblicher Adonis mit einer Gesamtproduktionszeit von 27 Jahren Anwärter auf einen Platz im Guinness Buch der Rekorde wurde.

Alfa Spider besteht "Reifeprüfung"
Die Verkaufszahlen seiner härtesten Rivalen, des Fiat 124 Spider und des MGB, erreichte der Alfa mit über 124.000 Einheiten zwar nicht ganz, dafür machte er die Mailänder Marke durch eine der ersten erfolgreichen Produktplatzierungen der Filmgeschichte in den USA zu einem weltweiten Inbegriff schöner und schneller Sportwagen. Im offenen Duetto Spider suchte Dustin Hoffman unter der Sonne Kaliforniens nach der großen Liebe im kultig-kitschigen Kinostreifen "Die Reifeprüfung". So wurde der Zweisitzer als "Graduate Spider" ohne die sonst so markanten Plexiglasscheinwerferabdeckungen in Amerika berühmt und als vorläufig letzter Alfa auch erfolgreich.

Das Revival der Roadster
Nach dem allgemeinen Roadstersterben Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre hielt schließlich allein der Alfa Spider die Fahne des erschwinglichen offenen Sportwagens hoch. Als 1989 der Mazda MX-5 die Welt in den Rausch eines Roadster-Revivals versetzte, hatte der kleine Japaner alle seine englischen Vorbilder bereits überlebt, nur Italien leistete noch Opposition durch einen unbeugsamen Schöngeist. Hatte sich der Alfa Spider in den 1980er-Jahren mit Gummilippen und Spoilerwerk einen zeitgeistigen Tarnanzug verpassen lassen, der viele Alfisti aufschreien, viele Roadsterfans aber mangels Alternative weiterhin zugreifen ließ, führte der globale Spontanerfolg des ersten Roadsters aus dem fernöstlichen Hiroshima 1990 zu einer allerletzten Kosmetikkur für die hochbetagten Renner aus bella Italia. Zurück zu den Ursprüngen lautete nun die Devise. Mit neuen, in Wagenfarbe lackierten Plastikteilen orientierte sich Alfa Romeo an der Formensprache des Fastback-Urmodells.

Spider als umstrittener Keil
Designexperimenten gegenüber war Alfa Romeo aber auch bei späteren Spider-Generationen nicht abgeneigt, wie der 1995 präsentierte völlig neu entwickelte Zweisitzer zeigte. Als kantiger Keil war er heftig umstritten - genau wie 28 Jahre zuvor der Duetto. Aber auch diesmal gewöhnte sich der Freundeskreis italienischer Automobile während der elfjährigen Produktionszeit an das leicht exaltiert gezeichnete Exterieur aus den Ateliers des Altmeisters Pininfarina. Modisch-gefällig und entsprechend kurzlebig präsentierte sich dagegen die vorläufig letzte Generation der Cabrio-Dynastie, die 2006 als Freiluftversion des Coupés Brera lanciert wurde und 2010 sang- und klanglos wieder verschwand.

Ab 1994 keine "echten" Alfa Spider mehr
Für viele Alfisti endete die Geschichte des Frischluftklassikers von Alfa Romeo jedoch bereits 1994 mit dem Abverkauf der letzten Spider aus der Vor-Fiat-Ära. Zu groß war der Bruch mit alten Alfa-Traditionen, den der offene Keil mit Fiat-Technik verkörperte. Nicht nur die legendären, drehfreudigen Aluminiumtriebwerke mit doppelter Nockenwelle wurden in den Ruhestand geschickt, auch der roadstertypische Hinterradantrieb war von nun an Geschichte bei Alfa Romeo.

Die Selbstdemontage des Spider
Abgelöst wurde der unvergänglich schöne "Ur-Spider" durch den erwähnten, vollkommen neu konstruierten Zweisitzer mit dem Entwicklungscode 916 - und zeittypischen Bauteilen aus dem Sortiment der Konzernmutter. So erhielt der eigenwillig geformte neue Spider sechs unterschiedliche Quermotoren und Vorderradantrieb. Nur die Zylinderköpfe mit Aluminiumlegierung und je zwei Zündkerzen (Twin-Spark) kündeten bei den Motoren von edler Alfa-Provenienz. Noch weiter entfernt vom Original aus dem Jahr 1966 war der genau 40 Jahre später auf dem Genfer Salon präsentierte Spider mit dem internen Code 939. Als schwergewichtige, beladen bis zu zwei Tonnen wiegende Cabrioversion des Coupés Brera wartete der vorerst letzte Spider optional sogar mit Allradantrieb und drei Dieselmotoren auf.

Die "Echten" faszinieren bis heute
Je weiter sich die späten Spider von der Handlichkeit und Agilität der ursprünglichen Spider entfernten, desto begehrter wurde die ersten vier Serien des unvergänglich schönen Zweisitzers, der als Duetto gerade einmal 940 Kilogramm auf die Waage brachte. Unter der in bester Sportwagentradition langen Motorhaube verbarg sich ein legendärer Leichtmetall-Vierzylinder mit zwei obenliegenden Nockenwellen und anfangs 109 PS, die bereits genügten, um den leichten Sportler zum Sprintchampion aller erschwinglichen Spider beschleunigten.

Später kamen weitere Leistungsstufen des drehfreudigen Triebwerks zum Einsatz, vom Einsteigermodell mit 1,3-Liter-Hubraum und 89 PS bis zum 2,0-Liter-Aggregat mit 128 PS, das die flache Flunder fast 200 km/h schnell machte. Allen Motoren gemeinsam war der markante, heisere Sound, der einst ein unverwechselbares Erkennungsmerkmal für alle Alfa Romeo war, und den sich sogar die abgasentgifteten und schwächeren US-Versionen mit Benzineinspritzung bewahrten.SP/X

Modellhistorie:

1966: Am 10. März feiert der Alfa Romeo Spider 1600 auf dem Genfer Salon Weltpremiere. Ein Namenswettbewerb für den Alfa Spider bewirkt Vorschläge wie Lollobrigida, Sputnik, Lucia, Pizza. Sieger wird die Bezeichnung Duetto.

1967: Ab sofort auch als Spider 1750 lieferbar

1968: Neues Einstiegsmodell wird im Jänner der 1300 Spider

1969: Im Rahmen einer Modellüberarbeitung ersetzt Alfa das umstrittene Rundheck ("Osso di Sepia") durch ein Fastback, "Coda Tronca" genannt

1971: Vorstellung des Spider 2000 Veloce als neues Spitzenmodell der Baureihe

1983: Gründliche Überarbeitung mit großem Frontspoiler, Gummilippe am Heck und üppig dimensionierten Stoßfängern. Inoffiziell wird diese dritte Serie des Spider "Aerodinamica" genannt

1986: Modifikationen im Interieur mit neuem Instrumententräger

1989: Die vierte und letzte Serie des Spider läuft an mit Spoilern und Kunststoffanbauteilen in Wagenfarbe

1993: Produktionsauslauf für den klassischen Spider. Der Abverkauf bei den Händlern läuft noch bis zum Folgejahr

1994: Auf dem Genfer Salon feiert eine ne, darunter auch Sechszylinder

2006: Die vorerst letzte Spider-Generation debütiert auf dem Genfer Salon. Unter der internen Bezeichnung Spider 939 wird der offene Zweisitzer bis Juni 2010 produziert

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