Neues Album „Für Mich“

Jugo Ürdens: Das Glück bleibt kompliziert

Musik
19.07.2026 05:00

Weg vom klassischen Deutschrap, hin zu tanzbarem Indie-Pop: Auf seinem vierten Album „Für Mich“ zeigt sich der Wiener Musiker Jugo Ürdens so persönlich und nachdenklich wie selten zuvor. Zwischen eingängigen Melodien, Selbstzweifeln und einer guten Portion Ironie sucht er nach Veränderung – und vor allem nach sich selbst. 

kmm

Mit ruhigen Gitarren, viel Gesang und deutlich weniger klassischem Rap schlägt Aleksandar Simonovski alias Jugo Ürdens auf seinem neuen Album „Für Mich“ eine hörbar andere Richtung ein. Der in Nordmazedonien geborene Musiker kam mit sieben Jahren nach Wien und wurde vor allem mit humorvollem, selbstironischem Rap bekannt. Nun wirken seine Songs wie Gedanken, die während einer langen Autofahrt plötzlich hochkommen: mal hoffnungsvoll, mal schwer und oft widersprüchlich. Denn obwohl er bewusster lebt und vieles verändert hat, scheint das ersehnte Glück irgendwie noch immer nicht ganz angekommen zu sein.

Ein rund 30-sekündiges Intro eröffnet das Album zunächst ruhig und geht anschließend fließend in den ersten Song „Dumm“ über. Schon mit den ersten Zeilen gibt Ürdens die Richtung vor: „Ich muss 5, 6, 7 Kilo abnehmen, ich muss gesund sein und darf nicht angeben, ich muss Steuern zahlen und ich lass mich ausnehmen.“ Sarkastisch zählt er all jene Erwartungen auf, die im Alltag auf einen einprasseln und denen man scheinbar ständig gerecht werden muss. So geht es weiter, bis schließlich die Hook „Und ich geh dumm“ einsetzt und der Beat plötzlich deutlich schneller wird. Der Sound erinnert dabei stellenweise fast an einen Rave und steht im spannenden Kontrast zu den nachdenklichen Zeilen. Die vermeintliche Lösung für all den Druck lautet also: einfach dumm sein, denn wer weniger nachdenkt, ist vielleicht auch glücklicher.

Jugo Ürdens zeigt sich in „Für mich“ persönlicher und musikalisch vielseitiger denn je.
Jugo Ürdens zeigt sich in „Für mich“ persönlicher und musikalisch vielseitiger denn je.(Bild: Instagram/JugoÜrdens)

Gefangen zwischen zwei kulturellen Welten
Auch das dazugehörige Musikvideo greift die Schnelllebigkeit des Alltags auf. Darin wird deutlich, wie schnell man sich zwischen Arbeit, Leistungsdruck und all den vermeintlichen Pflichten selbst verlieren kann. Gerade dieser Mix aus Humor, Sarkasmus und einer durchaus ernsten Botschaft funktioniert besonders gut.

Die Suche nach dem Glück setzt der 30-Jährige anschließend im Titelsong „Für Mich“ fort. Scheinbar spontane Gedanken verpackt er dabei in eine eingängige Melodie. Es geht darum, Entscheidungen endlich für sich selbst zu treffen – auch wenn man noch gar nicht genau weiß, wohin diese führen sollen. Wie es sich anfühlt, zwischen zwei kulturellen Welten zu stehen, thematisiert Ürdens in „Aus Prinzip“. Dabei geht es um das Gefühl, weder hier noch dort ganz dazuzugehören – und um eine Herkunft, die immer mehr zu verschwimmen scheint. „Ich verlerne meine Sprache, versteh’ kaum meinen Vater und die Leute auf der Straße“, rappt er und bringt später auch Klischees sowie den bürokratischen Alltag ins Spiel: „Sie liebt es, wenn ich Brate sag’, liebt es, bin ich asozial, Aufenthalt verlängern, alle fünf Jahre beim Magistrat.“ Persönlich, bitter und zugleich mit jener Selbstironie erzählt, für die Jugo bekannt ist.

Weniger leicht verdaulich ist hingegen „Panik“. Der Musiker setzt sich darin mit Panikattacken auseinander und schafft einen Sound, der wild, verdreht und unangenehm rastlos wirkt. Das Gefühl, wenn etwas langsam hochkocht und schließlich blubbernd übergeht, wird hier musikalisch ziemlich treffend eingefangen.

„Ich bin da“
Dunkler und deutlich unruhiger wird es in „So Wie Du“. Der wuchtige Bass zieht sich hartnäckig durch den Song, während Jugo Ürdens auf frühere Fehler und unüberlegte Entscheidungen zurückblickt. Dabei wirkt es, als würde ihn seine Vergangenheit noch immer einholen – allerdings ohne große Selbstanklage, sondern eher mit nüchterner Distanz.

Im Track „Kopf Hoch“ vergleicht er das Chaos im Kopf mit jenem in einer Handtasche, in der man nie das findet, wonach man gerade sucht – passiert also offenbar doch nicht nur Frauen. Statt leerer Durchhalteparolen setzt er aber auf echte Nähe: „Aber fick auf was sie sagen, fick auf jedes ‘Kopf hoch, deiner wiegt doch viel zu viel, leg ihn einfach auf mein’n Schoß.“ Der Song will niemanden krampfhaft aufmuntern, sondern sagt vielmehr ganz schlicht: Ich bin da.
Leicht schunkelnd und etwas verträumt plätschert danach „Café Europa“ vor sich hin. Gewidmet ist das Lied dem bekannten Wiener Lokal, das für die einen Kulttreffpunkt ist und für viele den Wandel der Wiener Lokalszene verkörpert. 
Irgendwann zum Abschluss – Die Platte hat 12 Tracks –  folgt mit „Alles Wird Gut“ eine Zusammenarbeit mit der Münchner Indie-Pop-Band Mola. Gemeinsam singen sie über einen Menschen, der einen daran erinnert, zwischen all den schlechten Gedanken auch das Gute nicht völlig aus den Augen zu verlieren.

Fazit: Ganz an den starken und abwechslungsreichen Beginn kommen die letzten Songs zwar nicht mehr heran, dennoch fügen sie sich stimmig in das Gesamtbild ein. Schließlich besteht auch das Leben nicht nur aus großen Höhepunkten, sondern ebenso aus ruhigeren, schwereren und manchmal etwas zähen Phasen. „Für Mich“ lässt genau diesen Gefühlen genügend Raum, ohne dabei völlig in Melancholie zu versinken. Denn immer wieder brechen impulsive Beats, Ironie und eingängige Melodien die nachdenkliche Stimmung auf. Der neue Indie-Pop-Sound steht Jugo Ürdens jedenfalls erstaunlich gut. Zwischen Selbstzweifeln, Veränderung und der Suche nach dem eigenen Glück zeigt er sich persönlicher und musikalisch vielseitiger denn je – und darf dieser Richtung gerne noch länger treu bleiben.

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