25.12.2021 04:00 |

Sparsamer Gleiter

Mercedes C 220d: Großartig und nervtötend zugleich

Es ist herrlich, nach dem Tanken ins Auto einzusteigen und am Display über 1100 Kilometer Reichweite angezeigt zu bekommen. Nicht der einzige erfreuliche Anblick hier im Innenraum des Mercedes C 220d, der wahrscheinlich der eleganteste seiner Klasse ist. Willkommen in der Baby-S-Klasse, die ein so angenehmer Reisegleiter sein könnte.

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Könnte? Na ja, eigentlich ist sie es. Sie fährt sich herrlich geschmeidig, lenkt gut, der Zweiliter-Diesel ist extrem sparsam, man sitzt bequem, es bleibt jederzeit leise - aber die Bedienung des MBUX-(Mercedes-Benz-User-Experience)-Systems kann einem den letzten Nerv ziehen. Einzelheiten dazu folgen weiter unten.

Nach dem Motto „don’t judge a car by its Bedienelementen“ wollen wir erst auf andere Dinge eingehen. Das mit der Baby-S-Klasse zum Beispiel, denn das ist nicht nur so dahingesagt: Die C-Klasse (die einst der 190er-Reihe, genannt Baby-Benz, nachgefolgt ist) steht auf der gleichen Plattform wie Daimlers Flaggschiff. An der abgelutschten Form kann man die Verwandtschaft auch erkennen, der cW-Wert von 0,24 dürfte sich positiv auf den Verbrauch auswirken. Die Schokoladenseite ist vorn, wo sie der Motorhaube zwei Powerdomes hineingefalzt haben.

Die C-Klasse ist in der Länge um sechseinhalb Zentimeter auf stattliche 4,75 Meter gewachsen, der Radstand streckte sich leicht auf knapp 2,87 Meter, dafür läuft das Dach nun einen Zentimeter flacher. Den wünscht man sich zurück, wenn man als groß Gewachsener auf der Rückbank Platz nimmt.

Apropos Platz nehmen: Steht das Auto bergauf, fällt nun endlich die Tür nicht mehr jedes Mal zu, wenn man sie geöffnet hat. Der zu schwache Türhalter war eigentlich seit vielen Jahren ein zweifelhaftes Erkennungsmerkmal für einen Mercedes. Sehr gut. Aber der vordere Türausschnitt ist relativ schmal, mit meinen 1,88 Meter Körpergröße muss ich mich beim Einsteigen leicht verrenken. Aber der jachtähnliche Innenraum mit seinen Nadelstreif-Holzblenden und dem hochkant stehenden Display entschädigt. Und immerhin muss man auf längeren Reisen nicht oft aus- bzw. einsteigen, siehe Verbrauch. Und egal, wie lang man unterwegs ist - man kommt entspannt an.

Womit wir elegant beim Fahren angelangt sind
Der Motor des 220d ist ein Zweiliter-Mildhybrid-Turbodiesel mit 200 PS, der von einem riemengetriebenen Startergenerator mit 15 kW vulgo 20 PS unterstützt wird. Spürbar, denn er füllt ein eventuelles Turboverzögern beim Beschleunigen hervorragend aus, bis bei 1800 Touren das maximale Drehmoment von 440 Nm antritt. Das alles wird in einer Gelassenheit abgeliefert, die man schon beinahe als provozierend bezeichnen muss. Es handelt sich immerhin nur um den Basisdiesel in einer laut Typenschein 1772 kg schweren Limousine. Das müsste doch irgendwie träge wirken? Tut es nicht, im Gegenteil. Es geht behände dahin, 7,3 Sekunden reichen für den Sprint auf 100. Nur die serienmäßige Neungangautomatik kann in puncto Geschmeidigkeit nicht immer ganz mithalten, sie ruckt manchmal.

Nicht einmal auf deutschen Autobahnen vermisst man etwas. Ein Reisetempo von 180, 200 km/h geht sich locker aus, wirklich viel mehr nicht, weil dazu dann doch meistens zu viel Verkehr herrscht und der Anlauf oben herum länger wird. In lichten Momenten läuft der Benz bis zu 245 km/h.

So sparsam ist der C 220d
An diesen Zeilen mag der geneigte Leser erkennen: Wir haben das Auto nicht getragen, sondern flott gefahren. Und weit. Am Ende, nach fast 3000 Kilometern, inklusive langen Vollgasabschnitten in Deutschland bis zur Höchstgeschwindigkeit stand ein Durchschnittsverbrauch von 6,3 l/100 km auf dem Tacho. Das ist höchst beachtlich. Wenn man es nicht so laufen lässt, kann man auch problemlos mit fünfeinhalb Litern auskommen, ohne sich sonderlich zurückzuhalten. Dauerhaftes Reisetempo von rund 180 km/h verlangt nach etwa sieben Litern auf 100 Kilometer.

Fahrwerk und Lenkung top, aber …
Ebenfalls herrlich geschmeidig ist das optionale Sportfahrwerk, das im Testwagen eingebaut ist. So komfortabel, dass es schlechte Straßen nicht übermäßig nach innen übersetzt, aber doch auch so prägnant, dass kurvige Landstraßen Spaß machen. Es gäbe dann auch noch adaptive Dämpfer (kein Luftfahrwerk) und eine Hinterachslenkung, wenn man will (aber nur die normale Version, nicht die mit zehn Grad Lenkwinkel aus der S-Klasse). Doch auch mit nur zwei gelenkten Rädern fehlt nichts, die Lenkung ist gefühlvoll, angenehm direkt und absolut gelungen.

Beim Rangieren stört nicht die Lenkung, sondern die schlecht dosierbare Bremse, ebenso wie der Assistent, der die Motorleistung kappt, wenn es eng wird. Das fühlt sich an wie ein Notprogramm, nicht wie eine Unterstützung. Der Stresspegel des Fahrers steigt in der Sekunde, weil seine Auge-Hand-Gasfuß-Koordination plötzlich nicht mehr passt.

Wer hat diese Bedienelemente abgesegnet?
Diesen Eindruck habe ich auch ständig, wenn ich das MBUX-System über die Lenkradelemente bediene. Wenn die Entwickler ihre Hausaufgaben gemacht und tatsächlich den Kunden im Kopf haben, reagieren Knöpfe, Tasten, Regler oder sonstiges so gut wie die Lenkung oder der Antrieb des Mercedes C 220d. Woran sie bei Mercedes gedacht haben, als ihnen diese Elemente eingefallen sind, würde mich ernsthaft interessieren. Denn diese Touch- und Slide-Flächen am Lenkrad gehören noch vor VWs Touchslidern auf den Haufen, den am Abend der Lehrling wegkehrt.

Dabei braucht man sie dauernd. Die linke Doppelspeiche des Lenkrads ist für das inhaltsreiche Menü am Tacho-Display sowie für den Tempomaten zuständig, die rechte Doppelspeiche für den zentralen Touchscreen sowie Lautstärke und Telefon etc. Per Sliden etwas zu treffen/finden ist Glückssache. Die Musik etwas leiser oder lauter drehen? Funktioniert: Wenn man mit dem Finger leicht über die Fläche streicht, wird die Musik lauter oder leiser. Doch da man in der Regel nur eines von beiden als Ziel hat, ist das unbefriedigend. Der Lautstärke-Slider auf der Mittelkonsole kann das nur unwesentlich besser.

Function follows form - wenn überhaupt
Ähnlich läuft das mit den anderen Touchflächen. Kurz gesagt: Je länger ich in der C-Klasse unterwegs bin, desto mehr nervt mich die Bedienung, weil sie schlecht oder falsch reagiert und das einfach nur mühsam ist. Es gab bei Mercedes mal echte Tasten am Lenkrad, die haben perfekt funktioniert. Aber darauf kommt es bei der Entwicklung eines Autos wohl nicht mehr an, neue Möglichkeiten sind zum Selbstzweck geworden. Bevor man mir jetzt ewige Gestrigkeit oder greises Denken vorwirft: Das hat nichts mit einer Geschmackssache zu tun, sondern mit Sicherheit, denn wenn diese Dinge nicht richtig funktionieren, lenken sie ab. Und das ist gefährlich.

Immerhin funktioniert die Spracheingabe gut. Aber das kann keine Entschuldigung sein für die Probleme bei der Bedienung mit den Händen. Übrigens ist auch das Einstellen der Außenspiegel nicht so einfach: Man muss auf die „Tasten“ schauen, weil man nicht ertasten kann, wo man hindrücken muss. Da hilft auch „Hey Mercedes“ nicht weiter.

Das MBUX an sich ist tatsächlich Geschmackssache, mit der Menüführung kann man sich prinzipiell gut zurechtfinden, sofern man sich etwas damit beschäftigt hat. Manche Funktionen sollten aber direkter erreichbar sein. Etwa der Spurhalteassistent, der nach jedem Neustart aktiv ist. Will ich ihn abschalten, muss ich auf das Auto-Symbol tippen, dann auf Abschalten, dann auf zurück. Das ist eh schon eine Schnellzugriffsfunktion, aber eigentlich sollte ein einziger Knopfdruck reichen. Warum? Wer gern mit diesem Assistenzsystem fährt, ist möglicherweise kein sehr sicherer Fahrer. Wenn er es abschalten will, liegt es vielleicht daran, dass die Situation gerade unübersichtlich ist. Dann kann das Herumtippsen zur Überforderung führen.

Sagen wir es so: Wer eine Leistungsreduktion beim Parken braucht, ist spätestens jetzt überfordert.

Der Preis: Alles erst der Anfang
Der Basispreis für den C 220d liegt bei 54.400 Euro, der Testwagen kostet knapp 70.000 Euro, es ist also einiges an Extras an Bord. Schmankerl wie Matrixscheinwerfer, Hinterachslenkung, automatisiertes Fahren oder adaptive Dämpfer sind da aber noch nicht dabei. Ein Schnäppchen darf man sich in dieser Fahrzeugklasse nicht erwarten, auch diesseits der S-Klasse. Die billigste C-Klasse, der C 180 mit 170 PS starkem 1,5-Liter-Vierzylinder-Benziner kostet übrigens 48.410 Euro und ist so ausgestattet, dass man damit tatsächlich leben kann.

Fahrzit
Der Mercedes C 220d ist ein wirklich tolles Auto, das sehr viel richtig macht. Wenn es ums Fahren geht, ist er wirklich beeindruckend. Es ist aber wirklich anzuraten, vor einem eventuellen Kauf das Bediensystem ausgiebig zu testen, nicht nur zwei Minuten im Autohaus, sondern auf einer langen Probefahrt. Es müssen ja nicht gleich 1100 Kilometer sein …

Warum?
Sehr geschmeidiges Fahrverhalten
Starker, sehr sparsamer Motor
Hoher Qualitätseindruck

Warum nicht?
Nervtötende Bedienelemente

Oder vielleicht …
… Audi A4, BMW 3er/4er Gran Coupé

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