15.06.2020 15:47 |

Urmeter seiner Klasse

BMW 330d Touring: Die wahre Größe des Sport-Kombis

Die Sportlichsten ihrer Art waren BMW-3er-Kombis schon immer, allerdings nahmen sie ihre Transportaufgaben und die Anforderungen in der zweiten Reihe nicht so ernst. Mehr Sport als Trans. Mit der aktuellen Generation hat sich das erledigt, die ist sportlich UND geräumig UND praktisch. Unser Testwagen, ein 330d xDrive Touring M Sport, ist dazu auch noch ein echter Hinschauer. Besonders am Preisschild: Da muss man zweimal hinschauen ...

Also, das Unangenehmste gleich zu Beginn: Der hier abgebildete BMW kostet exakt 91.789 Euro, wovon mehr als 35.000 Euro für Sonderausstattung draufgehen. Was wiederum dem Nettopreis des Einstiegsmodells 320d Touring entspricht. Ein BMW ist grundsätzlich das falsche Auto, um sich in Verzicht zu üben, das zeigt der Testwagen wieder einmal besonders deutlich.

Nicht wenige betrachten den Touring als die schönste der beiden Dreier-Karosserievarianten. Die herrlich sportliche Linienführung ist allein schon sehenswert, die M-Optik kostet schon extra, wie auch die Farbe, dieses angemattete Dravitgrau metallic, das die dreidimensionalen, teilabgedunkelten LED-Heckleuchten so herrlich zur Geltung bringt.

Richtig edel wird‘s, wenn du die Tür öffnest: Im Innenraum wurden knapp 5000 Euro in die „BMW Individual Volllederausstattung ‘Merino‘ Tartufo/Schwarz“ investiert. Wenn es den Ausdruck sportlich-elegant nicht schon gäbe, man müsste ihn für diese Kombination aus Interieur und Exterieur erfinden.

Das Wohlgefühl endet nicht bei der Optik, man sitzt auch ganz hervorragend. Vorne sowieso, aber auch auf den Rücksitzen kann von eingeschränkten Platzverhältnissen, „die man halt in Kauf nimmt, weil es ja auf den Sport ankommt“, nicht die Rede sein. Wer opulenter sitzen will, sollte sich einen X7 anschaffen (der fährt aber nicht so gut). Das kommt nicht von ungefähr, mit 4,71 Meter ist der 3er-BMW der Baureihe G20 neun Zentimeter länger als sein Vorgänger und fast so lang wie ein 5er-BMW der Reihe E34. Auch in Höhe und Breite ist er gewachsen.

Was den Kombi ausmacht
In den Kofferraum passen 500 bis 1510 Liter hinein, wobei der primäre Standardladeraum 32 Liter größer ist als beim Vorgänger (obwohl das offizielle Volumen nur fünf Liter zugelegt hat). Die Rücksitzlehnen lassen sich per Hebelzug vom Kofferraum aus einebnen. Abdeckrollo sowie Gepäckraumtrennnetz (jeweils in einer eigenen Kassette) verschwinden darunter.

Der Clou sind die in den Boden integrierten Gummileisten, die aus dem Boden emporschwellen, wenn man den Deckel schließt. So lässt sich etwa eine Kiste Tegernseer leicht hineinschieben, während der Fahrt verrutscht sie aber nicht. Eine einzigartige Erfindung, die aus dem aktuellen BMW X5 übernommen wurde und natürlich Aufpreis kostet.

Ein weiterer Clou ist die Heckscheibe, die sich als Extra-Klappe nach oben schwenken lässt. Und natürlich öffnet sich die Heckklappe auf Wunsch, wenn man mit dem Fuß darunterkickt (mit der Hand funktioniert das übrigens auch).

Und fahren kann er auch richtig gut
Man muss die Ladekapazität des 3er-Touring nicht ausnutzen, um sich in ihm in seinem Element zu fühlen. Er ist schlichtweg brillant zu fahren, entsprechend der Limousine. Standard- und Sportfahrwerk weisen hubabhängig arbeitende Stoßdämpfer auf, die sich dank einer Art Dämpfer im Dämpfer mechanisch selbst schärfen. Noch geschmeidiger lässt es sich mit dem adaptiven Fahrwerk des Testwagens gleiten oder räubern. Die im Fall des M Sportpakets variable Sportlenkung arbeitet sehr direkt und gefühlvoll, was man vor allem nach eine kurzen Eingewöhnungszeit sehr zu schätzen lernt.

Herausragend ist der Motor des Testwagens, der Dreiliter-Sechszylinder-Diesel. Das Triebwerk glänzt mit Laufruhe, verzögerungsfreiem Ansprechen, Antrittsstärke und herrlich harmonischer Kraftentfaltung. Mit 265 PS und einem maximalen Drehmoment von 580 Nm ab 1750/min. beschleunigt er den (nach DIN) 1745 kg schweren Kombi in gerade einmal 5,4 Sekunden von null auf 100 km/h, bei 250 km/h wird abgeregelt. Verbrauch im Testdurchschnitt: 8,2 l/100 km.

Sicher Benchmark ist die Achtgang-Wandlerautomatik von ZF, die nun auch im Comfortmodus segelt. Sie wurde von BMW so gut programmiert, dass ihre Geschmeidigkeit bei Ingenieuren der Konkurrenz bereits zu spontanen Neidbekundungen führte. Und das zu Recht.

Alles neu in Sachen Bedienung
Der neue 3er ist auch als Touring so konnektiv wie kein Konkurrent. Dazu gehört auch, dass man der „Hey BMW!“-Sprachsteuerung auch einen anderen Namen geben kann. Sie funktioniert gut, wenn auch nicht immer ganz reibungslos. Vor allem sollte nicht gerade ein Anruf eingehen, während Frau BMW über eine Antwort nachdenkt - dann stürzt das System ab, das 12,3-Zoll-Tachodisplay wird schwarz. Nach ein paar Sekunden ist alles automatisch neu gestartet, lediglich am abgeschalteten Tempomaten (genauer gesagt daran, dass der Wagen plötzlich langsamer wird) merkt man den Elektronik-Verkutzer.

Dem Tacho-Display haben wir uns beim Fahrbericht über die Limousine schon ausgiebig gewidmet: Es ist verspielt, schlecht abzulesen und eines BMWs unwürdig. Punkt.

Die Bedienung des Navitainments ist nicht mehr so kinderleicht wie beim iDrive des Vorgängers, bleibt aber Vorbild für viele Konkurrenten. Nicht ideal ist, dass aus dem Fahrerlebnisschalter nun mehrere einzelne Knöpfe geworden sind, das macht die Auswahl des passenden Fahrmodus etwas umständlicher.

Unterm Strich
Wer den BMW 3er Touring als den Urmeter der sportlichen Premium-Kombis bezeichnet, liegt sicher nicht falsch. Der Wagen ist ausgereift, in seinen Eigenschaften komplett und in Sachen Fahrdynamik beispielgebend, ohne den Komfort zu vernachlässigen. Das alles hat seinen Preis. Aber eines ist klar: Zeit heilt Wunden ebenso wie Preise. Auch das neueste Auto wird früher oder später als Gebrauchtwagen zu haben sein.

Warum?
Fahraktiv und doch komfortabel
In Sachen Platzangebot endlich wirklich vollwertig
Adaptivfunktion des Tempomaten abschaltbar

Warum nicht?
Hier den Preis zu nennen, wäre zu billig
Das digitale Tachodisplay passt nicht zu diesem Auto (auch nicht zu den anderen BMWs). Die versprochene Änderung ist noch nicht in Sicht.

Oder vielleicht …
… Audi A4 Avant, Mercedes C-Klasse, Volvo V60

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl
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