18.10.2021 14:07 |

Ärzte alarmiert:

TikTok möglicher Auslöser für Ticks bei Mädchen

Ticks durch TikTok? Ärzte in mehreren Ländern berichten über eine Zunahme psychischer Verhaltensstörungen bei jungen Mädchen. Zu den Auslösern sollen Angstzustände und Depressionen in Kombination mit der vor allem bei Teenagern beliebten Kurzvideo-App zählen.

Wie das „Wall Street Journal“ berichtet, verzeichneten Ärzte einen ersten Anstieg mit Beginn der Corona-Pandemie. In mehreren medizinischen Fachartikeln berichteten sie davon, dass die betroffenen Mädchen mit Ticks zuvor auf TikTok Videos von Menschen angesehen hatten, die angaben, am Tourette-Syndrom zu leiden - einer genetisch bedingten Störung des Nervensystems, die sich durch Ticks wie unwillkürliche Bewegungen oder Geräusche äußert.

Die deutsche Ärztin Prof. Dr. Kirsten Müller-Vahl von der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie in Hannover berichtete demnach gegenüber der „Jerusalem Post“, dass immer mehr Mädchen im Teenageralter und junge Erwachsene mit Ticks zu ihr kämen. Müller-Vahl, die seit 25 Jahren Menschen mit Tourette behandelt, stellte allerdings fest, dass die Mädchen im Gegensatz zu klassischen Tourette-Patienten keine einzigartigen, sondern alle dieselben Auffälligkeiten hatten. Wie die Ärztin herausfand, ahmten sie offenbar die Ticks einer deutschen YouTuberin mit Tourette nach, die im Internet von ihrem Leben mit der Nervenstörung berichtet.

Deutlicher Anstieg
Laut „Wall Street Journal“ soll es bislang zwar keine belegbaren Zahlen über das Ausmaß des Problems geben, einige medizinische Zentren berichteten dem Blatt nach jedoch davon, dass bei ihnen bis zu zehnmal mehr Verhaltensstörungen aufträten als sonst. Seien es vor der Pandemie nur ein oder zwei Fälle pro Monat gewesen, so seien es jetzt im selben Zeitraum zehn bis zwanzig, hieß es.

Caroline Olvera, Fachärztin für Bewegungsstörungen am Rush University Medical Center in Chicago, erzählte dem Blatt, dass viele ihrer Patienten das Wort „Beans“ (Bohnen) mit britischem Akzent aussprachen - darunter auch Patienten, die selbst kein Englisch sprachen. Sie habe schließlich erfahren, dass ein populärer britischer TikToker das Wort verwendete.

Die Ärzte stellten dem Bericht nach schließlich fest, dass es sich in den Fällen nicht um das Tourette-Syndrom, sondern um eine funktionelle Bewegungsstörung handelte. Bei vielen der Kinder und Jugendlichen, die Ticks entwickelt hatten, waren zuvor zudem Angstzustände oder Depressionen diagnostiziert worden, die sich während der Pandemie noch verschlimmert hatten.

Soziale Medien ermöglichen Ausbreitung
In einer kürzlich erschienenen Arbeit von Mariam Hull, Kinderneurologin am Texas Children‘s Hospital, wurde laut „Wall Street Journal“ festgestellt, dass psychische Störungen, die sich ausbreiten können, in der Vergangenheit meist auf geografische Orte beschränkt waren, dass aber sozialen Medien nun eine globale Ausbreitung ermöglichten. Gegenüber dem Blatt bezeichnete sie es als unwahrscheinlich, anhand eines einzigen Videos einen Tick zu entwickeln. Der Algorithmus von TikTok sorge jedoch dafür, dass Kinder wiederholt ähnliche Videos sähen.

Einige Kinder hätten ihre Handys herausgezogen und ihr ihre bevorzugten TikTok-Channels gezeigt, die „voll“ von Tourette-Videos wie „Tourette-Kochsendungen“ oder der „Alphabet Challenge“ (siehe Video oben) gewesen seien, schilderte Hull.

Die „Jerusalem Post“ berichtete, dass die „TikTok-Ticks“ behandelt werden können. Ärzte empfehlen Betroffenen, eine Pause von den sozialen Medien einzulegen. Eltern sollten zudem danach fragen, welche Art von Videos sich ihre Kinder ansehen. Zeige ein Kind Marotten, die das tägliche Leben beeinträchtigen, sollten Eltern außerdem einen Spezialisten konsultieren.

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