Umfrage zur Pflege

Kaum Hilfestellung: Man nimmt, was man bekommt

Gesund
29.10.2010 16:53
"Man nimmt, was man bekommt." - "Es gibt keine zentrale Stelle, wo man Hilfe für alle Belange erhält."- "Wenn ich bei der Pflege meiner Mutter nicht ausländische Hilfe in Anspruch genommen hätte, wäre ich verzweifelt gewesen. Ich finde, es ist eine Schande." Der Tenor unserer Umfrage zum Thema Pflege ist eindeutig: Betroffene Angehörige von zu Pflegenden sind oft auf sich allein gestellt und bekommen viel zu wenig Hilfestellung.

Anfang Oktober haben wir unsere Leser gebeten, einen Fragebogen auszufüllen, der eine Vielzahl an Aspekten der Pflege behandelte. Bei einigen Punkten war es möglich, persönliche Anmerkungen zu machen, was sehr stark genutzt wurde.

Unsere Leser meinen:

  • "Es gibt keine zentrale Stelle, wo man Hilfe für alle Belange erhält."
  • "Wenn ich bei der Pflege meiner Mutter nicht ausländische Hilfe in Anspruch genommen hätte, wäre ich verzweifelt gewesen. Ich finde, es ist eine Schande."
  • "Es gibt zu wenig spezialisierte Tagesbetreuung für Alzheimerkranke, zu wenig neue Wohnformen."
  • "Die Einstufung der Pflegestufe bei unheilbar kranken Kindern wird von ungeschultem Personal vorgenommen."
  • "Ich pflege meine Frau das dritte Jahr und bräuchte selber dringend eine Kur. Von meiner Ärztin wurde zwei Mal angesucht, es wurde aber jedes Mal abgelehnt."
  • "Voriges Jahr hat mein Mann Pflege gebraucht. Es dauert viel zu lange, bis alles in Gang kommt. In unserem Fall war es dann zu spät."
  • "Der ewige Kampf ist mühsam und teuer. Egal, ob man einen Leibstuhl, Rollstuhl oder kurzzeitig eine mobile Krankenschwester benötigt."
  • "Mein Sohn hat Mukoviszidose. Schlimm war nie seine Erkrankung, schlimm waren immer die Umstände mit den Behörden."

Bitten an  Sozialversicherung und Politik:

  • "Einmal im Monat eine Tagesbetreuung kostenlos."
  • "Hausärzte, die noch Hausbesuche machen und zuhören können."
  • "Kururlaube, nicht erst ab Pflegestufe 4, denn diese Stufe erhalten die wenigsten."
  • "Psychologische Hilfe kostenlos!!!"
  • "Anerkennung der Pflege als Pensionsmonate."
  • "Unterstützung in rechtlichen Fragen."
  • "Mehr Möglichkeiten zur kurzfristigen Unterbringung auf Zeit."
  • "Einfacherer Zugang zu stufenweiser Pflegeaushilfe."

Man kann eindeutig erkennen, dass sich die meisten Pflegenden nicht genügend unterstützt fühlen und im Akutfall oft alles zu langsam geht (daher unser Titel, denn ein Teilnehmer/eine Teilnehmerin schrieb, dass man keine Wahl hätte, wenn ein Pflegeplatz nötig ist und man nehmen müsse, was eben gerade da ist, egal, ob es den Bedürfnissen des Betroffenen entspricht oder nicht).

Wir bedanken uns für die wertvolle Mitarbeit und präsentieren hier die wichtigsten Ergebnisse, die von "euroSEARCH dialog" ausgearbeitet wurden: Jeder zweite Teilnehmer an der Befragung gab an, Pflegende/r zu sein, jeder dritte verfolgt das Thema interessiert, sieben Prozent haben sich darüber noch keine Gedanken gemacht. Nur 15 Prozent sind mit der Pflegesituation in Österreich zufrieden, doppelt so viele, nämlich  30 Prozent gar nicht. 56 Prozent sind teilweise zufrieden.

Überforderung bei Demenz und Depressionen
An erster Stelle jener Erkrankungen, die von Angehörigen besonders gefürchtet werden, stehen Alzheimer, Demenz und Depressionen, gleichrangig mit Immobilität und Lähmung. Hierbei herrscht laut Lesermeinungen auch die meiste Überforderung, sogar bei Ärzten und Pflegepersonal. Dazu Mag. Robert Oberndorfer, Caritas Socialis: "Die Studie bestätigt spezialisierte Pflege- und Betreuungsangebote: Alzheimerbetreuung, Hospizbegleitung und Unterstützung der Autonomie der Menschen – so lange das möglich ist in den eigenen vier Wänden. Pflegebedürftige dürfen nicht allein gelassen werden. Würde ist ein Menschenrecht. Es ist der Auftrag der Bürger an die Politik, dies umzusetzen und nicht kaputt zu sparen!"

Eindeutiger Bedarf besteht bei einem leider nur selten angesprochenen Thema: Nicht weniger als 71,4 Prozent wünschen sich als organisatorische Hilfestellung Hospizbegleitung!

Auf die Frage, was man als Pflegefall selber gerne hätte, würde jeder zweite (54 Prozent) am liebsten durch Pflegedienste zu Hause betreut werden, 26 Prozent begäben sich am liebsten in die Obhut der Familie. Einem Heim stimmen nur 18 Prozent zu. "Das Wohlbefinden älterer Menschen in einer Pflegeeinrichtung steht und fällt mit der Qualität der Betreuung. Deshalb sehen wir unsere Mitarbeiter als das wichtigste Potenzial. Nicht zuletzt durch umfassende Mitarbeiterförderung und -entwicklung wurden Innovationen wie das Fitness77+Programm für Hochbetagte oder die Ernährungsinitiative Genussvoll G'sund möglich", berichtet Prof. Rudolf Öhlinger, SeneCura.

87 Prozent meinen, dass man über das mögliche Eintreten eines Pflegefalles bereits frühzeitig sprechen solle, auch wenn es sich oft um ein Tabuthema innerhalb der Familie handelt. Finanzielle Vorsorge würden 45 Prozent gerne treffen, können es sich aber nicht leisten. Immerhin legt ein Drittel Geld für Pflege beiseite, aber 15 Prozent haben noch nicht einmal darüber nachgedacht. "Beinahe drei Viertel der Befragten sind der Meinung, dass das staatliche Pflegegeld  nicht, bzw. eher nicht reicht. Dies geht schlussendlich auch zu Lasten der Qualität in der Betreuung. Je früher man mit einer privaten Pflegeversicherung beginnt, desto geringer sind die Einzahlungsbeträge. In der Umfrage zeigt sich, dass rund 30 Prozent bis zu 50 Euro pro Monat aufwenden würden. Ein Betrag, der gerade bei jungen Menschen mehr als ausreichend wäre, um später für den Fall der Fälle abgesichert zu sein“, rät Generaldirektor Dr. Franz Kosyna, Donau Versicherung AG Vienna Insurance Group.

Aus Zuneigung und Dankbarkeit
In Sachen Menschlichkeit eröffnet sich ein hoffnungsvolles und berührendes Bild: 82 Prozent geben als Grund für ihre Pflegetätigkeit "Zuneigung" an und 59 Prozent "Dankbarkeit". Grund genug, die unzähligen Angehörigen zu unterstützen. Denn 75 Prozent sind durch die Pflegetätigkeit in ihrem eigenen Lebensrhythmus beeinträchtigt, 52,5 aufgrund ständiger Verfügbarkeit isoliert, 76 Prozent klagen über seelische, 64 Prozent über körperliche Belastungen. Kostenlose Angebote für Seminare, Selbsthilfe, Stressmanagement, Supervision, aber auch zeitliche Entlastung wären daher dringend gefordert! Otto Scheiflinger von den "Wie daham"-Pflegezentren: "Die Studie verdeutlicht, dass sich die Menschen professionelle und qualitative Unterstützung wünschen. Wir setzen uns daher für den Abbau der Hemmschwelle im ambulanten und stationären Bereich sowie für hochwertige Pflege ein. Pflege darf nicht zur Last werden!"

Dass sich 84 Prozent Frauen an der Umfrage beteiligt haben, ist nicht verwunderlich. Laut Statistik sind sie die pflegerische Stütze in unserem Land. Finanzielle Abgeltung gibt es keine, obwohl dies dem Gesundheitsbudget Unsummen ersparen würde

Karin Podolak, Kronen Zeitung

Loading...
00:00 / 00:00
play_arrow
close
expand_more
Loading...
replay_10
skip_previous
play_arrow
skip_next
forward_10
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
explore
Neue "Stories" entdecken
Beta
Loading
Kommentare

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.



Kostenlose Spiele