06.09.2019 06:10 |

Jubel und Kritik

Amazon: Erstes deutsches Warenlager wird 20 Jahre

Alles begann im Jahr 1999: Internet-Nutzer wählten sich damals noch gewöhnlich mit pfeifenden 56k-Modems ins World Wide Web ein, Smartphones gab es nicht, Viktor Klima war Kanzler und im Radio lief der Hit „Mambo No. 5“ von Lou Bega. Und Amazon eröffnete am 6. September sein erstes eigenes Warenlager.Der erste Artikel, der rausging, war kurioserweise ein Dänisch-Lehrbuch, wie ein Sprecher des Handelsriesens anlässlich des 20-jährigen Bestehens in Deutschland verrät.

Als Standort suchte sich der US-Konzern - damals noch weit entfernt von heutiger Marktmacht - Bad Hersfeld aus. Der Vorteil: Die osthessische Stadt liegt zentral in Deutschland; vor allem nahe Autobahnen, die in alle Himmelsrichtungen führen. Der Standort gefiel Amazon so gut, dass zehn Jahre später ein zweites, weit größeres und direkt an der Autobahn 4 gelegenes Logistikzentrum hinzukam. Es wurde am 5. August 2009 eröffnet. Mittlerweile besitzt Amazon 13 Logistikzentren mit 13.000 Festangestellten in Deutschland. In Bad Hersfeld werden in beiden Lagern 3500 Menschen beschäftigt - Amazons größter Standort deutschlandweit.

„Wichtiger Arbeitgeber“
Der Einzelhandel mag wegen der enorm gewachsenen Konkurrenz nicht so gut auf den Rivalen aus dem Netz zu sprechen sein. Aber die Stadt Bad Hersfeld ist froh über den Branchen-Primus aus den USA. „Amazon und Bad Hersfeld sind ein Glücksfall füreinander“, sagt Bürgermeister Thomas Fehling. Das Unternehmen sei ein wichtiger Arbeitgeber, der nicht nur „maßgeblich“ zu den guten Beschäftigungszahlen beigetragen habe, sondern auch ein wichtiger Mitwirkender am Stadtleben.

Unterstützung durch Roboter
Mittlerweile arbeiten allerdings nicht nur Menschen in den neueren Warenlagern des weltgrößten Online-Händlers. In den Standorten Frankenthal, Mönchengladbach und Winsen bringen Transportroboter die Regale mit den Produkten zu den Mitarbeitern. „Das geht, weil wir dort vor allem kleinere bis mittelgroße Artikel bearbeiten. Die Roboter helfen uns, die Arbeit zu erleichtern, schneller zu werden und die Lagerfläche optimal zu nutzen“, erklärt der Regionaldirektor für Deutschland, Armin Cossmann.

Aber auch ältere Lager, wie das erste von Amazon in Bad Hersfeld, werden aufgerüstet. Im vergangenen Jahr wurden sieben Millionen Euro investiert. Gebracht hat es unter anderem umgebaute Regalsysteme, neue Fördertechnik und Hubwagen. Mit der Sortimentserweiterung lagern dort verstärkt Bier, Wein und Spirituosen. Amazon hat in Bad Hersfeld sein bundesweit größtes Sortiment an alkoholischen Getränken.

Gewerkschaft nicht in Feierlaune
In Sektlaune zum Jubiläum mögen zwar Amazon-Mitarbeiter sein. Von der Gewerkschaft Verdi gibt es aber keine Glückwünsche: „Amazon feiert seinen 20-jährigen Geburtstag. Das heißt 20 Jahre gewerkschaftsfeindliche Arbeitnehmerpolitik. Das Unternehmen hat ohne Zweifel Stellen geschaffen. Aber es will bis heute einseitig diktieren, wie die konkreten Arbeitsbedingungen aussehen“, sagt die für den Fachbereich Handel zuständige Gewerkschaftssekretärin Mechthild Middeke.

Sie kritisiert: „Der Alltag für die Beschäftigten bei Amazon ist geprägt von zu geringer Bezahlung, Arbeitshetze, einem rigiden Kontrollsystem und zunehmender Monotonie. Ein Kind wäre jetzt erwachsen und es ist an der Zeit den Beschäftigten mehr Mitbestimmung zuzutrauen. Ein angemessenes Geburtstagsgeschenk wäre die Aufnahme von Tarifverhandlungen für bessere Arbeitsbedingungen.“ Doch gegen Tarifverhandlungen wehrt sich Amazon seit Jahren. Deswegen schwelt ein festgefahrener Streit zwischen dem Versandriesen und der Gewerkschaft. Mitte Mai 2013 rief Verdi erstmals zu Streiks auf, unter anderem auch am Standort Bad Hersfeld.

Amazon sieht sich hingegen als mustergültiger Arbeitgeber. Das Unternehmen biete eine Bezahlung am oberen Ende des Branchenüblichen in der Logistik, zudem gebe es Karriere-Chancen und viele Extras. Dem Geschäft des Online-Händlers scheinen die wiederkehrenden Streiks ohnehin nicht zu schaden. Der weltgrößte Online-Händler von Tech-Milliardär Jeff Bezos erwirtschaftete im zweiten Quartal 2019 einen Gewinn von 2,3 Milliarden Euro.

„Abhängigkeitsfalle“
Doch die Marktmacht von Amazon verheißt für manch einen nichts Gutes. „Die Kehrseite ist, dass Lieferanten und Marktplatz-Partner von Amazon in eine Abhängigkeitsfalle zu geraten drohen“, befürchtet
Handelsexperte Gerrit Heinemann, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Niederrhein. Und wenn Produkte gut laufen, werden sie kopiert und selbst angeboten. Die Kunden machen Amazon mit jedem Kauf noch ein Stück mächtiger - und schwächen die Konkurrenz. Dabei heißt es doch: Konkurrenz belebt das Geschäft.

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