18.08.2019 14:30 |

Immer mehr Fälle

Tatort Schule: Wenn Kinder Kinderpornos versenden

In Online-Chats, in denen sich Minderjährige tummeln, mischen häufig Pädophile mit. Sie geben sich als Jugendliche aus, überhäufen Mädchen und Burschen mit Komplimenten - und verlangen intime Fotos und Videos von ihnen. Laut der deutschen Polizei gibt es bei diesem „Cybergrooming“ genannten Phänomen eine bedenkliche neue Entwicklung: Immer öfter sind die Täter nämlich tatsächlich Jugendliche. Das auf diesem Weg gesammelte Material verbreitet sich dann über Klassen-Chats in der Schule - mit unvorhersehbaren Folgen. Selbst Volksschüler seien schon betroffen.

Das IT-Portal „Heise“ zitiert in diesem Zusammenhang den Kriminologen Thomas-Gabriel Rüdiger: „Der Hauptgrund ist offenbar, dass Minderjährige immer früher ein Smartphone besitzen, ohne die entsprechende Medienbildung zu erhalten.“ Die Zahl der Fälle, bei denen Minderjährige Opfer und Täter von Cybergrooming werden, sei in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Selbst Volksschüler würden heute mit dem Smartphone Nacktbilder von sich anfertigen.

Dem Kriminologen der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg zufolge seien die Täter dabei in zwei Kategorien einzuteilen. Jene, die sich des Unrechts ihrer Taten bewusst sind, und jene, die sich teilweise unwissentlich strafbar machen - etwa, wenn ein 14-jähriger Bursch ein Nacktbild oder ein sexualisiertes Bild seiner 13-Jährigen Freundin bekomme, was als Kinderpornografie zu betrachten sei.

Aufnahmen verbreiten sich in der Schule
Tatort der Weiterverbreitung ist häufig die Schule. Es komme vor, dass die Polizei nach dem Auftauchen von Kinderpornos in von Schülern frequentierten Klassen-Chats die Smartphones Dutzender Schüler konfisziere, wird berichtet. Lehrergewerkschafterin Ilka Hoffmann: „Häufig bekommt man die sexuellen Belästigungen unter Schülern erst mit, wenn es zu spät ist und die Opfer bereits Schäden davongetragen haben.“ Die Pädagogin glaubt, dass das Phänomen durch unzureichende Aufklärung über die Risiken von Smartphones zustande komme.

Das sei einerseits Aufgabe der Eltern, andererseits aber auch Sache des Bildungssystems. „Die Aufklärung muss intensiver werden und sollte schon im Kindergarten anfangen“, meint Hoffmann. Generell scheint es Jugendlichen häufig am Bewusstsein dafür zu fehlen, welche Risiken sie mit dem Versand von Nacktbildern und Ähnlichem eingehen. Selbst wenn das Material beim sogenannten Sexting einvernehmlich ausgetauscht wird, ist nicht auszuschließen, dass das Gegenüber die Bilder etwa im Falle einer Trennung an Dritte weitergibt oder veröffentlicht.

Jeder achte Jugendliche verschickt Nacktbilder
Wie groß das Phänomen ist, zeigen Zahlen des Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der deutschen Bundesregierung. Ihm zufolge hat jeder achte Jugendliche schon einmal sexualisierte Bilder verschickt, vier von zehn Jugendlichen haben sie bereits erhalten. Hierzulande verhält es sich ähnlich: Laut einer Studie des Instituts für Jugendkulturforschung aus dem Jahr 2015 hat jeder dritte österreichische Jugendliche zwischen 14 und 18 schon einmal solche Bilder und Videos erhalten, jeder sechste hat sie schon einmal selbst verschickt.

Die Erkenntnisse der Studie aus Österreich im Video:

Zahl der Websites mit Kinderporno-Inhalten explodiert
Die Flut solcher Bilder und Videos scheint auch mit einer Zunahme von Internetseiten mit Kinderporno-Darstellungen einherzugehen. Laut der Meldestelle Internet Watch Foundation stieg die Zahl der Seiten von 1351 im Jahr 2010 auf 105.047 im Jahr 2018.

Dass die Urheber des Materials oftmals selbst Jugendliche sind, zeigt sich in der polizeilichen Kriminalstatistik 2018. Die weist für Deutschland 8022 Kinderporno-Verdächtige aus, ein Viertel von ihnen sind selbst Kinder bzw. Jugendliche. Zwei Jahre davor waren es 5801 Verdächtige, unter ihnen 1154 Minderjährige. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein, glaubt man in Ermittlerkreisen.

Präventions- und Therapieangebote für Jugendliche
In Deutschland stellt man sich auf das Phänomen ein - etwa mit dem Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ und Therapieangeboten für pädophile Jugendliche. Um die Kinderporno-Flut auf den Smartphones Jugendlicher einzudämmen, brauche es aber vor allem die Vermittlung von Medienkompetenz in der Schule, sagt Missbrausbeauftragter Johannes-Wilhelm Rörig. „Das Entscheidende ist dabei eine grundsätzlich positive Haltung gegenüber der Nutzung digitaler Angebote, also nicht der erhobene Zeigefinger.“ Sonst würden sich Betroffene im Notfall nicht an Eltern oder Lehrer wenden, weil sie zusätzlichen Ärger erwarten.

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