Di, 25. Juni 2019
20.05.2019 12:35

Mini-Roboter

Bei Daimler stellt sich das Warndreieck selbst auf

An einem zum Forschungsauto umgebauten GLE zeigt Mercedes, welche Anforderungen das künftig selbstfahrende Auto an die Sicherheitsingenieure stellt. Ein Experimental-Sicherheits-Auto hat bei den Stuttgartern eine jahrzehntelange Tradition. Und doch ist etwas überraschend am ESF 2019.

Die Schienen sind im Boden eingelassen, 200 Meter lang. Umbaut ist alles mit fensterlosem Beton, ein Riesenklotz am Rande des Werksgeländes von Mercedes in Sindelfingen. Auf den Gleisen fährt kein Zug. Hier im Sicherheitszentrum werden nagelneue Autos von einem Schlitten auf den Schienen ins Verderben katapultiert. Kein Autohersteller hat eine längere Crash-Bahn, an deren Ende neue und künftige Modelle gezielt zerstört werden. Immer wieder die Stunde der Wahrheit für die Konstrukteure, der Moment der Frage nach Leben oder Tod.

Ein SUV wie aus dem Blockbuster
Dem unschwer als Mercedes GLE zu erkennenden SUV, das jetzt in dem ansonsten streng abgeschirmten Gebäude präsentiert wurde, bleibt ein Ende als Schrotthaufen vorerst erspart, weil seine Serienbrüder ihre Standfestigkeit längst unter Beweis gestellt haben. Er kommt optisch anders daher als der bekannte GLE, erinnert ein wenig an das früher M-Klasse genannte Modell, das im „Jurassic-Park“ den Sauriern begegnete. Doch die an den Ecken einer Dachplatte montierten Zylinder, die an Alexa-Geräte erinnern, sind keine Zusatzscheinwerfer. Sie können durch farbige LED-Bänder mit der Außenwelt kommunizieren.

Denn mit diesem Forschungsfahrzeug will Mercedes zeigen, welches Umdenken beim Thema Sicherheit für das in Zukunft automatisch und autonom fahrende Auto nötig ist. Da geht es weniger um die Konstruktion der Karosserie, die längst alle Standards erfüllt. Neu erfunden werden müssen vertraute Details wie Airbags, Kindersitze oder eben die zahlreichen Möglichkeiten sich ohne Mithilfe menschlicher Gesten oder Blicke der Umwelt verständlich zu machen. ESF 2019 heißt der Mercedes, der im September auch den Stuttgarter Stand auf der IAA bereichern wird. Das Kürzel steht bei Mercedes seit Jahrzehnten für „Experimental-Sicherheits-Fahrzeug“, das etwa alle zehn Jahre in einem Auto zusammenfasst, was die werkseigenen Tüftler so ersonnen haben.

Forschen für die Sicherheit
Die meisten der seit den 50er-Jahren gebauten ESF hatten eine kurze Lebensdauer, endeten nach gewollten Überschlägen, Kollisionen mit anderen Autos oder harten Aufschlägen an Betonklötzen. Nur wenige haben „überlebt“ und eskortieren heute ihren modernen Urenkel. Bei den Oldies stand einst am Anfang nur das Blech, das über ein Stahlgerippe gezogen wurde. Was bei einem Unfall mit den Insassen passieren könnte, interessierte die Auto-Pioniere nur am Rande. Und Unfälle gab es viele, zu viele. Deshalb mussten die ESF-Modelle dafür herhalten, neue Ideen auszuprobieren. Ob Knautschzonen, Stoßstangen mit Teleskop-Effekt, integrierte und selbst ausfahrende Überrollbügel zum Beispiel beim Roadster SL, natürlich die Airbags bis hin zu ABS und ESP. Alles landete zunächst in den ESF-Gedankenspielen. Kein Wunder also, dass der Name Mercedes für viele Neuheiten steht, die heute in fast allen Autos serienmäßig an Bord sind.

Völlig neuer Fahrer-Airbag
Und jetzt also der Blick in eine Zeit, in der der Mensch schrittweise die Verantwortung an die Elektronik abgeben wird. Ein Beispiel ist das Lenkrad, das im ESF viereckig ist. Ist der Autopilot aktiv, wird es in Richtung Armaturenbrett bewegt, um mehr Platz für die Ruhephase des Fahrers zu schaffen. Das Lenkrad ist so klein, dass es keinen Airbag mehr aufnehmen kann. Ein neuer Luftsack, der ähnlich funktioniert wie der des Beifahrers und oberhalb der Instrumententafel versteckt ist, schiebt sich bei einem Aufprall über das Lenkrad hinweg und polstert den Freiraum zwischen ihm und dem Menschen. Moment mal: Hieß es nicht immer, dass der automatisierte Verkehr der Zukunft unfallfrei ablaufen wird? Thomas Hellmut, der Sicherheitschef klärt auf. „Das ist natürlich unser Ziel, aber es wird eine lange Übergangszeit geben, in der automatisierte und konventionelle Autos gemeinsam unterwegs sein werden“. Also muss auch ein Roboter-Auto auf alles vorbereitet sein.

Vernetzter Kindersitz
Das ESF 2019 hat auch eine Weiterentwicklung des Kindersitzes an Bord. Er soll künftig mit der Elektronik des Fahrzeugs vernetzt sein, die die richtige Befestigung erkennt und einfordert. Schlamperei und Nachlässigkeit bei der Montage des Sitzes und der richtigen Position des Kindes sind nämlich der Grund, warum es heute im Falle eines Unfalls immer wieder Verletzungen der kleinen Mitfahrer gibt. Der zuständige Ingenieur Hakan Ipek: „Künftig werden wir die Vorteile unseres “Pre-Safe„-Systems auch beim Kindersitz nutzen, dessen Gurte bei Erkennung einer Gefahr ebenfalls vorgespannt werden“. Neu ist auch eine kleine Kamera am Sitz, durch die die Eltern den Nachwuchs im Blick haben können. Im Stand per Monitor, während der Fahrt auf dem Smartphone. Durch Gesichtserkennung kann auch das Wohlbefinden des kleinen Mitfahrers überprüft werden.

Heckscheiben-Bildschirm macht Auto „durchsichtig“
Weitere Neuheiten im Forschungsauto: Da erstmals bei einem solchen „Denkmodell“ keine Limousine, sondern ein SUV genutzt wird, kann dessen große Heckscheibe für Informationen an den Hintermann genutzt werden. In die Scheibe werden Hinweise projiziert, zum Beispiel Warnungen vor einem Stauende, vor Glätte oder auch vor einem leichtsinnigen Fußgänger, der gerade die Straße überquert. Dazu kann auch ein Kamerabild in Echtzeit auf die Scheibe gespiegelt werden, das das Geschehen vor dem Auto nach hinten meldet. Der dicke SUV wird für die Fahrzeuge hinter ihm gleichsam durchsichtig. Lichtbänder an den Seiten und eine Projektionsfläche im Kühlergrill sollen ebenfalls per Farbe die Umwelt informieren. So bedeutet violettes Licht immer: „Ich bin autonom unterwegs.“

Auch um das Warndreieck bei einer Panne muss sich der GLE-Fahrer der Zukunft keine Gedanken mehr machen. Es ist auf einem kleinen Gerät montiert, das an heutige Roboter-Staubsauger erinnert. Das Warndreieck bekommt Räder und bewegt sich aus seiner „Garage“ im Heck auf die Straße. Ist die Panne behoben kehrt es wieder ins Auto zurück.

Kuschelig angeschnallt in die Zukunft
Wichtig für die Gurtmuffel unter den Hinterbänkler: Der ESF hat die nächste Gurt-Generation an Bord, der die Lust am Anschnallen fördern soll: Das Schloss ist beleuchtet, das Stoffband wird automatisch in Griffnähe des Beifahrers befördert, hat einen USB-Stecker und ist vor allem beheizbar. Frei nach dem Motto: Kuschelig angeschnallt in die Zukunft.

(SPX)

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