So, 24. Juni 2018

Ehrgeiz ist geil

13.03.2018 17:53

Hyundai i30 N: Beachtlicher Krawallkompakter

Damit hat noch vor wenigen Jahren niemand rechnen können: ein Krawallkompakter aus Korea! Und ein ernstzunehmender noch dazu: Der Hyundai i30 N ist ein gelungener Sohn von Vätern, die vormals anderswo für büschelweise Lorbeeren gesorgt haben. Albert Biermann etwa, einst Entwicklungs-Chef bei BMW M, heute N-Chef bei Hyundai. Man merkt dem Koreaner die kundige Hand und den Ehrgeiz der Entwickler an und muss schon genau hinschauen, um die Stellen zu finden, an denen gespart wurde.

Die Farbe ist auf jeden Fall einzigartig. Wie wenn man in der Schule weiße Tafelkreide nimmt und Tinte draufträufelt. Oder wie Eiszuckerl. Wirkt harmloser, als er ist, der Hyundai i30 N. Hellblau ist hier offenbar das neue Racing-Rot, auch die beiden Modustasten am Lenkrad sind so eingefärbt. Natürlich drücke ich gleich auf den mit der Zielflagge und aktiviere den N-Modus. Soundgenerator und Klappenauspuff geben alles, schon im Stand beim Spielen mit dem Gaspedal ist der Koreaner voll bei der Musik, im wahrsten Sinn des Wortes.

Das Schöne: Der Klang ist nicht nur Schall und Rauch, da steckt richtig Kraft dahinter, und zwar von unten heraus. Ohne Turboloch schiebt der aufgeladene Zweiliter-Vierzylinder kräftig an, schon bei 1450 Touren liegen 353 Nm an, mit Overboost klettert der Wert bei 1750/min. auf beachtliche 378 Nm (für maximal 18 Sekunden am Stück). Im drehmomentarmen Bereich ist man praktisch nie unterwegs.

Ein harter Hund, der Hyundai
Au! Kennen Sie das Gefühl, wenn man zu Fuß eine Stufe nach unten übersehen hat, überraschend mit der Ferse unten aufkommt und sich der stumpfe Schmerz die Wirbelsäule hinaufzieht? So empfinde ich das erste Schlagloch. Und das zweite. Und das nächste. Bis ich das Fahrwerk auf Standard zurückstelle. Das ist hart genug und wahrscheinlich härter als bei den meisten Konkurrenten.

Aber klar, wer neu auf dem Schulhof ist, wird alles daran setzen, nicht als Weichei abgestempelt zu werden, und lieber eine Kante zu viel zeigen. Die Testfahrer, die den i30 N zwecks Feinschliff knapp 500 Runden über die Nordschleife gejagt haben, hatten hoffentlich einen geschmeidigen Rücken.

Jedenfalls haben sie ganze Arbeit geleistet, auch beim Abstimmen der Lenkung, auch wenn im ärgsten der drei wählbaren Modi nur die Lenkkräfte zunehmen, aber nicht die Rückmeldungsfreude. Ansonsten ist sie aber ziemlich gelungen, wenn auch nicht so prägnant wie in einem Honda Civic Type R. Der wiederum dürfte einer der Gründe sein, dass Hyundai keine Nordschleifen-Rundenzeit bekannt geben wird.

Heulen statt klappern, aber schnarren beim Fahren
Der Sound eskaliert in drei Stufen, das brüllt, brabbelt und spotzt, dass es eine Freude ist. Bei 2700 Touren reißt es die Auspuffklappen auf, bei 6750 rennt der Vierzylinder in den Begrenzer, begleitet von einer gelb-roten Lichterkette (die bei kaltem Motor schon früher zu Mäßigung mahnt). Spaßig ist das automatische Zwischengas beim Herunterschalten. Wer lieber Polka auf den Pedalen tanzt, kann das abschalten. Die haben echt an alles gedacht, die Streber. GPS-basierende Rundenzeiten? Check. Launch Control? Check. Automatik? Nix! Reine Handarbeit, auch bei der Handbremse. Bravo! Die Schaltgassen sind allerdings nicht die allersaubersten.

Zwei Instrumente im Orchester spielen jedoch daneben. Zum einen heult der Turbolader in jeder Lebenslage vernehmlich, zum anderen dringt im N-Modus ein schnarrendes Geräusch aus dem Armaturenbrett. Das ist angeblich kein Fehler eines einzelnen Testwagens, sondern grundsätzlich so. Ansonsten hört man keine Misstöne. Kein Klappern, alles gut verarbeitet.

Wo die Liebe hinfährt
Im Innenraum merkt man: Es wurde mehr Liebe in Fahrwerk und Antrieb als in einen hochwertigen Innenraum gesteckt. Das Plastik fasst sich nicht gut an, die Anmutung ist einfach billig und bis auf die beiden blauen Tasten am Lenkrad sowie die unauffälligen Sportsitze nicht sportlicher als in einem ganz normalen Hyundai i30. Ein bisschen Emotion wäre angebracht. Nüchtern betrachtet ist aber alles gut bedienbar, das Display ideal im Sichtbereich, die Klimaregulierung nicht im Touchscreen versteckt und der Schaltknauf liegt richtig gut in der Hand.

Sperre macht schnell
Viel wichtiger ist natürlich, dass sich das Auto in Bewegung gut anfühlt - und das tut es. Zumindest, wenn man darüber hinwegsieht, dass der i30 N mit einem Leergewicht von 1,5 Tonnen ein ziemliches Trumm ist. Immerhin geht er trotzdem behände ums Eck und dank der elektrohydraulischen Vorderachssperre auch schnell wieder raus. Geradeaus geht es in 6,1 Sekunden von 0 auf 100 km/h und dann weiter bis zu den obligatorischen 250 km/h. Im Test verlangte der i30 N im Durchschnitt nach 10,9 Liter Sprit auf 100 Kilometer, die Normangabe liegt bei 7,1 l/100 km.

Unterm Strich
Hut ab, der Hyundai i30 N ist ein richtig gelungener Kompaktsportler und besser, als die meisten den Koreanern zugetraut hätten. Wenn sie ihm jetzt auch noch ein paar Emotionen einhauchen … aber dann wird es sich mit dem Preis von 38.990 Euro wohl nicht mehr ausgehen, schließlich ist da alles mit drin, was man braucht, von LED-Scheinwerfern bis zum Navi. Übrigens ist hier die Rede vom Hyundai i30 N Performance. Die Version ohne "Performance" kostet 4000 Euro weniger, hat dafür aber auch 25 PS weniger (bei gleichem Drehmoment), außerdem unter anderem 18- statt 19-Zoll-Alus, kleiner dimensionierte Bremsen, keinen Klappenauspuff und keine Differenzialsperre.

Beide Versionen bringen aber ein sympathisches Augenzwinkern mit: Das Fahrmodus-Menü heißt "N Grin Control", zu Deutsch so viel wie Einstellbereich für das Grinsen des Fahrers. So gesehen gibt es dann doch auch Emotionen…

Warum?
Wegen umfangreicher Ausstattung sehr günstiges Angebot
Gute Performance

Warum nicht?
Relativ billiger Eindruck im Innenraum

Oder vielleicht …
… VW Golf GTI, Focus ST, Honda Civic Type R, Seat Leon Cupra, Renault Mégane RS, Peugeot 308 GTi

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl

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