Sa, 22. September 2018

Milliarden Betroffene

04.01.2018 12:15

Fehler in Prozessoren: Gefahr größer als gedacht

Durch eine Sicherheitslücke in den Prozessoren (CPUs) von Milliarden Geräten können auf breiter Front vertrauliche Daten abgeschöpft werden. Forscher demonstrierten, dass es möglich ist, zum Beispiel auf Passwörter, Krypto-Schlüssel oder Informationen aus Programmen zuzugreifen. Entdeckt wurde das Problem bei Intel-CPUs, AMD- und ARM-Chips dürften in geringerem Umfang betroffen sein. Software-Hersteller sind dabei, die seit zwei Jahrzehnten bestehende Lücke mit Updates zu stopfen.

Komplett kann das Problem nur durch einen Austausch der Prozessoren behoben werden, was angesichts der Verbreitung der gefährdeten Chips aber unrealistisch ist. Weltweit dürften Milliarden Computer von der Schwachstelle betroffen sein.

Sicherheitslücke existiert schon seit Jahren
Die Sicherheitslücke liegt in einem Verfahren, bei dem Chips möglicherweise später benötigte Informationen im Voraus abrufen, um Verzögerungen zu vermeiden. Diese als "speculative execution" bekannte Technik wird seit Jahren branchenweit eingesetzt. Damit dürfte eine große Masse von Computern mit Chips verschiedenster Anbieter zumindest theoretisch bedroht sein. Das Schlimme an der Schwachstelle ist, dass alle Sicherheitsvorkehrungen um den Prozessor herum durch das Design des Chips selbst durchkreuzt werden könnten.

Sie wüssten nicht, ob die Sicherheitslücke bereits ausgenutzt worden sei, erklärten die Forscher. Das sei wahrscheinlich auch nicht feststellbar, denn die Attacken hinterließen keine Spuren in traditionellen Log-Dateien.

Intel und ARM angreifbar, AMD dementiert
Der Branchenriese Intel erklärte, es werde gemeinsam mit anderen Firmen an Lösungen gearbeitet. Das Unternehmen bezweifelte aber zugleich, dass die Schwachstelle bereits für Attacken benutzt wurde. Konkurrent AMD, der von den Entdeckern der Sicherheitslücke ebenfalls genannt wurde, bestritt, dass seine Prozessoren betroffen seien. Der Chipdesigner ARM, dessen Prozessor-Architektur in Smartphones dominiert, bestätigte, dass einige Produkte anfällig dafür seien.

Cybersicherheitsexperten raten zum CPU-Tausch
Die IT-Sicherheitsstelle der US-Regierung, CERT, zeigte sich kategorisch, was eine Lösung des Problems angeht: "Die Prozessor-Hardware ersetzen." Die Sicherheitslücke gehe auf Design-Entscheidungen bei der Chip-Architektur zurück. "Um die Schwachstelle komplett zu entfernen, muss die anfällige Prozessor-Hardware ausgetauscht werden."

Lücke wurde nicht sofort nach Entdeckung publik
Die komplexe Sicherheitslücke war von den Forschern bereits vor rund einem halben Jahr entdeckt worden. Die Tech-Industrie arbeitete seitdem im Geheimen daran, die Schwachstelle mit Software-Updates soweit möglich zu schließen, bevor sie publik wurde.

Die Veröffentlichung war für den 9. Jänner geplant. Die Unternehmen zogen sie auf Mittwoch vor, nachdem Berichte über eine Sicherheitslücke in Intel-Chips die Runde machten. Der Aktienkurs von Intel sackte ab, der Konzern sah sich gezwungen, "irreführenden Berichten" zu widersprechen und betonte, es handle sich um ein allgemeines Problem.

Einer der schwersten CPU-Fehler der Geschichte
Entdeckt haben die Sicherheitslücken Experten des Google Project Zero in Zusammenarbeit mit Forschern von Universitäten und aus der Industrie. Daniel Gruss von der Technischen Universität in Graz, der daran beteiligt war, sagte, dass es sich vermutlich um einen der schwersten Prozessoren-Fehler handle, der je gefunden worden sei.

Jeder Intel-Chip seit 1995 „Meltdown“-anfällig
Die Forscher beschrieben zwei Attacken auf Basis der Schwachstelle. Bei der einen, der sie den Namen "Meltdown" gaben, werden die grundlegenden Trennmechanismen zwischen Programmen und dem Betriebssystem ausgehebelt. Dadurch könnte böswillige Software auf den Speicher und damit auch auf Daten anderer Programme und des Betriebssystems zugreifen. Für diese Attacke ist den Entdeckern der Schwachstelle zufolge nahezu jeder Intel-Chip seit 1995 anfällig - sie kann aber mit Software-Updates gestopft werden.

„Spectre“ betrifft auch ARM und AMD
Die zweite Attacke, "Spectre", lässt zu, dass Programme einander ausspionieren können. "Spectre" sei schwerer umzusetzen als "Meltdown" - aber es sei auch schwieriger, sich davor zu schützen. Es könne lediglich bekannte Schadsoftware durch Updates gestoppt werden. Ganz sei die Lücke aber nicht zu stopfen. Von "Spectre" seien "fast alle Systeme betroffen: Desktops, Laptops, Cloud-Server sowie Smartphones", erklärten die Forscher. Die Möglichkeit der Attacke wurde auf Chips von Intel und AMD sowie Arm-Designs nachgewiesen.

Software-Update dürfte Leistungseinbußen bringen
Die Software-Maßnahmen gegen die Sicherheitslücken dürften zwar die Leistung der Prozessoren beeinträchtigen, räumte Intel ein. In den meisten Fällen werde der Leistungsabfall aber bei maximal zwei Prozent liegen. In ersten Berichten war noch von bis zu 30 Prozent die Rede.

Besonders brenzlig werden könnte das Problem zumindest theoretisch in Server-Chips, auf denen sich die Wege vieler Daten kreuzen. In den vergangenen Jahren hatten die Tech-Unternehmen ihre Geräte und Dienste unter anderem mit Verschlüsselung geschützt - gingen dabei jedoch davon aus, dass von den Prozessoren selbst keine Gefahr droht.

 krone.at
krone.at

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Aktuelle Schlagzeilen

Newsletter

Melden Sie sich hier mit Ihrer E-Mail-Adresse an, um täglich den "Krone"-Newsletter zu erhalten.