Wir fliegen dahin, als gäbe es kein Morgen, der 3,8-Liter-V8-Motor brüllt sein Lied, die beiden Turbolader röcheln und saugen in einer Sinfonie der Verbrennung, während ich den Orkan, der mir übers Haupthaar streicht, mit dem Gasfuß reguliere. Ich bade in Geschwindigkeit, ziehe durch die Kurven wie von Gedankenkraft geleitet, über die Lenkung verschmelze ich mit der Straße, vermittle zwischen den Elementen Äther und Asphalt. Schon bei 3.000/min. volle 600 Nm, bei 7.500/min. dann die 625 PS und er schiebt obenrum noch mal richtig an.
Auch beim Bremsen mit voller Gewalt bleibt alles extrem stabil, der Heckflügel stellt sich als "Air Brake" auf, um den Luftwiderstand zu erhöhen. Mit einem der wunderbaren Schaltpaddles schalte ich im Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe zurück, gehe ans Gas und knalle die Gänge mit dem anderen wieder rein. Vor einem Tunnel werde ich langsamer, schalte wieder runter, um in der Höhle des Straßenbaus die Hölle des Motorenbaus losbrechen zu lassen – eine gewaltige Woge an Motorsound spült mich ans Licht und weiter über das graue Band, das zur Lebensader wird.
Kein Dach, keine Kompromisse
Das hätte ich nur wenig vorher nicht für möglich gehalten, als sich die beiden Kunststoffdachteile in das Fach hinter mir hineingefaltet haben (das bei Geschlossenfahrt 52 Liter Extra-Kofferraum bereit hält). Der Spider macht keine Abstriche an der ernsthaften Sportlichkeit des McLaren 12C, denn dank Kohlefaser-Chassis ist er exakt genauso steif wie das Coupé. "Kein Dach, keine Kompromisse" ist das Credo, dem die Herrschaften in Woking gefolgt sind. Lediglich 40 kg Mehrgewicht trägt er mit sich herum (2 kg gehen auf das Konto der etwas schweren Abgasanlage, die für einen besseren Sound sorgt). Dafür ist der Fahrspaß gefühlt doppelt so groß. Zum Vergleich: Der Ferrari 458 ist als Spider 75 kg schwerer als das Coupé und verliert 30 Prozent Steifigkeit. Insgesamt ist der Brite rund 60 kg leichter als der 458.
1.474 kg sind nicht viel für einen Supersportler mit 625 PS. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum der McLaren so traumhaft zu fahren ist. Dazu gehört zum Beispiel auch das "ProActive Chassis Control"-Fahrwerk mit seinen hydraulisch verbundenen adaptiven Dämpfern, das ohne Stabilisatoren auskommt. Auch wenn es auf die härteste der drei verfügbaren Stufen gestellt ist, hoppelt der 12C nicht über Bodenunebenheiten, sondern rollt geschmeidig drüber, ohne an Stabilität zu verlieren. Das schafft Vertrauen und macht ihn wirklich leicht zu fahren.
Die Sitzposition ist absolut perfekt - so ideal habe ich mich noch nie in ein Auto eingepasst gefühlt. Das ist ein Maßanzug! Überhaupt verhält sich der 12C Spider überaus zuvorkommend, indem er sich in vielerlei Hinsicht adaptieren lässt: Mit zwei Drehschaltern hat man in der Hand, ob die Automatik sanft wie in einer Limousine schaltet oder böse die Gänge reinknallt, wie viel echter Motorsound über Kanäle in den Innenraum gelangt, natürlich wie hart das Fahrwerk ist oder wie freizügig das ESP. Dessen schärfster Modus, also kurz vor der Deaktivierung, sorgt für maximalen Spaß auf der Straße, weil es zur Not doch noch eingreift, bevor etwas passiert. Im öffentlichen Verkehr sind Auslaufzonen selten, Reparaturen aber teuer. Info am Rande: Bei McLaren gilt die Garantie auch im Falle von Rennstreckeneinsätzen, wenn man das Fahrzeug kurz vorher durchchecken lässt.
Wer einmal den Spider gefahren hat, kann sich das Coupé eigentlich nicht mehr kaufen. Zu sehr intensiviert die Offenfahrt das Fahrerlebnis, zu nah ist der geschlossene Spider am Coupé. Der Preisunterschied kann in dieser Liga auch kein Argument sein: Die Preisliste beginnt bei 253.650 Euro für das Coupé und 281.400 für den Spider. Schade nur, dass nur wenige in den Genuss dieser Entscheidung kommen werden.
Für mich stellt sich am Ende des Tages nur eine Frage: War meine Stirn heute früh auch schon so hoch?
Warum?
Warum nicht?
Abgesehen vom Kontostand? Keine Ahnung…
Oder vielleicht …
… Ferrari 458, Lamborghini Gallardo, Mercedes SLS, Aston Martin V8 Vantage und Audi R8 in ihren offenen Versionen
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