Mercedes hat in den vergangenen Jahren Siebenmeilenstiefel in Sachen Design an, und so ist die neue C-Klasse optisch nichts anderes als ein großer Wurf, auch wenn das Heck ein wenig pummelig wirkt. Breite Schultern, scharfe seitliche Kanten, die zusammenstreben, eine gestreckt wirkende Motorhaube und eine beinahe coupéeske Dachlinie strahlen Dynamik aus, wo früher biedere Gesetztheit vorherrschte. Vor allem mit dem (aufpreispflichtigen) AMG-Designpaket des Testwagens sprengt das Äußere das, was man in der Klasse an Eleganz erwarten würde. Besonders beeindruckt mich die Chrom-Klinge an der Front, die wie ein Klingonen-Schwert den Fahrtwind durchschneidet. Ganz ehrlich? Gefällt mir insgesamt besser als die S-Klasse.
Schön – aber auch peinlich
Der zweite Blick offenbart allerdings unnötiges Wabenplastik am Heck, das wie ein Luftgitter wirkt, aber keines ist. Viel schlimmer ist aber ein durchaus peinlicher Design-Fake: Die wunderschön geformten, verchromten Auspuffendstücke links und rechts sind nicht mal Auspuffblenden, nein sie sind nicht mal offen, sondern mit dem bereits beschriebenen Wabenplastik verschlossen. Der echte Auspuff ist nur zu sehen, wenn man in die Knie geht, und bläst das, was die Abgasreinigung übrig lässt (also im Wesentlichen saubere Luft) verschämt aus dem Unterboden direkt auf die Straße.
Viel Edles fürs Auge der Insassen
Beim Einsteigen bleibt einem fast die Luft weg, so edel wirkt das, was einen umgibt. Das übertrifft sogar das, was man von Audi kennt, obwohl aus Ingolstadt schon fast sprichwörtlich schöne Innenräume kommen. Auch hier gilt: Natürlich ist der Testwagen nicht die Einstiegsversion. Das gebürstete Aluminium an den Burmester-Lautsprechern könnte direkt aus der S-Klasse übernommen sein, ein metallener Drehdrücksteller mit einem futuristischen Touchpad-Überbau soll der Hand schmeicheln, daneben eine Volume-Walze – die beste Art, die Lautstärke zu regeln. Aber: Das iPad-artige Display ist auch in der C-Klasse weder wirklich ins Design integriert noch (wie bei Audi) einfahrbar. Hm. Im Überfluss schwelge ich hingegen in Sachen Ablagen, weil sich der Automatik-Wählhebel am (unnötigerweise unten abgeflachten) Lenkrad befindet.
Die Materialien sind wohl grundsätzlich die hochwertigsten im Klassenumfeld. Üppig verbauter Klavierlack ist jedoch mein Fall nicht. Zum einen findet man den schon in billigen Koreanern, zum anderen sind die Flächen sehr kratzempfindlich. Zum Glück gibt es auch noch eine Menge Gestaltungsoptionen. Noch eine Kleinigkeit: Der überladene Blinker-/Scheibenwischerhebel hat einen Blinddeckel an der Seite (weil kein Schalter für einen Heckscheibenwischer benötigt wird) – das wirkt unnötig billig. Auf diesem hohen Niveau darf man ruhig kleinlich werden.
Die Bedienung hat mich schon in der S-Klasse nicht angesprochen, hier sollte sich Daimler vor allem an BMW, aber sogar an Audi ein Beispiel nehmen. Schon die Programmierung der Fahrmodi ist eine Wissenschaft. Schaltet man in einen anderen um, erscheint wie bei BMW die aktuelle Konfiguration am Display, jedoch kann man sie dort nicht gleich ändern. Und nach jedem neuen Anwählen muss man die Stopp-Start-Automatik erneut ausschalten (wenn man sie nicht bereits als "aus" programmiert hat). Und die Automatik lässt sich nicht mehr per Knopfdruck zwischen Comfort, Sport und Manual umschalten, sondern nur noch umständlich über die Fahrmodi.
Oberklasse-Assistenzsysteme gegen Aufpreis
Erstklassig ist das mehrfarbige Head-up-Display, das nicht nur das aktuelle Tempo anzeigt, sondern auch (zuverlässiger als bei BMW) das erlaubte anzeigt. Auch Navigationshinweise sind dort abzulesen – allerdings auch dann, wenn gar nicht navigiert wird (was wiederum die Münchner besser machen). Die Tempomat-Anzeige am Tacho haben sie sich leider bei Audi abgeschaut: Rote LEDs markieren jetzt, wo ungefähr das Tempo gerade eingestellt ist. Herausragend in seiner Schärfe und Detailgenauigkeit ist das Bild der Rückfahrkamera inklusive Vogelperspektive.
Die C-Klasse kann auch beinahe autonom fahren. Die Distronic plus hält den Abstand zum Vordermann, auch bis zum Stillstand bzw. bei Stop-&-Go-Verkehr und fährt lenkt sogar mit, vorausgesetzt die Strecke führt einigermaßen geradeaus. Lässt man jedoch für einige Sekunden das Lenkrad los, schaltet sich das System (nach einer kurzen Warnung) ab – es sei denn, man bringt verbotenerweise ein minimales Gewicht am Lenkrad an. Zudem überwacht die neue C-Klasse auf Wunsch den Bereich zwischen 50 und 500 Metern vor dem Fahrzeug per Radar UND Kameras, auch hinten befindet sich ein Radar. Fußgänger, Querverkehr, alles soll erkannt werden, sodass der Wagen im Notfall selbsttätig bremsen und einen Unfall im Idealfall vermeiden kann.
Erste Luftfederung der Klasse
Ein Gedicht ist das Luftfahrwerk, das zwar Aufpreis kostet, aber jeden Cent wert ist, wenn einem Komfort wirklich wichtig ist. Ein solches Gleitniveau gab es in dieser Klasse bisher nicht. Dass die 18-Zoll-Räder eher hart abrollen, liegt jedoch in ihrer Natur.
Jedenfalls ist es kein Fehler, mehr Geld in die "Airmatic" und weniger in den Motor zu stecken. Der Testwagen C 220 BlueTEC ist mit dem Basis-Diesel ausgestattet, der aus 2.143 Kubikzentimetern 170 PS herausholt. Damit ist der ohne Fahrer 1.480 Kilo leichte Wagen absolut ausreichend motorisiert. Daimler schwärmt ja von einem Gewichtsvorteil von bis zu 100 Kilo gegenüber dem Vorgänger. Als 0-bis-100-Wert werden 7,7 Sekunden angegeben. Wohlgemerkt für den Einstiegsdiesel. Allerdings ist das Anfahren trotz 400 Nm ab 1.400/min etwas zäh; bevor der Drehzahlmesser nicht auf 2.000/min zeigt, passiert nicht viel.
Als Normverbrauch gibt Mercedes 4,0 l/100 km an, im Testschnitt zeigte der Bordcomputer 6,4 Liter an. Apropos Verbrauch: Der Tank ist ein Witz fürs Datenblatt, er fasst nämlich in der Serienversion nur 41 Liter (auch so lässt sich ein Gewichtsvorteil erarbeiten). Für 50 Euro plus Steuern bekommt man aber einen 66-Liter-Tank – beim Kauf nicht vergessen!.
Der Motor an sich ist ein echter Nagler, was man deutlich mitbekommt, wenn man daneben steht oder mit offenem Fenster eine Wand entlangfährt. Im Innenraum merkt man davon wegen der hervorragenden Dämmung jedoch nichts.
Die Siebengang-Automatik schaltet im Allgemeinen weich, reagiert aber eher träge, und beim Anhalten spürt und hört man vernehmlich ein Rucken im Gebälk.
Fazit: Mehr S geht in der Klasse nicht
Mercedes besinnt sich bei der C-Klasse voll auf seine Werte – alte wie neue, denn der Wagen ist tatsächlich unglaublich komfortabel geworden, ohne sich langweilig zu fahren, und wirkt so hochwertig, dass er damit die Klassengrenzen überschreitet. S-Klasse-Fans, denen das Original zu groß ist, können hier durchaus Freude haben. Auf diese Art haben sie in Stuttgart den Charakter der C-Klasse extrem geschärft und grenzen sie deutlich von der Konkurrenz aus Bayern ab, die sich weniger komfortabel, aber deutlich sportlicher fährt.
Warum?
Warum nicht?
Oder vielleicht …
… BMW 3er, Audi A4
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