Über den Sinn und Unsinn eines SUV-Cabrios wird viel diskutiert. Aber auch über den Sinn von Cabrios an sich; sogar über den von SUVs, obwohl sie sich verkaufen wie warme Semmeln. Ich war auch erst skeptisch, aber dann bin ich mit dem Range Rover Evoque Cabrio nach Istrien gefahren - seitdem bin ich ein Fan. Von Istrien sowieso, aber jetzt auch vom offenen Evoque. Auch wenn er alles andere als perfekt ist.
Keinesfalls darf man den Fehler machen, dieses einzige SUV-Cabrio der Welt in Unscheingrau zu bestellen. Phoenix-Orange ist perfekt (oops, kostet fast 2000 Euro). Ja, ein bisschen extrovertiert muss man schon sein. In einem Cabrio sitzt man generell in der Öffentlichkeit, in diesem offenen SUV ist man sogar auf einer Art Bühne unterwegs. Oder auf einer Aussichtsplattform, wie man es halt sehen will.
Das Gefühl ist tatsächlich ungewöhnlich: freie Sicht rundum, und das aus erhabener Warte. Wo sonst die Geborgenheit eines verlöteten Daches fehlt, besonders in sportlichen Cabrios, aus denen man eher aufschaut, ist hier von Verletzlichkeit nichts zu spüren. My car is my castle. Und auf den Zinnen weht mir der Fahrtwind um die Nase. Ein sinnliches Erlebnis auf ganz vielen Ebenen.
Für den Weg gen Süden habe ich das Dach irgendwann geschlossen, auf der Autobahn wird es sonst auf Dauer zu laut. Unter dem gefütterten Verdeck geht es jedoch angenehm ruhig zu, es ist gut gedämmt. Später lässt es sich ja in wenigen Sekunden elektrisch öffnen, sogar bis knapp Tempo 50.
Kofferraum ist kleiner als im Smart
Im Kofferraum - wenn man das Fach unter dem Verdeckkasten so nennen möchte - habe ich nach einigem Tüfteln das Gepäck für zwei Personen untergebracht. Es hilft, mit wenig auszukommen, denn viel geht sich bei 251 Liter Fassungsvermögen nicht aus. Zur Not und wenn der Shoppingwahn ausbricht, gibt es ja noch die Rückbank. Auf der kann sowieso niemand unbedrängt sitzen, nicht nur weil sie vom Windschott verdeckt ist.
Zum Vergleich: Ins Ladeabteil eines Smart Fortwo Cabrio passen neun Liter mehr. Aber der wird auch weggespült, wo der Brite mit einer möglichen Wattiefe von 50 cm durch die Fluten pflügt (vom Wade Sensing im Display überwacht). Oder bleibt bis zu den Achsen im Schlamm stecken, wo der Evoque ganz entspannt weiterfährt.
Gerade in Istrien könnte es sich auszahlen, vom Weg abzuzweigen und sich in die Wälder zu schlagen, denn es ist eine exzellente Trüffelgegend. Doch wer hat schon einen Hund dabei, der auf "Trüffeljagd", wie man hier sagt, trainiert ist. Und ohne findet man nichts. Also besser andere suchen lassen, etwa bei Prodan Tartufi, wo man nicht nur Trüffel und Trüffelprodukte kaufen, sondern auch mit auf die "Jagd" gehen kann, um zu sehen, wie das geht. So unscheinbar die kleinen Knollen aussehen, so gewaltig ist ihr Aroma, so intensiv ihr Geschmack, wenn sie richtig zubereitet sind.
Wir ziehen weiter durch die Landschaft. Der Evoque treibt nicht zur Eile, auch wenn er theoretisch in 10,3 Sekunden auf 100 sein könnte; mit seinem 180 PS starken Zweiliter-Diesel ist man eher gemütlich unterwegs, schließlich ist das Cabrio mit knapp zwei Tonnen rund 300 kg schwerer als das normale SUV. Beim Anfahren braucht man etwas Geduld; ist man in Fahrt, schaltet die Neungang-Automatik oft nervös hin und her, nicht nur wegen der Drehmomentschwäche des Vierzylinders.
Das Fahrwerk macht einen leicht gehärteten Eindruck, wohl damit der Brite dank seines opulenten Gewichts in Kurven nicht zu taumeln anfängt. Er geht brav ums Eck, von der Lenkung darf man sich aber keine Wunder in Sachen Rückmeldung erwarten. So cruisen wir statt zu rasen, in Kontakt mit den Straße und die Düfte Istriens in der Nase.
Flanieren inklusive
Waschen wir ihm den Schlamm ab (Handwäsche kostet in Istrien genauso viel wie durch die Waschstraße zu fahren). Trotz aller Geländetauglichkeit: Das angestammte Terrain eines Evoque ist die Flaniermeile. Das Navitainment (mit 10-Zoll-Touchscreen und besser als alles, was Jaguar Land Rover jemals hatte, trotzdem manchmal nervend) führt uns nach Novigrad, einem wirklich netten, kleinen Städtchen an der Küste. Beim Einparken singe ich ein Loblied auf Parkpiepser und Rückfahrkamera und weiß nicht, ob die Leute deswegen schauen oder wegen des Autos. Ich lasse es stehen und gehe durch die Gassen Richtung Meer. Die Blicke bleiben auf den Evoque gerichtet. Alles klar.
Vom Evoque weg spazieren wir an den anderen Jachten vorbei, durch die Stadt und wieder zum Kai, wo wir uns in der Vitriol-Bar niederlassen. Cappuccino oder Gin Tonic? Am besten beides. Das eine, weil sich hier alles so italienisch anfühlt, das andere, weil es hier richtig cool ist. Erste Reihe fußfrei schaue ich den Wellen zu, die am Kai hochklatschen, und den vorbeiflanierenden Menschen, die versuchen, den Fontänen auszuweichen. Weiter vorn steht die Strandpromenade komplett unter Wasser, schade, dass es keine Zufahrt gibt. Wie gerne würde ich da jetzt mit dem Evoque durchfahren und die Fluten durchpflügen! In Wahrheit sind die Gelegenheiten, bei denen man ein wasserdurchfahrttaugliches Cabrio braucht, aber dann doch eher selten.
Egal, ich könnte, wenn ich könnte. Oder so. Viel zielführender ist es sowieso, mich den kulinarischen Verwöhnlichkeiten der Gegend hinzugeben. Trüffel, Wein, T-Bone-Steak. Oder auch "Bistecca alla fiorentina", wie es drüben in Italien heißt und auch in Istrien teilweise genannt wird. Schließlich spricht hier fast jeder Italienisch und der ganze Flair hat was von Italien, wie es einmal war. Übrigens: Die besten Kunden der istrischen Trüffeljäger sitzen im Piemont, heißt es - weil sie dort gar nicht so viele Trüffel finden können, wie sie verkaufen. Die Preise sind dort höher, wie generell in Italien, und den Knollen sieht man ja nicht an, wo sie herkommen.
Apropos Preis. Der Basispreis für den Range Rover Evoque Cabrio beträgt 56.500 Euro, der Testwagen kommt auf rund 75.000 Euro. Da ist einiges an Ausstattung dabei. Was es nicht gibt, ist Platz für 1,5-Liter-PET-Flaschen in der Türverkleidung, Türen, die beim Zuschlagen solide klingen oder auch eine Heizung, die stark genug ist, bei offenem Verdeck gegen kühle Tage anzukommen. Auch einen Schalter, der alle Fenster gleichzeitig öffnet oder schließt, vermisse ich. Dafür beamt der Evoque im Dunkeln seine Silhouette auf den Boden neben sich.
Unterm Strich
Der Range Rover Evoque Cabrio ist schlichtweg konkurrenzlos. Dadurch kann er es sich erlauben, relativ teuer zu sein. Für 75.000 Euro würde ich mir etwas mehr Premiumgefühl wünschen, aber ich mag ihn trotzdem. In seiner Exaltiertheit ist er herrlich unkompliziert. Kommt Regen, fahre ich ganz normal weiter und schließe das Dach. Smarts schluckende Schlaglöcher fallen mir mit 20 cm Bodenfreiheit und 20-Zöllern kaum auf. Und sinnlicher ist man wohl in keinem SUV unterwegs.
Warum?
Warum nicht?
Oder vielleicht …
… nun ja, sein oder nicht sein - es gibt nichts Vergleichbares.


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