



Die Rechtsaußenpartei AfD gegen den Rest: Das ostdeutsche Bundesland Sachsen-Anhalt steht heute vor einer richtungsweisenden Landtagswahl, die die Polit-Geschichte bei unseren Nachbarn nachhaltig verändern könnte. Welche Sorgen und Hoffnungen haben die Bürger? krone.at hat sich in der Landeshauptstadt Magdeburg unters Wahlvolk gemischt (siehe Video oben).
Domplatz, Samstagnachmittag. Regenbogenflaggen und Antifa-Fahnen werden geschwenkt. Etwa 8000 Menschen (laut Polizeiangaben) – quer durch alle Altersschichten – wollen bei der Kundgebung „Sachsen-Anhalt weltoffen“, der größten im Bundesland an diesem Tag, ein Zeichen für Demokratie, Toleranz und gegen Ausgrenzung setzen.
„Wir gehen keinen Zentimeter nach rechts“
Auf der Bühne machen bekannte Musiker wie Kerstin Ott und Sebastian Krumbiegel von den „Prinzen“ Stimmung. „Ich finde es nicht gut, wenn Touristen zu uns kommen und sagen: ,Lasst uns in den Osten fahren und Nazis gucken gehen.‘ Sachsen-Anhalt hat so viel mehr zu bieten und das müssen wir mit aller Macht verteidigen.“ In dasselbe Horn bläst Ott: „Wir gehen keinen Zentimeter nach rechts.“
Fotos von der Anti-AfD-Kundgebung:




Kritik an etablierten Parteien CDU und SPD
Einhellige Meinung unter den Demonstranten: Es dürfe zu keiner AfD-Absoluten kommen. „Die AfD ist eine menschenverachtende Partei.“ Ihr Appell: „Taktisch wählen. Die SPD und die Grünen müssen unbedingt in den Landtag einziehen.“
Es gibt viele Probleme. Aber das ist immer noch kein Grund, die menschenverachtende AfD zu wählen.
Eine Demoteilnehmerin
Gleichzeitig aber wird Kritik an den etablierten Parteien CDU und SPD laut: „Sie machen vieles falsch. Es gibt viele Probleme, die Bundesregierung hätte schon viel eher etwas dagegen unternehmen müssen, sie hat das Ohr oft nicht mehr bei den Menschen. Aber das ist immer noch kein Grund, die AfD zu wählen.“
Probleme in den ländlichen Gebieten
Mit der Nazikeule gegenüber den AfD-Wählern können viele Linksgesinnte ebenso wenig anfangen. „Das sind nicht alles Nazis, die meisten wählen aus Frust die AfD“, betont eine ältere Dame aus Magdeburg. Vor allem viele Menschen aus den ländlichen Gebieten würden sich abgehängt fühlen. „Es fährt einmal am Tag ein Bus, es gibt keinen Supermarkt, keinen Bäcker, keinen Fleischer. Und das frustriert die Menschen. Deshalb wählen sie AfD – aber das ist der falsche Weg.“
Das sind nicht alles Nazis, diese Menschen wählen aus Frust die AfD. Aber das darf nicht sien, das ist der falsche Weg.
Demoteilnehmerin über AfD-Wähler
„Die Stimmung ist gespalten“
Ein aufmerksamer Zuhörer findet durchaus auch kritische Töne gegenüber den Parteien abseits der AfD: „Die Stimmung ist gespalten, aber dass wir uns im Endkampf vom Vierten Reich befinden, so wie es viele Demoteilnehmer propagieren, sehe ich nicht.“ Für ihn würden sich die etablierten Parteien viel zu sehr mit der AfD als mit sich selbst beschäftigen. „Ich habe auf der Bühne noch kein einziges Wort über die wirtschaftlichen Probleme gehört, stattdessen wird ständig über Geschlechterfragen diskutiert. Die etablierten Parteien gehen die wirklich wichtigen Dinge nicht an und genau das treibt viele Menschen in die Hände der AfD, die die Menschen derzeit ja nur einsammeln muss.“
Die Stimmung ist gespalten, aber dass wir uns im Endkampf vom Vierten Reich befinden, so wie es viele Demoteilnehmer propagieren, sehe ich nicht.
Ein Demoteilnehmer
Schauplatzwechsel: Im AMO Kulturhaus – nur 1,7 Kilometer vom Domplatz entfernt – lädt die AfD – in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft – zur Abschlusskundgebung. Viele AfD-Anhänger wenden uns dem Rücken zu, wollen kein Interview geben. Andere wiederum sind durchaus gesprächig und erzählen uns von ihren Ängsten, Sorgen und Hoffnungen.
AfD-Anhänger: „Man merkt die Veränderung im Land“
„Man merkt die Veränderung im Land, die Stimmung unter den Leuten ist allgemein zu spüren. Das Geld ist alle, wir sind ruiniert, die Frage ist nur, fallen wir weiter oder gehen wir den Weg zurück zur Normalität, die wir in den 1990er-Jahren und Anfang der 2000er-Jahre hatten“, sagt ein Mann im weißen T-Shirt, „bewaffnet“ mit Transparenten von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund und AfD-Bundeschefin Alice Weidel.
Fotos von der AfD-Schlusskundgebung:




Der Vorwurf der politischen Gegner, dass jeder AfD-Wähler ein Nazi sei, lässt ihn kalt. „AfD ist das Gegenteil von Nazi“, betont ein blauer Sympathisant aus der Region. Er sei in jungen Jahren politisch links gewesen, später konservativ. Doch der Asylkurs von Ex-Kanzlerin Angela Merkel habe ihn zur AfD überlaufen lassen.
AfD ist das Gegenteil von Nazi.
Ein AfD-Sympathisant
Auffallend: Auch viele Frauen wohnen der AfD-Veranstaltung bei. Eine reiste sogar aus Berlin an. „Wenn früher jemand zu mir gesagt hätte, ich hätte rechtes Gedankengut, wäre ich sehr empört gewesen. Wenn es heute jemand zu mir sagt, stört mich das nicht mehr. Ich bin ein Mensch, der normal denkt und nicht populistisch. Ich lasse andere Gedanken zu, was andere nicht machen, wie ich heute bei der Demo er Linken am Domplatz festgestellt habe.“
Wenn heute jemand zu mir sagt, ich habe rechtes Gedankengut, stört mich das nicht mehr. Ich bin ein Mensch, der normal denkt und nicht populistisch.
Eine Teilnehmerin der AfD-Wahlkampfveranstaltung
Migration als Dauerthema
Ein 71-jähriger Mann mit Deutschlandfahne verweist auf das Migrationsproblem in Sachsen-Anhalt. „Ich bin grundsätzlich nicht gegen Ausländer, habe viele Bekannte, die Ausländer sind. Man kennt den Dönermann, aber alles, was sich kriminell verhält, sollte dieses Land verlassen. Wenn ich zu Hause Leute in mein Haus einlade, die sich nicht benehmen können, schmeiße ich sie raus.“
Wenn ich zu Hause Leute in mein Haus einlade, die sich nicht benehmen können, schmeiße ich sie raus.
Ein AfD-Sympathisant
„Spaltung geht quer durch die Familien“
Gleichzeitig gibt er zu, dass sich die politische Spaltung in Deutschland quer durch die eigenen Familien zieht. „Unsere Kinder wohnen in Hamburg, die sind eben anders. Politisch sind wir konträr. Aber ich will niemanden befruchten, jeder muss seinen eigenen Weg finden und seine eigene Meinung bilden.“
Sein Wunsch für den Wahlsonntag? „Wenn sich die anderen Parteien zusammenrotten, dann werden auch 43 Prozent für die AfD nicht reichen für eine Regierungsbeteiligung. Der günstigste Fall wäre daher natürlich die absolute Mehrheit.“
Siegmund gefeiert wie ein Popstar
Im Inneren des Kulturhauses bildet sich unterdessen eine Riesenschlange – für Selfies mit AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Er signiert auch Fanshirts. „Mein Freund hier ist voll der Fan von ihm“, sagt eine junge Frau. Was die AfD an Schulen verändern will, gefällt ihr: „Kindern mit besonderen Einschränkungen, dass sie vielleicht mehr Hilfe bekommen, also dass die getrennt werden.“ Sie kenne das von ihrem kleinen Bruder. „Der hat auch Einschränkungen wie ADHS und lenkt auch nur andere Schüler ab.“
Polizei zieht zufrieden Bilanz: Keine Zusammenstöße
Während die AfD-Fangemeinde noch bis in die späten Abendstunden ausgelassen feiert, wird es am Domplatz unter den Kundgebungsteilnehmern gegen 21 Uhr langsam ruhiger. Die Polizei, die mit einem Riesenaufgebot alles beobachtet, zieht zufrieden Bilanz: „Wir sind froh, dass alles überwiegend friedlich abgelaufen ist.“

Das ist auch die Hoffnung für den Wahlsonntag. „Wir versuchen, den Rahmen so zu sichern, dass jeder sicher zur Wahl kommt – und von der Wahl wieder nach Hause geht. Wie die Wahl politisch und gesellschaftlich bewertet wird, entscheidet jeder für sich.“
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