Mo, 16. Juli 2018

Anders bescheiden

03.10.2016 05:00

Mercedes S 500 Cabrio: Besser nicht übertreiben

Wenn ich einmal reich bin, dann muss das S-Klasse-Cabrio eines der Autos sein, die in meiner Garage stehen. Auch wenn ich es mir leisten könnte, wären es nicht die protzigen AMG-Versionen 63 bzw. 65 mit 585 oder 630 PS. Nein, auf diesem Niveau lohnt es sich, Bescheidenheit zu leben - in Form von 455 PS aus dem seidigen 4,7-Liter V8. Gepflegter kann man kaum durch den Wind gleiten.

Dieses Schnurren des Motor genannten Herzens, das auch unter höchster Beanspruchung nicht die Contenance verliert, dieses Dahinrauschen in eleganter Souveränität innerhalb in Blech gepresster Ästhetik, diese Eleganz im Innenraum, der Fahrtwind, der mich sanft umströmt…

Bevor ich mich in Schwärmerei verliere, packen wir das Geschichtsbuch aus. Das letzte S-Klasse-Cabrio vom Daimler datiert aus dem Jahr 1971, da wurde die Reihe nach zehn Jahren Bauzeit eingestellt. Seither gab es natürlich teure, offene Mercedes mit dem S in der Bezeichnung, die hatten aber zwei Sitze weniger, dafür ein L mehr im Namen.

Die Wiederauferstehung des nach oben offenen Stuttgarter Luxus basiert nun auf dem S-Klasse-Coupé, was mehrere Vorteile hat. Optisch sind das die herrliche Seitenlinie sowie der wunderbare Hintern, Fahrerisch gesehen ist es ansatzweise straffere Auslegung des Begriffes Fahrkomfort im Sinne von: mir wird hinterm Lenkrad bei flotter Fahrweise nicht schlecht.

Luftfahrwerk ist eine feine Sache, für meinen Geschmack vor allem im Sportmodus, der dem Fahrerlebnis eine Portion Präzision hinzufügt. Auch die Lenkung entwickelt damit eine gewisse Verbindlichkeit, ohne dass irgendetwas aufdringlich oder fordernd würde.

Es geht hier nicht um Raserei, das S-Cabrio wird nie ein Sportler sein, schließlich bewegen wir hier 2040 kg Leergewicht (ohne Fahrer gemessen). Damit wir uns nicht falsch verstehen: Nach 4,6 Sekunden stehen ganz lässig 100 km/h auf der Uhr und bei 250 km/h ist nur deshalb Schluss, weil da abgeregelt wird. Bereits ab 1800/min. trägt eine Welle von 700 Nm diese Fünf-Meter-Jacht vorwärts, welche über die neun Stufen der Automatik plätschert. Nebenbei bemerkt: 12,4 l/100 km genehmigte sich der Wagen im Testschnitt.

Perfektion der Verdeckbedienung - und eine Schrulle
Sollte das Plätschern meteorologisch werden, kann man in der Stadt fast ganz normal weiterfahren, während die kräftigen Elektromotoren das Verdeck schließen, denn das funktioniert hervorragenderweise bis 50 km/h.

Wahrer, mitdenkender Luxus wird jedoch augenscheinlich, wenn man das Dach öffnet: Die Trennklappe im Kofferraum senkt sich von selbst elektrisch ab, wenn Platz genug ist. Vorbei die Zeiten, da man anhalten musste, weil man diesen Handgriff vergessen hatte. Diese Errungenschaft ist kaum hoch genug einzuschätzen.

Aber: Was hat man sich dabei gedacht, als man den Schalter für die Verdecköffnung unter dem Armauflagedeckel zwischen den Vordersitzen versteckt hat? Und den Schalter zum gleichzeitigen Öffnen aller Fenster gleich dazu? Ja, es ist alles edel, aufgeräumt und reduziert gestaltet, aber hier wird die Optik zum Selbstzweck.

Die Bedienung ist insgesamt relativ gewöhnungsbedürftig, aber es ist wohl auch nicht so einfach, die Vielzahl an Funktionen sinnvoll unterzubringen. Man muss sich als Fahrer nicht schämen, wenn man sich überfordert fühlt.

Durchdachtes Innenraumklima
Mercedes spricht vom komfortabelsten Cabrio der Welt. Dabei verweist man gerne auch auf die mitdenkende Klimaanlage, die nicht nur den Öffnungszustand, sondern sogar die Sonneneinstrahlung berücksichtigt. Optional bläst der Airscarf warme Luft in den Nacken, die Aircap reduziert die Zugluft im Innenraum: Auf Knopfdruck fährt hinter den Rücksitzen ein Windschott hoch und aus dem Windschutzscheibenrahmen erhebt sich ein Spoiler samt Fliegengitter. Das wiederum ist der Gesamtästhetik eher abträglich.

Unterm Strich
165.800 Euro beträgt der Einstiegspreis, auf der Testwagen-Rechnung stehen knapp 200.000 Euro. Doch wer über den Preis nachdenkt, gehört eher nicht zur Zielgruppe. Da ist die hohe Kunst des Cabriobauens, der Gipfel des offenen Autos. Nicht nur wegen Kraft, Geschmeidigkeit und Luxus, auch die zahlreihen, hochklassigen Assistenzsysteme wird man andernorts nicht finden. Um das sein Eigen nennen zu können muss man vor allem eines sein: reich.

Warum?

  • Perfekt in Luft verpackte Geschmeidigkeit

Warum nicht?

  • Fragen Sie Ihr Bankkonto.

Oder vielleicht …

… erst einmal kleinere Wünsche erfüllen.

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