Nächtlicher Entscheid

ORF-Chef Pig: „Ein neuer Morgen bricht an“

Innenpolitik
12.06.2026 02:19

Der neue ORF-Chef heißt Clemens Pig: 21 von 35 Stiftungsräten gaben ihre Stimme dem von der Regierung präferierten Kandidaten und ehemaligen Apa-Chef. Der Hearing-Tag war spannend – und lang – wie nie zuvor. Die „Krone“ berichtete live – hier können Sie die Wahl sowie die ersten Worte des designierten Generaldirektors nachlesen.

  • Ein langer Tag – über zwölf Stunden – liegt hinter dem Küniglberg: Neun Kandidaten und Kandidatinnen waren von den ORF-Stiftungsräten zum  Hearing eingeladen – von insgesamt 75.
  • Jeder Bewerber musste sein Konzept vorstellen und Fragen beantworten. 21 Stiftungsräte stimmten für den Polit-Favoriten Clemens Pig, Mitfavorit Johannes Larcher erhielt sechs Stimmen, Markus Breitenecker drei, Redaktions-Favoritin Lisa Totzauer drei und Kathrin Zierhut-Kunz immerhin eine Stimme.
  • FPÖ-Stiftungsrat Peter Westenthaler wirft der Regierung auch nach der Wahl vor, diese vorab – zugunsten von Pig – ausgemacht zu haben. Er spricht von einer „ekelhaften Inszenierung“ und kündigte in einem ersten Statement eine Anfechtung an. Bei der Befragung von Pig, die über zwei Stunden dauerte, kam es zu Schreiduellen.
Clemens Pig bei seinem ersten Auftritt
Clemens Pig bei seinem ersten Auftritt(Bild: APA/MAX SLOVENCIK)
  • Pig übernimmt einige Baustellen. Die größten sind die Umsetzung eines einschneidenden Sparprogramms und die Weiterentwicklung der digitalen Angebote in einer Zeit voller Umbrüche.
„Staffelübergabe“: Pig und Thurnher
„Staffelübergabe“: Pig und Thurnher(Bild: Imre Antal)
Ingrid Thurnher übergibt ihren Posten – und versorgte die Journalisten beim Warten mit ...
Ingrid Thurnher übergibt ihren Posten – und versorgte die Journalisten beim Warten mit Schokobananen.(Bild: Jennifer Kapellari)
Der Polit-Favorit Clemens Pig wurde gute zwei Stunden lang „gegrillt“.
Der Polit-Favorit Clemens Pig wurde gute zwei Stunden lang „gegrillt“.(Bild: APA/ROLAND SCHLAGER)
Stiftungsratschef Lederer betont, dass die Wahl unabhängig von der Politik erfolge.
Stiftungsratschef Lederer betont, dass die Wahl unabhängig von der Politik erfolge.(Bild: APA/ROLAND SCHLAGER)
Buchstäblich wie redensartlich: Der ORF ist momentan eine ziemliche Baustelle.
Buchstäblich wie redensartlich: Der ORF ist momentan eine ziemliche Baustelle.(Bild: APA/ROLAND SCHLAGER)

Noch nie war die Bestellung einer neuen Spitze des öffentlich-rechtlichen Rundfunks von so viel öffentlicher Aufmerksamkeit begleitet. Schuld daran ist die Causa rund um Roland Weißmann, der im März als ORF-General zurückgetreten war, nachdem ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen war. Es folgten weitere Skandale. Zuletzt wurde Top-Manager und ORF-Gagenkaiser Pius Strobl von der interimistischen Chefin Ingrid Thurnher aus Compliance-Gründen freigestellt.

Regierung setzt Sparstift an
Der neue Generaldirektor, die neue Generaldirektorin, muss den ORF ab 2027 jedenfalls wieder in ruhige Fahrwasser bringen. Was auf keinen Fall leicht sein wird. Denn wie kolportiert macht die Regierung mit ihrem Sparbudget auch beim ORF ernst. Sie streicht dem Sender eine finanzielle Kompensation in Höhe von 93 Millionen Euro im Jahr.

Im Gegenzug darf der ORF laut Medienministerium aber mehr Mittel aus einem sogenannten „Sperrkonto“ beziehen. Er darf auf maximal 710 Millionen Euro aus Einnahmen aus der Haushaltsabgabe zugreifen. Der Rest fließt auf dieses „Sperrkonto“. Der Deckel wird nun auf 780 Millionen Euro angehoben. Ab 2027 darf der ORF zudem 35 Millionen Euro mehr pro Jahr verwenden - unter der Bedingung, dass die Spartenkanäle ORF Sport+ und ORF III weitergeführt sowie weiterhin Mittel für das ORF Radio-Symphonieorchester (RSO) aufgebracht werden.

Ingrid Thurnher ist noch bis Jahresende ORF-Generaldirektorin.
Ingrid Thurnher ist noch bis Jahresende ORF-Generaldirektorin.(Bild: Eva Manhart)

Einschnitte spürbar
Ein Einschnitt bleibt trotzdem. Generaldirektorin Thurnher hatte bereits gewarnt, dass dies „an den Grundfesten“ des Medienhauses rüttle und das Publikum dies auch spüren werde. Thurnher erklärte vergangene Woche, dass die Kürzungen laut Juristen verfassungswidrig sein könnten, da der ORF zur Erfüllung seines öffentlich-rechtlichen Auftrags laut Gesetz nachhaltig finanziert sein muss. Man erwägt eine Klage.

Der ORF war auch ohne die neuen Einschnitte bereits mit erhöhtem Sparbedarf konfrontiert. Zudem ist der ORF-Beitrag in Form einer Haushaltsabgabe in Höhe von 15,30 Euro bis 2029 eingefroren. Man löse nun Reserven auf und stelle Überlegungen zum Programm an, so Thurnher. Kolportiert wurde, dass etwa bei Quizshows stark eingespart werden dürfte. Gleichzeitig will die ORF-Chefin Bereiche definieren, „an denen nicht gerüttelt werden darf, weil sie unsere Existenz bedeuten“.

Breites Kandidatenfeld
Die neue Person an der ORF-Spitze, die heute gewählt wird, wird also sparen müsse, die Bevölkerung wird ihr dabei genau auf die Finger schauen. Trotzdem gibt es eine Rekordzahl an Bewerberinnen und Bewerbern für den Top-Job. Neun von ihnen sind für das heutige Hearing im ORF-Stiftungsrat nominiert.

Aussichtsreichster Kandidat ist der frühere APA-Geschäftsführer Clemens Pig. Er gilt als Wunschkandidat der ÖVP. Vielfach wird befürchtet, dass seine Wahl im Vorfeld von den „Freundeskreisen“ im Stiftungsrat bereits im Vorfeld ausgemauschelt wurde. Um diesen Eindruck entgegenzuwirken, haben die Stiftungsratsvorsitzenden in einem Brief zur „freien Entscheidung“ aufgerufen. Pig selbst betont jedenfalls seine Unabhängigkeit.

Auch Johannes Larcher, einem international gefragten Medienmanager, räumen Beobachter gute Chancen ein. Außenseiterchancen haben ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer, die von den Redakteuren favorisiert wird, sowie Markus Breitenecker, langjähriger ProSiebenSat.1Puls4-Chef. All diese Bewerber haben bekräftigt, gegen den Budgeteinschnitt klagen zu wollen. Wer tatsächlich ab 2027 für fünf Jahre auf dem ORF-Chefsessel sitzt, wird am späten Nachmittag feststehen.

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