"Ist das alles serienmäßig?", fragt mich Instruktor Martin bei der 1000PS-Gripparty am Pannonia-Ring und zeigt auf den Öhlins-Lenkungsdämpfer der Kawasaki ZX-10R. Ja, das ist jetzt alles Serie. Überhaupt ist die neue Ninja Jahrgang 2016 mächtig ausgestattet. Und eigentlich fast ein komplett neues Motorrad. Eines, das ganz nah am Weltmeister-Superbike ist.
Ich mag diesen Understatement-Auftritt. Das top ablesbare Display wirkt komplett Old School und lässt nicht ahnen, was für eine scharfe Waffe die Kawakesen hier ins Rennen schicken. Nur die KRT-Lackierung erinnert den Kenner auf den ersten Blick an die Siegermaschine, mit der WSBK-Held Jonathan Rea alles in Grund und Boden fährt und vor allem an das Superstock-Bike.
Klar, die Verkleidung ist neu und bietet besseren Windschutz, aber die wesentlichen Änderungen stecken im Detail. Schon die neue Gabel entdeckt? Balance Free Fork nennen sie das von Showa entwickelte Teil, das sie direkt vom WM-Bike übernommen haben und das so noch nie ein Serienmotorrad geziert hat. Zu erkennen an der externen Druckkammer, die für ein extrem gutes Ansprechverhalten und einen präzisen Kurveneingang sorgen soll. Gewaltig auch die Bremsanlage mit 330er-Scheiben und zwei Brembo M50 Monoblock-Bremssätteln vorn.
Auch die Geometrie wurde geändert, der Lenkkopf ist näher am Fahrer, die Schwinge (deren Anlenkpunkt verstellbar ist) ist steifer und länger, was wiederum alles mehr Gewicht aufs Vorderrad bringt.
Fakt ist: Ich fühle mich sofort wohl auf der neuen ZX-10R (auch wenn ich auf der 3 cm höheren Sitzbank hätte bestehen sollen). Wenn Stabilität das Ziel der Ingenieure war, dürften sie einen guten Job gemacht haben. Ein weiteres Ziel war die Euro4-Abgasnorm, was zwar für die Umwelt gut, für die Leistungsentfaltung aber kontraproduktiv ist: Im mittleren Drehzahlbereich machen die Drosselklappen nicht ganz auf und ich bettle händeringend (bzw. den Gasgriff auswringend) um Drehmoment. Das kommt aber erst so bei 9000 Touren. Bei 11.500/min bringt sie dann 113,5 uf die leichtere Kurbelwelle. Immerhin hat Kawasaki die serienmäßige Getriebeübersetzung verkürzt. Im vierten Gang hat sie jetzt die gleiche Übersetzung wie ihre Vorgängerin im dritten. Wer gedacht hat, die seitlichen Rückstrahler seien die einzige unangenehme Euro4-Auswirkung, hat sich also getäuscht.
Wer die Ninja nur für die Rennstrecke anschafft, kann dieses Problem leicht lösen, allerdings erlischt dann die Straßenzulassung.
Ninja feiert Elektronik-Feuerwerk
Was die Regelung betrifft, hat Kawasaki mit elektronischen Drosselklappen und einem gyroskopischen Fünf-Achsen-Sensor von Bosch, der in 5 Achsen misst (und eine berechnet), voll aufgerüstet. Die Traktionskontrolle wurde verfeinert, konkret wurden zwei weitere Stufen eingezogen zwischen der bisher schärfsten und der Komplettabschaltung. In Stufe 3 greift die KTRC jetzt also genauso viel oder wenig ein wie vorher in Stufe 1. Außerdem an Bord: Launch-Control, Powermodi (120, 160 und 200 PS) und ein hochpräzises Bremsmanagement, das es dem Fahrer leichter machen soll, den Scheitelpunkt der Kurven - selbst beim Bremsen - optimal zu treffen und wieder herauszubeschleunigen. Zudem kann man mit KEBC (Kawasaki Engine Brake Control) das Motorbremsmoment reduzieren (abschaltbar).
Ein Segen auf der Rennstrecke ist der Schaltassistent. Der funktioniert zwar serienmäßig nur aufwärts, lässt sich per Kit aber auch ums Runterschalten erweitern.
Angesichts der Ausstattung ist der Preis von 21.299 Euro echt günstig (mit Standardlackierung sogar nur 20.999 Euro). Da bekommt man sehr viel Rennmotorrad fürs Geld. Erst recht, wenn man nicht alles serienmäßig lässt.
Warum?
Warum nicht?
Oder vielleicht …
… BMW S 1000 RR, Yamaha R1, Aprilia RSV4
Übrigens: Die Gripparty ist normalerweise sehr schnell ausgebucht. Am 28./29. Juli wurde kurzfristig noch ein Termin eingeschoben - da gibt es noch Plätze unter 1000PS.at.
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