Eisige Nächte und finstere Tage – der Winter in Norwegen ist ein echter Härtetest. Von der südlichen Hauptstadt bis zur größten Stadt nördlich des Polarkreises ist die kalte Jahreszeit in Skandinavien aber auch ein einzigartiges Erlebnis, inklusive strahlender Überraschungen.
Draußen ist es bereits dunkel. Eine dicke Schneedecke liegt auf den Straßen, Bäumen und Dächern. Der letzte Blick aus dem Flugzeugfenster ist verschwommen, denn auf der Scheibe zeichnen Eiskristalle ein einzigartiges Bild. Als sich die Türen des Flugzeugs öffnen, zieht sogleich ein eisiger Wind durch die Kabine. Ein Winterurlaub in Norwegen – ja, dafür muss man sich im wahrsten Sinne des Wortes warm anziehen.
Wir starten in Oslo und gewöhnen uns langsam an den nordischen Winter. Im Vergleich zum hohen Norden kann es hier selbst im Jänner schon einmal zu milderen Tagen kommen, an denen Regen statt Schnee fällt.
Grossstadt trifft Winterlandschaft
Ein erster Spaziergang führt vom prächtigen Sitz der norwegischen Königsfamilie, vorbei am Nationaltheater und dem mächtigen Osloer Rathaus, bis ins moderne Viertel Bjørvika. Direkt am Oslofjord steht hier seit 2008 das wahrscheinlich bekannteste Wahrzeichen der Haupt- stadt: das neue Opernhaus.
Die Inspiration der Architekten ist nicht zu übersehen: Wie ein treibender Eisberg thront das Gebäude in der Meeresbucht. Ein absolutes Highlight ist das begehbare Dach des Opernhauses. Aber Achtung: Im Winter ist der Zugang aufgrund von Eis und Glätte leider gesperrt
Nicht zu übersehen im Trendviertel ist auch die moderne Deichman Bibliothek – Norwegens älteste und größte öffentliche Bibliothek. Wer jetzt an verstaubte Bücherregale denkt, irrt sich aber gewaltig. Auf mehreren Etagen kann man neben Büchern auch spannende Kunstinstallationen entdecken und das oberste Stockwerk bietet einen einzigartigen Blick auf den Oslofjord.
An schönen Tagen lohnt sich ein Spaziergang im südöstlich gelegenen Ekebergparken, wo Natur und künstlerische Skulpturen aufeinandertreffen. Danach geht es mit dem Bus weiter ins Szeneviertel Grünerløkka, wo mit der Mathallen eine moderne Markthalle mit schicken Cafés und kulinarischen Überraschungen wartet. Ein Fixpunkt auf jeder Oslo-Reise sollte auch ein Besuch beim Syverkiosken sein. Der Imbissstand unweit der Mathallen serviert noch traditionelle norwegische Hotdogs mit Kartoffelfladenbrot.
Von Oslo geht es mit der Bahn in etwa 45 Minuten zur Skisprungschanze Holmenkollbakken und dem dazugehörigen Ski-Museum. Fährt man später mit der Metro von Holmenkollen weiter bis zur Endstation Frognerseteren, steht man am Beginn einer 2700 Meter langen Rodelstrecke. Schlitten und Helm kann man sich vor Ort ausleihen und sich gleich anschließend ins Abenteuer stürzen. Das Beste daran? Ist man am Ende der Strecke angelangt, fährt man mit der Bahn einfach wieder den Berg hinauf zum Start.
Winterhimmel in magischen Farben
Um unseren eigentlichen Traum vom norwegischen Winterurlaub wahr werden zu lassen, fliegen wir nach einigen Tagen in der Hauptstadt weiter nach Tromsø – die größte Stadt nördlich des Polarkreises. Als wir am 21. Jänner im hohen Norden landen, ist die gute Laune der Einheimischen nicht zu übersehen. Sie feiern „Soldagen“, also den Tag der Sonne. Seit sieben Wochen haben die Menschen hier die Sonne nicht mehr gesehen, an diesem Mittwoch erschien sie zum ersten Mal nach der Polarnacht für einen Moment wieder über den Bergen am Horizont.
Der erste Stopp nach unserer Ankunft ist der Storsteinen. Mit der Gondel Fjellheisen fahren wir auf den Hausberg der Tromsøer. Hier verschlägt es uns zum ersten Mal die Sprache. Rosa, pink, violett, orange, türkis und blau – zwei Stunden lang stehen wir bei minus zehn Grad im Schnee, bestaunen den Himmel, der ein unglaubliches Farbenspiel präsentiert, und genießen den einzigartigen Blick auf die Stadt.
Mit einem Mietauto geht es am nächsten Tag auf die Insel Kvaløya. Am Tagesplan stehen lediglich drei Punkte: Winterlandschaft, Rentiere und Nordlichter. Eine schöne Winterlandschaft zu finden, ist zu dieser Jahreszeit nicht schwer. Viel eher gestaltet sich aber das Autofahren auf teils schlecht geräumten Straßen als kleine Herausforderungen. Beim Skulsfjord Viewpoint legen wir eine erste Pause ein und wandern zwischen weißen Bergen zum bekannten Aussichtspunkt.
Nordlichtjagd im hohen Norden
Weiter geht es in Richtung Südwesten zur Insel Sommarøy. Schmale Straßen schlängeln sich entlang des Fjordufers und hinter jeder Kurve warten einzigartige Ausblicke auf verschneite Berge und eisiges Meer. Entlang des Weges können wir dann auch den zweiten Punkt auf unserer Liste abhaken. Direkt vor uns queren mehrere wilde Rentiere die Straße und suchen am schneebedeckten Waldboden fressbares Grünzeug.
Als es dunkel wird, machen wir uns schließlich auf die Suche nach Nordlichtern – den Grund für unsere Reise. Die Aurora borealis lässt sich an diesem Abend aber viel Zeit. Wir schlagen unser Lager am Bergsee Kattfjordvatnet auf und warten. Als wir ein erstes buntes Glitzern am Himmel erblicken, wächst die Vorfreude. Und dann geht es ganz schnell: Plötzlich tanzen Polarlichter direkt über uns. Zuerst in Grün und Violett, später in strahlendem Türkis und Blau.
Stundenlang malen die Lichter ein einzigartiges Bild in den Himmel. Es wirkt, als würden die Sonnenstürme förmlich explodieren, so intensiv erleuchten sie die Dunkelheit. Selbst die Einheimischen kommen an diesem Tag nicht aus dem Staunen: „In den letzten Tagen war es verrückt. Diese Intensität sehen nicht einmal wir oft“, erzählt die Führerin einer Polarlichtertour, die wir zufällig treffen.
Auf der Suche nach ruhigen Giganten
Nach einer kurzen Nacht brechen wir am nächsten Morgen schon früh zu einer Walbeobachtungstour auf. Mit einem glücklicherweise beheizten Boot fahren wir rund drei Stunden in Richtung Norden, denn Mitte Jänner treiben hier vor allem Orcas und Pottwale ihr „Unwesen“. Draußen braust zwar der Wind, die atemberaubende Landschaft zieht uns dennoch immer wieder in die klirrende Kälte am Außendeck. Nahe der Insel Laukøya treffen wir schließlich auf riesige Pottwale, die gemütlich durch das eisige Wasser schwimmen.
Nach einem langen Tag am Boot wärmen wir uns in einer heißen Sauna im Hafen von Tromsø wieder auf – inklusive traditionellem Sprung in den arktischen Fjord. Als wir danach ein letztes Mal durch die Stadt spazieren, tanzt die Aurora borealis am Himmel über Tromsø und sagt leise auf Wiedersehen.
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