Ein Jahr nach 9/11
Als ich im August 2002 die „Staubfrau“ fand
Marcy Borders wurde zum Symbol der Überlebenden des Terroranschlags auf das World Trade Center. Am Samstag, dem 10. August 2002, traf ich die „Staubfrau“ in Bayonne, New Jersey.
Ein Samstagmorgen im August 2002. Vor dem UN-Plaza in New York City hält eine graue Limousine. Der indische Driver, den „Krone“-US-Korrespondent Hans Janitschek (KREUZ 2008) für diesen Tag gebucht hat, runzelt die Stirn, als wir ihm erklären, dass wir uns auf die Suche nach einer Frau machen, von der wir keine Adresse haben.
„How is that going to work?“, will Ramesh wissen. „Wir fahren einfach mal rüber nach New Jersey“, meint Hans, „dann finden wir sie schon!“ „Sie“, das war Marcy Borders, die als „Staubfrau“ in die Geschichte einging.









Marcy steht am Kopierer, als der Turm getroffen wird
Marcy ist Sekretariats-Assistentin bei der „Bank of America“ und steht am Kopierer im 81. Stock, als sich um 8.46 Uhr, zwölf Etagen über ihr, ein Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers bohrt. Panisch rennt sie sofort die Stiegen hinunter, vorbei an Feuerwehrmännern, die aufwärts hasten in den sicheren Tod. Sie rennt und rennt und schafft es bis zum Ausgang.
Um 9.03 Uhr rast ein weiteres Flugzeug in den Südturm, er explodiert hinter ihr und sackt mit unvorstellbarer Geschwindigkeit in sich zusammen. Marcy wird von einer riesigen Staubwolke erfasst, rettet sich in eine benachbarte Lobby. Dort drückt ein Fotograf auf den Auslöser. Das Foto zeigt die Überlebende, erstarrt zu einer Statue, eingehüllt vom Staub des Todes.
Unser Mercedes überquert gerade die George Washington Bridge, als links, am Ufer des Hudson Rivers, ein Hochhaus mit der Aufschrift „The Jersey Journal“ auftaucht (die Zeitung wurde mittlerweile eingestellt). „Da halten wir“, befindet Hans instinktiv. Damals gab es weder Smartphones noch Social Media. Und unser Driver hatte auch kein Navi. An der Rezeption verlangen wir den „Chief Editor“ zu sprechen. Die Aussichten sind schlecht, wir setzen uns also in die Lobby und frühstücken Chili aus Plastikbechern.
Nach 20 Minuten kommt zwar nicht der „Jersey Journal“-Chef, aber ein „Chronik“-Journalist. Er hat gehört, dass Marcy in Bayonne wohnt, fünf Meilen südlich, nicht einmal 15 Minuten mit dem Auto. „Keiner hat seit 9/11 mit ihr gesprochen“, gibt der Kollege zu bedenken.
Eine Schlafstadt am anderen Ufer des Hudson Rivers. Ramesh lenkt den Wagen an adretten Häuserfronten und biederen Kleingärten vorbei. „Zu schöne Gegend“, befindet Hans. Der 1006 Broadway bringt immer schäbigere Fassaden zum Vorschein. Hier steigen wir aus und sprechen Passanten an. Viele wissen, dass Marcy Borders hier lebt. Einer glaubt, das Appartmenthaus zu kennen. Wir fahren hin.
Dann sitzen wir auf der Stiege eines Gebäudes, aus dem Kinderweinen und Hip-Hop Musik tönt. Keine Türglocken, keine Namen. Wir wissen ja nicht einmal, ob es das richtige Haus ist. Irgendwann tritt ein Mann aus der Tür. „Wohnt hier Marcy Borders?“ Er nickt. „Dritter Stock links, aber sie macht nicht auf.“
„Wir warten, bis die Tür aufgeht“, sagt Hans
Wir gehen rauf und läuten. Läuten noch einmal. Wir warten. Hans fährt mit Ramesh zu einem Blumengeschäft und kauft Rosen. Ich warte allein. Danach warten wir wieder gemeinsam. „Wie lange wollen wir warten?“, frage ich. „Bis die Tür aufgeht“, sagt Hans und wachelt mit dem Blumenstrauß.
Am späten Nachmittag ist es so weit. Marcy öffnet die Tür, sie weint. „Aus Wien kommt ihr?“, fragt sie ungläubig und will wissen, ob es dort Hochhäuser gibt. Dann sitzen wir alle auf ihrer Wohnlandschaft, über uns brummt die Aircondition. An der Wand hängen Zeichnungen ihrer kleinen Tochter. Noelle, damals acht, wohnt bei ihrem Vater. Und das Leben ihrer Mutter ein Trümmerhaufen.
Sie hört noch heute das Dröhnen der Flugzeuge
Marcy erzählt von Albträumen und Schlaflosigkeit. Sie erinnert sich an Leichenteile und weinende Helfer. In ihrem Kopf hört sie noch das Dröhnen der Flugzeuge. Sie hat Angst vor dem 11. September 2002. Das zerknitterte Kostüm von damals hat sie in einem Plastiksack aufbewahrt. Sie zeigt uns die Wildlederstiefel, die sie getragen hat. Über allem liegt eine dicke, matte Staubschicht.
Marcy küsst die Kette, die sie am Morgen des 11.9.2001 umgelegt hatte. Sie weint. Und sagt diesen schrecklichen Satz: „Wäre ich nur in den Trümmern dort begraben, dann hätte mein Kind wenigstens die Entschädigung bekommen.“ Später begleitet sie uns noch runter auf die Straße und wir trinken zum Abschied Kaffee.
Ihre Tochter hält das Erbe ihrer Mutter lebendig
Marcy Borders Tochter ist heute 33 und arbeitet in Bayonne als Geschichtslehrerin. Noelle hält das Erbe ihrer Mutter lebendig und macht auf die chronischen Krankheiten und Krebserkrankungen von Überlebenden und Ersthelfern von 9/11 aufmerksam. Marcy Borders starb 2015 an Krebs, einer Spätfolge des Cocktails aus Staub, Asbest und giftigen Chemikalien, den sie am 11. September eingeatmet hat.

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