Der Nestroy-Preisträger Thomas Perle hat zum zweiten Mal ein brisantes Stück für den Griessner Stadl im beschaulichen Stadl an der Mur an der steirischen Grenze zu Salzburg geschrieben. Es handelt von (gescheiterter) Entnazifizierung. Vor der Premiere sprach der Dramatiker mit der „Krone“.
„Eigentlich wollte ich dieses Mal eine Komödie schreiben“, sagt Thomas Perle. Vor drei Jahren hat der erfolgreiche deutsche Dramatiker mit „Protestanten“ bereits ein Stück über ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Oberen Murtals für den Griessner Stadl geschrieben. Doch wirklich lustig ist auch das zweite Auftragswerk „Wegener“ letztlich nicht geworden.
Schuld daran ist Ferdinand Nagele, der den Griessner Stadl in Stadl an der Mur mit Anita Winkler leitet. „Er hatte die Idee, ein Stück über die Entnazifizierung zu machen. Und als die Idee erst mal da war, gab es kein Zurück mehr“, sagt Perle. Der Grund dafür ist durchaus persönlich. Perle ist in Nürnberg aufgewachsen, der Stadt der NS-Reichsparteitage, aber auch der Nürnberger Prozesse: „Die größten Naziverbrecher wurden hier bestraft, eine echte Entnazifizierung der Gesellschaft gab es aber nicht. Vieles hat sich weitergeschrieben, bis heute. Das hat mich interessiert.“
Also haben er und Nagele begonnen, in der Vergangenheit zu „wurln“ – ein Wort, das auch in seinem Stück oft vorkommt. Perle hat sich in die Entnazifizierungsakten der Region Murau vertieft: „Für viele war 1945 keine Befreiung, sondern ein Zusammenbruch. Die Ideologie verschwand nicht, sie versickerte.“ Schon österreichische Literaturgrößen wie Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek haben literarisch in diesen Versickerungen gegraben – und damit für Skandale gesorgt. „Aber man darf nie aufhören zu wurln“, sagt Perle. „Vor allem, weil es aktuell immer mehr Menschen und Parteien gibt, die diese Vergangenheit schön reden und wieder in Richtung Faschismus marschieren.“
Als Autor sieht Perle sich aber in einer besonderen Lage: „Mit Blick auf die Entwicklungen in der Welt und den Rückgang der Demokratie, fühlt man sich als Einzelner oft machtlos. Aber als Autor habe ich das Schreiben, das mir ermöglicht, aktiv zu werden.“
Mit „Wegener“ hat er eine spannende, poetisch verdichtete Familiengeschichte geschaffen. „Mir ist es wichtig, greifbare Figuren zu haben, in denen sich das Publikum wiedererkennen kann“, sagt er. Denn gerade im familiären Umfeld ist das Interesse an historischen Verflechtungen ja groß – auch wenn politisch die Stimmen immer lauter werden, die vom „braunen Dreck“ nichts mehr hören wollen: „Ich werde mit meinem Stück die Welt nicht verändern. Aber vielleicht kann ich ein paar Menschen dazu anregen, selbst zu wurln zu beginnen“, sagt Perle.
Am 5. 8. wird sein neues Stück im Griessner Stadl uraufgeführt.
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