Vor genau vier Jahren musste die ukrainische Stadt Mariupol vor den russischen Angreifern kapitulieren. Monatelang hatten die Verteidiger standgehalten – zum Ärger Wladimir Putins. Ihren Widerstand bezahlten gefangene ukrainische Soldaten mit Folter. Einer von ihnen, Yevhenii Malik, hat der „Krone“ davon erzählt.
Eine Woche vor der russischen Invasion am 24. Februar 2022 hatte Yevhenii Malik Urlaub, wollte eine Reise nach Ägypten machen. Daraus wurde nichts. Als aktiver Soldat der 36. Marinebrigade wurde er zu seiner Einheit zurückgerufen, die im Donbass-Gebiet lag. Nach wenigen Tagen Kampf zog sich die Brigade in die Stadt Mariupol zurück. Monatelang wurde die Stadt belagert, bis am 20. Mai Kiew die Kapitulation befahl.
„Das Schlimmste war, zu überleben“
Als Kriegsgefangener wurde Malik, die Hände mit Kabelbindern gefesselt, einen Sack über dem Kopf, mit dem Zug nach Russland gebracht. Zweieinhalb Jahre sollte er dort in Gefangenenlagern verbringen. „Das Schlimmste war, im russischen Gefängnis zu überleben“, sagt er. „Du fühlst Hunger, Kälte, Angst, Verzweiflung, Schmerz, alles zugleich. So fühlt sich Gefangenschaft in Russland an.“
Yevhenii Malik kam zunächst in die Haftanstalt Nr. 2 in Rjaschsk in der Oblast Rjasan. In dem Gebiet wohnt heute Österreichs Ex-Außenministerin Karin Kneissl. Später wurde er in die Strafkolonie Nr. 10 im Dorf Udarnyi in der Republik Mordwinien gebracht. Ein Gefängnis nur für Kriegsgefangene. Sein Schicksal teilte er dort mit rund 650 anderen Gefangenen, aufgeteilt auf vier Baracken: „In dem Gebiet, in dem ich war, gibt es elf Dörfer, und in diesen elf Dörfern gibt es 16 Gefängnisse. Wie ist das möglich? Was machen die da?“ Ganz Russland ist übersät mit solchen Strafkolonien, in ihnen leben Überreste des berüchtigten Gulag aus der Sowjetzeit fort.
Das Gefangenenlager im Gebiet Mordwinien ist auf Google Maps zu finden:
Prügel, „um Hallo zu sagen“
Schläge waren an der Tagesordnung: „In der Früh verprügelten sie die ganze Baracke, nur um Hallo zu sagen.“ Wer die Regeln brach, wurde erneut von den Wachen geschlagen. Die Gefangenen mussten von 6 in der Früh bis 22 Uhr stillstehen, durften weder herumgehen noch sich hinsetzen. Sprechen war ebenso verboten. Auch ein Blick aus dem Fenster oder ein Lächeln wurde bestraft. Auf die Toilette gehen oder Trinken war nur auf Befehl erlaubt.
So standen Malik und seine Mitgefangenen – zehn Menschen auf 20 Quadratmetern – in ihrer videoüberwachten Zelle. Ein Wachoffizier kontrollierte mithilfe von Monitoren die Gefangenen. „Wenn jemand die Regeln brach, rief er die Wachen. Dann kamen sie mit Schlagstöcken, Elektroschockern und Hunden. Wir wurden auf den Korridor geführt und die Schläge begannen.“
Nicht alle Wachen waren gleich schlimm, erzählt der ukrainische Veteran. Etwa jeder fünfte Wärter stellte die systematischen Prügel infrage, schätzt er. Er und seine Mitgefangenen hörten manche davon reden, dass es ihnen zuwider war, die Gefangenen zu schlagen, und sie nicht wussten, warum sie es tun sollten. „Weitere 20 Prozent waren wie verrückt danach. Die hätten gar kein Gehalt gebraucht, nur die Erlaubnis, zu foltern“, so Malik.
Wärter „fingen als normale Leute an“
Die übrigen 60 Prozent sahen das einfach als ihren Job an und redeten sich darauf hinaus, einfach nur Befehle auszuführen. „Sie fingen als normale Leute an, aber am Ende des ersten Monats hatten sie Blut geleckt. Dann waren sie schlimmer als die 20 Prozent Sadisten“, schildert der Ex-Soldat. Immer wieder wurden die Wärter ausgetauscht, um zu verhindern, dass sie mit den ukrainischen Kriegsgefangenen kooperierten oder gar eine Freundschaft entwickelten.
Folter hat System
Um wenigstens irgendwas zu tun, hätte Yevhenii Malik gerne gearbeitet. Das war den ukrainischen Kriegsgefangenen aber nicht erlaubt. Mit ihnen hatte Russland etwas anderes vor. Denn die Folter hatte System, die Befehle dafür kamen direkt aus Moskau. Von den Kriegsgefangenen sollten Geständnisse erpresst werden, die die Propaganda des Kreml von den ukrainischen Soldaten als Kriegsverbrechern bestätigen.
„Über einen Monat lang haben sie Mariupol mit Kampfjets und Artillerie bombardiert und enorm viele Zivilisten getötet. Aber uns wollten sie als Kriegsverbrecher hinstellen“, so der 33-Jährige. Aus Mangel an echten Beweisen für ukrainische Kriegsverbrechen sollten Gefangene wie Malik selbst zugeben, Gräueltaten begangen zu haben, und entsprechende Dokumente unterschreiben. Erreicht werden sollte das mit Folter.
Waterboarding und Stromstöße
„Was im Befragungsraum passiert, kann man nicht mit den täglichen Schlägen auf dem Barackenkorridor vergleichen“, sagt Malik. „Sie nennen es Spiele. Sie stecken dir einen Sack über den Kopf, überschütten dein Gesicht mit Wasser, sodass du fast ertrinkst. Sie stecken dir Nadeln unter die Fingernägel und fügen dir Elektrostöße zu: in die Ohren, in die Hoden, auf die Finger.“ Einen Freund von Malik folterten sie mehr als sechs Monate lang. Er hatte Löcher im Rücken, weil ihm die Elektrostöße das Fleisch herausbrannten.
Nach mehr als 100 Schlägen schreist du nicht mehr.
Der ukrainische Kriegsveteran über die russische Folter
Alles erzählt Malik nicht von seiner Zeit im russischen Lager. Nicht einmal seinen Eltern hat er alles berichtet. Als am schlimmsten schildert er die Schläge mit Plastikrohren. „Sie schlagen so fest. Nach mehr als 100 Schlägen schreist du nicht mehr. Der Schmerz ist so groß, dass du nichts mehr fühlst.“ Aussagen wie Maliks hat Human Rights Watch dutzendfach dokumentiert. Die Menschenrechtsorganisation spricht von systematischer Folter von ukrainischen Kriegsgefangenen. Es ist ein eklatanter Verstoß gegen die Genfer Konvention.
„Sie wollen dich brechen“
Letztendlich unterschrieb Malik das Dokument. „Du hast keine andere Möglichkeit, weil der Schmerz so unglaublich groß ist. Sie wollen dich nicht töten, sie wollen dich brechen.“ Danach hörten die Befragungen auf. Malik sollte in ein anderes Gefängnis transferiert werden und dort für Jahrzehnte verschwinden. Denn andere ukrainische Kriegsgefangene wurden ausgetauscht, nicht aber die Verteidiger von Mariupol, wie Kämpfer des Asow-Regiments und der 36. Marinebrigade, zu der Malik gehörte. „Sie hassten uns so sehr, weil wir ihre Pläne vereitelt hatten“, erzählt er. Während der Gefangenschaft wurde ihm und seinen Leidensgenossen aber gesagt, dass die ukrainische Regierung sie vergessen hätte.
Unverhoffte Freiheit
Seine Freiheit verdankt Malik der ukrainischen Gegenoffensive in Kursk. Im August 2024 drang sie mit Bodentruppen in die russische Region. Die Grenze wurde von russischen Wehrpflichtigen bewacht, mehr als 400 von ihnen wurden von ukrainischen Truppen gefangen genommen. Das stellte Russlands Machthaber Wladimir Putin vor ein Problem: Denn er hatte versprochen, dass Wehrdiener – oft junge Burschen im Alter von 18 oder 19 Jahren – nicht am Krieg gegen die Ukraine teilnehmen. „Er hatte Angst vor den russischen Müttern. Russland fragte also praktisch sofort um einen Austausch an“, erzählt der ukrainische Veteran. Kiew tauschte die russischen Wehrdiener gegen die Verteidiger von Mariupol. Rund einen Monat nach Beginn der Operation in Kursk kam Malik nach Hause.
Nach seiner Rückkehr kam der heute 33-Jährige direkt ins Krankenhaus, um sich von den Verletzungen und Traumata der Folter zu erholen. Für sechs Monate blieb er auf Reha. Malik kam noch glimpflich davon. „Einem Soldaten aus meiner Brigade haben sie bei den Schlägen mit den Plastikrohren das Knie gebrochen. Erst nach seiner Rückkehr wurde er operiert. Er bleibt teilweise behindert.“
Veteran bringt Resilienz bei
Seit vergangenem Jahr arbeitet Yevhenii Malik an der Kyiv School of Economics und leitet dort Programme für Nationale Sicherheit und Verteidigung. Er nutzt seine Erfahrungen, um jungen Menschen Resilienz und mentale Stärke angesichts des zermürbenden Krieges beizubringen. In den von Malik entwickelten Kursen vermitteln Veteranen jungen Studenten und Studentinnen grundlegende Kenntnisse, die man in Kriegszeiten braucht. Pionierwesen, Topografie, medizinische Grundkenntnisse oder auch der Umgang mit Drohnen gehören zum Lehrplan. Unter-25-Jährige müssen noch nicht zur Armee, aber sie sollen vorbereitet sein. „Wir ermöglichen ihnen, die Realität durch die Augen von Soldaten zu sehen.“
Ankämpfen gegen die Propaganda
Malik reist auch viel durch Europa und die USA und erzählt von der systematischen Folter Russlands. „Ich habe versucht, gegen die russische Propaganda anzukämpfen, die in eurer Gesellschaft leider sehr verbreitet ist“, sagt er auch mit Blick auf Österreich. Immer wieder wird gefragt, wie lange die Ukraine durchhalten kann. Er ist die Frage satt. Die Ukraine habe keine andere Wahl, als weiterzukämpfen, sagt Malik. Denn er weiß nur zu gut, was die Alternative ist. „Russland sagt, dass wir Ukrainer Nazis sind. Dafür müssen sie Beweise vorlegen. Weil sie die nicht haben, müssen sie die Nazis in russischen Gefängnissen erschaffen. Das ist die Realität, mit der die Ukrainer konfrontiert sein werden, falls unsere Armee verliert.“
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