Streit um Rechenkraft

„KI-Gigantomanie“: Zweifel an der Strategie der EU

Digital
09.05.2026 12:28
Porträt von krone.at
Von krone.at

Bei künstlicher Intelligenz (KI) will die Europäische Union klotzen statt kleckern: Um den Entwicklungsrückstand zu den USA und China aufzuholen und sich technologisch unabhängiger zu machen, will sie 200 Milliarden Euro mobilisieren. Das Geld soll unter anderem in fünf sogenannte KI-Gigafactories fließen. Die deutsche Bundesregierung möchte mindestens eine davon in Deutschland ansiedeln.

Inzwischen wachsen aber Zweifel, ob der Bau dieser besonders leistungsfähigen und kostspieligen Rechenzentren sinnvoll ist. „Ich bin kein Freund dieser Gigantomanie“, sagt Andreas Weiss, Geschäftsführer des Internetverbands Eco. „Wir brauchen zwar dringend KI-Rechenkapazitäten, aber die Diskussion um fünf Gigafactories mit Hunderttausenden Prozessoren halte ich für nicht zielführend.“ Er halte es für sinnvoller, mit kleineren Rechenzentren zu beginnen, die abhängig von der Nachfrage ausgebaut werden können.

Denn genau daran hapert es oft – an verbindlichen Buchungen von Rechenkapazität, wie europäische Cloud-Anbieter beklagen. Ohne diese sind milliardenschwere Investitionen in eine Gigafactory ein großes Risiko. Schließlich schlägt ein einziger KI-Hochleistungsprozessor mit mehreren Zehntausend Dollar zu Buche. In Deutschland kommen die vergleichsweise hohen Energiepreise als Hürde hinzu, die von der EU nicht bezuschusst werden.

Größer, schneller, leistungshungriger
Unter Gigafactories verstehen Experten besonders leistungsstarke KI-Rechenzentren mit 100.000 Spezialprozessoren (GPUs) oder mehr. Der geplante Serverpark der Schwarz-Gruppe im brandenburgischen Lübbenau spielt in dieser Liga. In der bisher größten Anlage der Deutschen Telekom in München sind 10.000 Chips des Weltmarktführers Nvidia im Einsatz. Dem Digitalverband Bitkom zufolge gab es 2025 in Deutschland rund 2000 Rechenzentren, die zusammengerechnet knapp drei Gigawatt Strom verbrauchten. Bis 2030 soll sich dieser Wert um zwei Drittel auf fünf Gigawatt erhöhen. Das entspricht der Leistung von vier bis fünf Atomkraftwerken. In den USA und China sind bereits heute Rechenzentren mit einem Vielfachen dieser Leistungsaufnahme in Betrieb.

Für eine mögliche Gigafactory in Deutschland stehen mehrere potenzielle Anbieter in den Startlöchern und warten auf die EU, die immer noch an der Ausschreibung und den Bedingungen für eine Förderung arbeitet. Einen Termin für die Veröffentlichung der Vorgaben kann die Kommission bisher nicht nennen. Die Niederlande haben sich jedoch bereits von der Idee eines solchen Riesen-Rechenzentrums verabschiedet: „Die Regierung hat sich für eine flexible Weiterentwicklung der KI-Infrastruktur entschieden, die mit der Marktnachfrage wächst“, hieß es Ende März in einem Schreiben an das Parlament. Die deutsche Bundesregierung hält an ihren Plänen fest und hat im Haushalt bereits Geld für eine Gigafactory eingeplant, wie das Forschungsministerium betont. Sie will zudem eine Mindestauslastung garantieren. Details nennt sie bis dato jedoch nicht.

Vielleicht droht der KI-Initiative der EU ein ähnliches Schicksal wie dem „Chips Act“: Mit diesem will die Kommission die Ansiedlung von Fabriken für die Produktion hochmoderner Halbleiter in Europa fördern. Doch nach großen Ankündigungen verläuft die Initiative im Sande: Der US-Konzern Intel zog seine Pläne für den Bau einer „Megafab“ in Magdeburg zurück. Auch das Vorhaben des US-Konzerns Wolfspeed für ein Chipwerk im Saarland platzte. Das Ziel des „Chips Act“, den Weltmarktanteil bei Halbleitern aus europäischer Produktion bis 2030 auf 20 Prozent zu verdoppeln, gilt als unerreichbar.

Ja zur digitalen Souveränität, aber nur ein bisschen
Die Politik begründet die Gigafactory-Pläne mit der Notwendigkeit einer größeren technologischen Unabhängigkeit vor allem von den USA. Damit ist es bei den Clouddiensten nicht weit her: Die sogenannten Hyperscaler Amazon Web Services (AWS), Google und Microsoft beherrschen etwa 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes. „Ihre Führungsposition basiert auf der Qualität des Angebots und ihres Entwicklungsvorsprungs“, erläutert Analyst Rene Buest von der Beratungsfirma Gartner. Zudem könnten sie weltweit agierenden Kunden Rechenzentren in sämtlichen Regionen anbieten. Dem französischen IT-Verband Cigref zufolge zahlen europäische Nutzerinnen und Nutzer jährlich etwa 285 Milliarden Euro an Cloud- und Firmensoftware-Anbieter aus den USA. Dies seien etwa 80 Prozent der Gesamtausgaben.

Die deutsche Bundesregierung will laut ihrer Rechenzentrumsstrategie nun Genehmigungsverfahren beschleunigen sowie wettbewerbsfähige Strompreise sicherstellen, um so die Kosten zu senken. Doch die Branche pocht vor allem auf verbindliche Zusagen, damit sich die milliardenschweren Investitionen in eine Gigafactory rechnen. „Die europäischen Staaten oder die EU-Kommission müssten die größten Kunden sein“, fordert Gartner-Analyst Buest. Das Vorbild seien die USA, die strategische Verträge mit den dortigen Betreibern geschlossen hätten.

Der Grund für die Zurückhaltung sei aber nicht mangelnder Wille, betont Bastian Koller, der Geschäftsführer des Höchstleistungsrechenzentrums der Universität Stuttgart. Sowohl staatliche Institutionen als auch Unternehmen hätten einfach Schwierigkeiten, ihren künftigen Bedarf an Rechenkapazitäten abzuschätzen. Sie seien vollauf damit beschäftigt, mit der sich schnell entwickelnden Technologie Schritt zu halten. „Weil der KI-Boom so rasant kam, passen sie aktuell ihre Geschäftsmodelle an und die Technologien selbst befinden sich noch im Wandel.“

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