MINI reloaded

Der neue MINI: "Not normal" vs. berufsjugendlich

Motor
16.02.2014 21:14
BMW hat den MINI neu auf die Räder gestellt und macht damit den Urenkel des britischen Kultautos zum Stammvater für mehr als eine Generation. Auf der Plattform des neuen gar nicht mehr so Kleinen baut auch BMWs 2er Active Tourer auf, wie auch der Nachfolger der 1er-Reihe. Da ist es nicht erstaunlich, dass der Mini ein Stück erwachsener geworden ist. Oder soll man sagen angepasst?
(Bild: kmm)

Zunächst muss man schon zweimal hinschauen, um sicher zu sein, dass es sich um den neuen handelt, geschickt haben die Designer alle Erkennungsmerkmale an-, ein- und umgebaut. Dabei ist er fast eine halbe Klasse gewachsen: 3,82 Meter Länge sind 10 Zentimeter mehr als bisher, außerdem ist er gut vier Zentimeter breiter und etwas höher geworden. Der Kofferraum fasst nun 211 Liter (+51).

Das Wachstum bemerkt man im direkten Vergleich oder gleich beim Einsteigen: So weit war die Windschutzscheibe noch in keinem Mini weg, der Innenspiegel schwebt gefühlt über der Motorhaube. Das Raumgefühl ist eher wie im Countryman als wie in einem normalen Mini, so weit, wie auch der Dachhimmel entfernt ist. Ich kann zwar den Sitz höherstellen, dann habe ich aber den Spiegel zu sehr im Blickfeld. Apropos Sitze: Da ist ein Quantensprung gelungen, bequem, groß genug und auf Wunsch sogar mit verlängerbarer Oberschenkelauflage à la BMW.

Die Legende der Suppenschüssel
Dass der Mini erwachsen werden sollte, merkt man auch an anderen Stellen. So befindet sich der Analogtacho nicht mehr in der berühmten Suppenschüssel in der Mitte, sondern hinter dem Lenkrad, mit seitlich angegossenem Drehzahlmesser. Die Schüssel gibt es nur noch als Stilelement mit umlaufenden bunten Lichtern, die spielerisch das Einstellen der Heizungstemperatur, der Lautstärke oder des Fahrmodus begleiten. Die typischen MINI-Kippschalter sind noch da, allerdings ohne die Fensterheber. Die stecken jetzt - wie in jedem anderen Kleinwagen auch - in der Tür. Stattdessen fällt in der Schalterkonsole jetzt ein frecher, roter und rot beleuchteter Start-Stopp-Hebel auf.

Der gewohnte, ausgesprochen praktische kleine Controller-Gnubbel für das Bord-Infotainment ist einem BMW-iDrive-Controller gewichen (auch wenn man Wert darauf legt, dass das Ding "MINI-Controller" heißt). Der fungiert optional auch als Touchpad, auf dem man mit dem Finger schreiben kann, um etwa eine Adresse ins Navi einzugeben. Eigentlich extrem praktisch, allerdings ist diese Einheit ursprünglich für BMWs konstruiert worden, wo die Hand ganz locker auf dem Controller liegt. Im Mini ist die Bedienung dagegen richtig mühsam, weil man sich dank der Armlehne die Hand verrenkt. Die Armlehne nach hinten zu klappen, macht es auch nicht besser, weil sie dann meinen Ellbogen blockiert, sodass sich der Controller unter meinem Handgelenk statt in der Hand befindet - wegen der Länge meines Unterarms. Das hat wohl nie jemand ausprobiert, bevor es freigegeben wurde.

Die Materialien im Innenraum wirken teilweise wertiger als früher, abgesehen vom Kunststoff des Handschuhfachs, der so gar nicht zum Rest passen will. Das andere Extrem sind optionale matte, offenporige Holzeinlagen, die wirken wie aus einem 5er-BMW. Ein echter Gewinn sind die neuen Bedienknöpfe im Multifunktionslenkrad.

Hightech für den Mini
Erstmals gibt es ein Head-up-Display für den Mini, das allerdings mit einer ausklappbaren Kunststoffscheibe arbeitet. Auch ansonsten gibt es eine Menge Hightech, vom automatischen Notruf mit fest installierter SIM-Karte über kamerabasierte aktive Geschwindigkeitsregelung, Verkehrszeichenerkennung, LED-Scheinwerfer, Parkroboter, Auffahr- und Personenwarnung bis hin zu den Mini-Connected-Schmankerln mit Webradio und Smartphone-Integration.

Vom Fahren her immer noch ein Mini
Die ganz große Frage ist natürlich: Fährt sich der Mini noch immer wie ein Mini? So groß, wie er ist, mit auf 2,50 Meter gewachsenem Radstand und den Zugeständnissen ans Erwachsenwerden? Ja, er ist noch immer das Go-Kart mit Karosserie, auch wenn die freche, unverblümte Härte gedämpft wurde. Der Neue läuft besser geradeaus, die Lenkung ist eine Spur weniger direkt, das Fahrwerk reagiert weniger giftig und bei plötzlichen Problemen mit der Bodenhaftung hat man eine Idee mehr Zeit zu reagieren. Auch einen Cooper S kann man jetzt auf langen Strecken fahren, ohne dass er irgendwann zu nerven beginnt.

Das ist übrigens auch die Motorversion, die ich (natürlich) favorisiere. 192 PS liefert der Zweiliter-Vierzylinder unter der Haube jetzt, bei 1.250/min. bis zu 280 Nm (Overboost). Wer fleißig schaltet, soll Tempo 100 in 6,8 Sekunden erreichen, Vmax. 235 km/h. Alle Achtung. Dazu noch die adaptiven Dämpfer, der Gipfel der Seligkeit ist nahe. Wenn, ja wenn es die Entwickler nicht etwas zu gut gemeint hätten. Im Sport-Modus klingt der Motor zwar richtig schön mit Gebrabbel und so, aber es irritiert mich, dass er beim Runterschalten selbsttätig Zwischengas gibt. Da fühle ich mich ein wenig wie ein Beifahrer am Fahrerplatz. Und ich bin nicht gern Beifahrer.

Alle anderen Mini-Motoren sind 1,5-Liter-Dreizylinder, zwei Diesel mit 95 und 116 PS sowie zwei Benziner mit 102 und 136 PS. Letzteren hatte ich auch die Gelegenheit zu fahren. Ein braves Triebwerk, das mit 220 Nm bei 1.250/min. glänzt und den Stammtischsprint in 7,9 Sekunden ermöglichen soll. Man spürt also mehr vom Motor, als dass man ihn hört, denn das Raue des Dreizylinders hat man ihm schlicht bis zur Unkenntlichkeit weggedämmt. Nebenwirkung: Man muss manchmal nachschauen, welchen Gang man gerade eingelegt hat.

Was den Verbrauch betrifft, haben sie ihre Hausaufgaben gemacht: 3,5 l/100 km ist der Normverbrauch des 116-PS-Diesels, 4,5 nimmt sich der Cooper (136 PS), und auch der Cooper S ist mit 5,7 Liter kein Schluckspecht.

"Not normal" vs. berufsjugendlich
Ich fahre generell gern MINI, deshalb hätte er für mich nicht erwachsen werden müssen. Aber wer den Mini weiterentwickeln soll, ist auch nicht zu beneiden. Auf der einen Seite soll das Fahrzeug anders sein als die anderen, "not normal", wie es die Marketing-Strategen nennen. Jugendlich, spritzig, frech, aneckend. Andererseits nagt die gebetsmühlenartige Kritik am unablesbaren Tacho in der Mittelkonsole, den Fensterheberhebelchen ebendort, dem harten Fahrwerk etc. Da ist die Spannung zwischen Nischen-und Massen-Produkt, zwischen Andersartigkeit und Massentauglichkeit, zwischen Charakter und Konzessionen.

BMW hat versucht, alles zusammenzubringen. Ob es ihnen gelungen ist, werden die Verkaufszahlen zeigen. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das runde Mittelelement ohne Tachofunktion den gleichen Designwert hat wie eine Türklinke in der Wand – ohne Tür. Und Fensterheber in der Tür sind im Fall des Mini nicht erwachsen, sondern angepasst. Bunte Lichter hier, Jugendsprache im Prospekt dort, ein Live-Rap mit erstklassiger Dance-Performance bei der Präsentation – der Grat zwischen "not normal" und berufsjugendlich ist schmal.

Ab 15. März ist der neue Mini in Österreich zu haben. Die Preisliste beginnt bei 17.990 Euro für den MINI One mit 102 PS starkem Dreizylinder-Benziner. Der Cooper kostet ab 20.190 Euro, der Cooper S 25.740 Euro.

Warum?

  • Weil er immer noch eine Klasse für sich ist, was Fahrverhalten, Style und Motoren betrifft
  • Mehr Platz als früher

Warum nicht?

  • Über Geschmack lässt sich nicht streiten
  • Gut gemeinter, aber schlecht umgesetzter MINI-Controller

Oder vielleicht…

… bis Frühjahr 2015 warten: Da kommt der John Cooper Works. Im Herbst schon das Cabrio.

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(Bild: kmm)



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