Lebe lieber Luxus

Range Rover Autobiography: Keiner für alle

Motor
30.04.2013 22:30
Es braucht schon eine Sackgasse, um den neuen Range Rover aufzuhalten. Ansonsten kommt er weiter als so ziemlich alle anderen: Im Gelände hängt er sogar den Defender ab, in der Stilwertung ist er auch ganz weit vorn und in der Größe nimmt er es mit einem Einfamilienhaus auf. Dabei ist er nicht einmal wirklich perfekt…

"Du Oa*****ch!" Selten habe ich diesen deftigen Ausspruch so klar als Anerkennung aufgefasst wie diesmal, als morgens beim Parken hinter der "Krone" in der Muthgasse ein Kollege nur darauf wartet, bis ich die Tür – nein, das Portal öffne. Allerdings gilt die Anerkennung nicht mir, sondern dem Range Rover in einem edlen Metallic-Farbton, den sonst nur Champagner zustande bringt.

Schon der Name der Ausstattungsvariante hat Stil: Autobiography. Das drückt Gelassenheit aus, da hat jemand was erreicht, kann auf sein Lebenswerk zurückblicken. Und vom Fahrersitz aus ganz weit hinunter und ganz weit voraus, während der lederne Fauteuille ihm nach allen Regeln der Kunst den Rücken massiert.

Niveau ist ein wichtiger Punkt in einem Fahrzeug wie diesem. Zum einen braucht man es persönlich in durchaus ausgeprägter Weise, um sich für den Range Rover zu entscheiden (ja, auch auf dem Konto), zum anderen kann man es auf zweierlei Arten beeinflussen: einerseits mit der Luftfederung, die den Aufbau relativ weit zwischen Himmel und Erde bewegt, je nachdem ob man sich beim Einsteigen unterstützen lassen möchte oder gerade einen Berg über- oder einen Fluss (bis 90 cm Tiefe) durchquert. Andererseits mit der Auswahl des TV-Programms, dem sich die Beifahrerin widmen kann (TV- oder DVD-Bild-Anzeige für den Fahrer nur im Stand sichtbar), während der Fahrer gleichzeitig auf demselben Mitteldisplay im Split-View-Modus auf dem Navi die Lage checkt. Schade, dass Selbiges vor allem grafisch nicht auf der Höhe der Zeit ist.

Gemacht für unendliche Weiten
Dabei ist die große Reise, gerne mit viel Gepäck, eine Domäne des Range Rover. Zum edlen Interieur passt natürlich am besten feinstes Leder in Form von Taschen und Koffern. Beinahe dekadent: Die Rücksitzbank legt sich auf Knopfdruck elektrisch flach. Nur die Skidurchreiche ist per Hand zu öffnen, dafür ist sie groß genug, um Snowboard und Ski gemeinsam zu schlucken. Elektrisch bewegt sich auch die zweigeteilte Heckklappe, ein Teil nach oben, nach unten das andere. Auf dem unteren kann man wunderbar sitzen und den Sonnenuntergang betrachten – oder sich profan die Skischuhe anziehen.

Die Reise an sich geht selten so entspannt vonstatten wie hier. Herrlich bequeme Sitze, der Kopf ruht an einer superweichen Lederkopfstütze. Hätte mich nicht gewundert, wenn sie Kopfmassage beherrschte. Man gleitet dank Luftfederung selbst über schlechteste Straßen nur so dahin. Alles, inklusive Fahrwerk sorgt dafür, dass einen nicht einmal der Hafer sticht. Gedanken an ein kleines Bergrennen kommen in dem 2,3 Tonnen schweren Groß-Briten gar nicht erst auf.

Auch die Augen gleiten, nämlich über elegant-schlichte Flächen, bewusst reduzierte Bedienelemente. Ein versenkter Drehknopf für das Terrain-Response-System, das den Antrieb je nach Untergrund perfektioniert, ein weiterer für die Achtgangautomatik, ein paar Knöpfchen. Der Rest wird per Touchscreen gesteuert oder über edle Glasfelder neben dem Display. Edel ist das, aber nicht wirklich praktisch. Da wünsche ich mir ein Bediensystem mit einem Drehdrücksteller, der gut zur Hand liegt. Gerne auch Touchscreen, aber bitte zusätzlich.

Ein Genuss dagegen ist der V8-Dieselmotor des Testwagens. Leise, mächtig, kraftvoll. Im Detail, 339 PS aus 4,4 Litern, 700 Nm ab 1.750 Nm. Der Sprint auf 100 km/h ist zwar nicht stilvoll, aber möglich, und zwar in 6,9 Sekunden. Auch über den Testverbrauch von 10,8 l/100 km kann man eigentlich nicht wirklich meckern. Reicht für knapp 1.000 km.

Der Range Rover ist so ein monumentales Gesamtkunstwerk, in Dekadenz schön und in Eleganz groß, dass sein Schatten den einen oder anderen Wunsch in Sachen Bedienung unwichtig erscheinen lässt. Schön, wenn dereinst in der Autobiografie steht: "Ich habe über 150.000 Euro in einen Range Rover investiert – und musste dafür nicht meinen Landsitz verkaufen."

Warum?

Weil er als Gesamterscheinung ziemlich einzigartig ist.

Warum nicht?

Es braucht schon ein wenig Platz in der Garage.

Oder vielleicht …

… Range Rover Sport, zwei Mercedes ML 250 CDI

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