Blasphemie?

VW Golf: Ja, auch der Klassenbeste hat Schwächen!

Motor
27.01.2013 18:36
Der neue VW Golf ist das Gegenteil eines Blenders. Äußerlich fällt erst auf den zweiten Blick auf, dass es sich um Generation 7 handelt, hinter der Fassade ist aber alles neu (Stichwort MQB). Vollmundig proklamiert Volkswagen "Das Auto", und tatsächlich ist auch der neue Golf wieder so etwas wie der Urmeter zumindest der Kompaktklasse. Doch bei Musterschülern schaut man genauer hin, und auch der Klassenprimus hat Schwächen.

Es gibt wohl kein so unauffälliges Auto, das derart polarisiert. In den Internetforen, auch auf unserer Facebook-Seite, lamentieren User über das "fade" Golf-Design. Trotzdem ist das keine Schwäche des Wolfsburgers, im Gegenteil. Dieses Beständige macht ein Gutteil des soliden Images aus, und auch die Zulassungszahlen werden wohl wieder belegen, dass gerade diese "Evolution statt Revolution"-Einstellung der Designer die richtige ist. Sein Name stammt vom Golfstrom, und auch der fließt ziemlich beständig. Sollte er das irgendwann nicht mehr tun, hat die Welt ein Problem. So wie VW, sollte irgendeine Golf-Generation floppen.

Trend-Testwagen: Viel Ausstattung, nicht so viel PS
Aber wollen wir mal nicht den Teufel an die Wand malen, sondern uns dem Testwagen widmen, einem VW Golf in der Topvariante Sky plus Extras und dem bewährten 105-PS-TDI. Bei 32.960 Euro Kaufpreis für einen nicht gerade übermotorisierten Golf schluckt man erst mal, aber er kommt mit so netten Dingen wie Doppelkupplungsgetriebe, Glaspanoramadach und Super-Navitainment. Oberklasse-Schmankerl wie Radartempomat und adaptives Fahrwerk sind verfügbar, aber hier nicht an Bord. Preislich ist also noch Luft nach oben, aber auch nach unten: Der billigste viertürige Golf kostet 19.120 Euro.

Im Testgolf fühle ich mich zu keinem Zeitpunkt untermotorisiert, sondern souverän bewegt (0-100=10,7). Man merkt, dass der neue Golf bis zu 100 kg leichter ist als der alte. Der TDI ist sauber gedämmt, überhaupt geht es wirklich ruhig zu im Innenraum, bis auf ein surrendes Geräusch, wenn man Gas gibt (vielleicht eine laute Spritpumpe?) und das vernehmliche Klackern beim Betätigen der Xenon-Lichthupe. Das Siebengang-DSG vermittelt nicht nur ideal zwischen Antrieb und Vorderrädern, sondern macht jetzt auch optisch was her: Endlich sieht der DSG-Schalthebel nicht mehr aus wie ein Automatikwählhebel aus den 70ern! Die Verbrauchsanzeige des Bordcomputers stagnierte bald bei 6,3 l/100 km, was doch deutlich über der Normangabe von 3,9 l/100 km liegt, die wiederum auch keinen Bestwert im Segment darstellt.

Der Golf fährt sich, wie sich ein Golf fahren muss, da eckt nichts an. Am tendenziell leicht untersteuernden Fahrverhalten gibt es nichts zu bemängeln, außer dass die stärkeren Motorisierungen dank der dort verbauten aufwendigeren, elf Kilo schwereren Hinterachse noch besser liegen dürften. Aber der Kompromiss zwischen Komfort und Präzision passt hier gut, sportlichere Gemüter können zum Bruder Seat Leon greifen. Einzig die giftige Bremse bedarf der Gewöhnung, und nach dem Ampelstopp braucht mir das Start-Stopp-System zu lang.

Unemotional im Auge, bestechend im Gefühl
Die Zeiten der vorherrschenden Nüchternheit im Innenraum sind vorbei. Beim Einsteigen bekomme ich zwar noch immer nicht Herzklopfen vor Begeisterung, fühle mich aber viel wohler als früher und deutlich besser aufgehoben als in den meisten Konkurrenten. Das Auge wird nicht von Design-Spielereien überfordert, sondern kann sich ausruhen. Man muss schon sehr genau hinschauen, um die eine oder andere Spur des Rotstifts zu erkennen. Die Bedienung des Golf ist wie Schuhbänder zubinden, es geht fast alles (zum "fast" komme ich gleich noch) ganz automatisch, ohne nachzudenken. Alles fasst sich hochwertig an, alles klackt, wie es soll, die Haptik ist vorbildlich, und auch die Türen fallen so satt ins Schloss, wie das in der Kompaktklasse nicht immer üblich ist.

"Supertainment" mit Detail-Hoppalas
Eine Menge Stückln spielt das knapp 1.900 Euro teure Navitainment "Discover Pro" mit dem ebenso hochwertigen wie riesigen Touchscreen-Display. Es ist näherungssensitiv, blendet Bedienfelder also erst ein, wenn sich die Hand darauf zubewegt. Die Grafik ist großartig, ich finde mich auch gut zurecht, und den Radiostationen kann man die passenden Logos zuordnen (wenn man sie vorher zu Hause am Computer runterlädt und auf SD speichert). Im Detail sollte man bei VW aber noch ein bisschen nachdenken: Warum fehlt z.B. eine Stumm-Taste? Drückt man den Off-Knopf, schaltet sich alles ab, auch das Display. Die Navi-Stimme lässt sich nur im Menü abschalten, aber selbst dann wird jedes Mal sinnlos die Musik runtergeregelt, wenn eine Ansage kommt. Ganz leise ist dann sogar die "abgeschaltete" Ansage zu hören. Und auch Musik ist bei Volume-Pegel 0 leise zischelnd zu hören.

Für mich unverständlich ist auch die neue Mode, dass sich der CD-Slot im Handschuhfach befindet - im Gegensatz zum Audi A3 aber wenigstens im Blickfeld des Fahrers. Eine USB-Buchse gibt es gar nicht; immerhin sind da zwei SD-Karten-Slots in der Mittelkonsole, und dann gibt es ja noch das VW-eigene Multimediakabel. Und natürlich die Smartphone-Verbindung via Bluetooth. Beim Abschalten des Motors erinnert das Display sogar "Mobiltelefon nicht vergessen". Sehr nett.

Gut gemeint ist das schöne, aber überladene Multifunktionslenkrad - gut gemacht wäre mir allerdings lieber. Es bedarf einiger Gewöhnungszeit, bis man sich hier zurechtfindet. Vor allem der Tempomat ließe sich durchaus logischer lösen. Dafür glänzt der Bordcomputer mit angenehmen Funktionen, etwa mit einer Vielzahl an Verbrauchsanzeigen: Ab Tanken, ab Start, ab Reset oder aktuell lässt sich easy abrufen.

Ganz schön viel Platz
Zu den größten der Klasse zählt jetzt der Kofferraum mit seinen 380 Liter Fassungsvermögen (allerdings ohne doppelten Boden und Hutablage, die sich übrigens unter jenem verstauen lässt). Das Umklappen der Rücksitzlehnen vollzieht sich leicht, man sollte sie aber nicht zu schwungvoll aufrichten, weil sonst die Hutablage fliegt. Maximal lassen sich 1.270 Liter unterbringen, der Ladeboden ist aber nicht eben.

Nicht nur das Gepäck, auch die Passagiere wohnen uneingeengt, und das vorne wie hinten. Für den alltäglichen Krimskrams ist auch Platz genug, ebenso für 1,5-Liter-PETs.

Unterm Strich
Es bleibt dabei: Am Golf müssen sich die Konkurrenten messen. In den Golf einsteigen ist wie heimkommen. Es gibt sicher Autos, die Einzelheiten besser können als er, billiger sind, schicker ausschauen, mehr Platz haben oder variabler sind etc., aber in Summe kommt wohl kaum einer wirklich an ihn heran. Alles andere ist Geschmackssache, denn wirklich schlechte Autos wird man in der Kompaktklasse schwerlich finden. Ein Golf ist wie der schwarze Rollkragenpullover bei Architekten, wie ein Tempotaschentuch, wie Tixo, wie Niveacreme, frei von jeder Mode, noch immer klassenlos und ohne Aussage über seinen Besitzer. Und doch zeigt sich im Alltag, dass auch VW nur mit Wasser kocht – und der Golfstrom nicht nach dem Wolfsburger benannt ist, sondern umgekehrt.

Warum?

  • Das Design ist auch in zehn Jahren noch zeitgemäß, ohne zu nerven
  • Bestechende Haptik, solide, aufgeräumte Optik

Warum nicht?

  • Schwächen am eigentlich tollen Navitainment

Oder vielleicht …

… Ford Focus, Hyundai i30, Kia Cee'd, Seat Leon und die anderen Kompakten

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