Die Neue B-Klasse

B-Klasse: Gereift, geschärft und eine kleine Revolution

Motor
14.10.2011 13:22
Mercedes-Benz hat die B-Klasse grundlegend erneuert und dabei sogar das Grundkonzept ad acta gelegt. Das Design ist geradezu revolutionär, das Fahrwerk je nach Wunsch sehr komfortabel oder richtig sportlich, die Ausstattung vom Feinsten, die Aerodynamik beeindruckend und in Sachen Sicherheit will die B-Klasse einen neuen Trend auslösen. Als einziger Minivan im Premiumsegment ist sie auch für die Konkurrenzhersteller ernst zu nehmen.

So, wie sie sich anfühlt, ausschaut und fährt, spricht die neue B-Klasse nicht nur konservative Käuferschichten an, sondern kann auch solche hinter dem Ofen vorlocken, die etwa bei BMW oder Audi einen Familien-Van vermissen. Mit der neuen B-Klasse will Mercedes das Senioren-Image des Minivans ablegen – und das weitgehend mit Erfolg. Zwar ist das Heck auch bei der Neuauflage nicht gerade prickelnd, ansonsten ist der Wagen aber schnittig, angesichts der sich über die Seiten schwingenden Kanten sogar mutig gezeichnet. Da muss irgendwer in Stuttgart gesagt haben: Lasst uns mal was ganz Arges machen!

Zwischen B und BMW
Für die einen wird die Standardausführung mit sehr komfortablem Fahrwerk und mercedestypischer Lenkung erste Wahl sein, die anderen sollten mal die Sport-Version ausprobieren. Hier ist das Fahrwerk 15 mm tiefergelegt und deutlich straffer, die Lenkung direkter und das Feedback verbindlicher. Ich möchte zwar noch nicht ganz von der B(MW)-Klasse sprechen, aber solange die Münchner dieses Segment nicht bedienen, finden Aficionados bayerischer Kutschen eine schwäbische, mit der sie leben können, wenn sie einen Minivan brauchen.

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Das in beiden Varianten im Vergleich zum Vorgänger deutlich verbesserte Fahrverhalten hat zwei Hauptursachen im niedrigeren Schwerpunkt, der durch Verzicht auf den durchgehenden Sandwichboden möglich wurde (insgesamt ist das Fahrzeug 5 cm flacher), und in der neuen Vierlenker-Hinterachse. Durch die konventionellere Bauweise sitzt man jetzt auch nicht mehr so liegend wie bisher. Auf den sehr bequemen vorderen Plätzen thront der Hintern 8,6 Zentimeter niedriger als beim Vorgänger, die Kopffreiheit reicht auch für ausladende Hüte. Auch auf der Rückbank herrscht Überfluss. Der Kofferraum der 4,36 Meter langen, 1,79 Meter breiten und 1,56 Meter hohen B-Klasse fasst auf seinem variablen Ladeboden 486 (mit optionaler verschiebbarer Rückbank 670) bis 1.545 Liter, gegen Aufpreis ist auch der Beifahrersitz umklappbar.

Ganz abgeschafft wurde der Sandwichboden allerdings nicht, er befindet sich jetzt aber nur noch im Bereich unter den Vordersitzen bis zur Hinterachse und soll als "Energy Space" schwergewichtige Bauteile von Brennstoffzellen- bzw. Elektroantrieben unterbringen.

Revolution in der Bedienung
Erleichtert wird der Umstieg von anderen Marken auch dadurch, dass jetzt endlich der Blinkerhebel da platziert ist, wo er hingehört. Bisher war er bei den Benzen ja immer viel zu tief angebracht. Diese Neuerung ist eine ähnliche Revolution wie die Anpassung des Blinkerkonzepts von BMW-Motorrädern an den Rest der Hersteller.

Auch sonst ist der Innenraum angenehm modern. Das serienmäßige zentrale Display schwebt wie ein sanft geschrumpftes iPad über drei Lüftungsausströmern, die auch gut zu einem KTM X-Bow passen würden. Die Materialien sind hochwertig, je nach Ausstattung gibt es auch Leder und Echtholz, aber auch modern gestaltete Flächen z.B. in zart technoidem Bienenwabendesign, die Qualität der Kuststoffoberflächen geht voll in Ordnung. Auch inhaltlich ist an der Bedienung nichts auszusetzen (in den Testfahrzeugen war überall das Comand-Bediensystem eingebaut). Lediglich die Heizungs-/Lüftungs-Regulierung mit ihren griffigen Drehknöpfen im Kronkorkendesign ist etwas tief untergebracht. Das Display eröffnet optional den Weg ins Internet von Facebook bis Street View, eigene Mercedes-Benz-Apps sind erhältlich. Sehr angenehm ist auch, dass sich das Navigationssystem mit Routen füttern lässt, die man zu Hause in Google Maps geplant und auf einer SD-Karte gespeichert hat.

Neu entwickelte Motoren und Getriebe
Die Motoren wurden komplett neu für die B-Klasse konstruiert. Zur Wahl stehen je zwei Diesel und Benziner, alles Vierzylinder-Turbos, die schon im Drehzahlkeller volle Kraft voraus ermöglichen. Die 1,8-Liter-Diesel leisten 109 bzw. 136 PS und stellen 250 bzw. 300 Nm bei 1.400 bzw. 1.600/min. bereit. Die 1,6-Liter-Benziner leisten 122 bzw. 156 PS, das maximale Drehmoment beträgt – jeweils ab 1.250/min. – 200 bzw. 250 Nm. Alle sind wahlweise mit einem sehr flüssig zu schaltenden Sechsgang-Handschaltgetriebe oder mit dem neuen Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe erhältlich. Letzteres ist sehr komfortabel, ruckt aber (jedenfalls beim Diesel) etwas beim Anfahren, außerdem reagiert es relativ langsam, wenn der Fahrer aufs Gas steigt.

In allen Varianten ist ein Stopp-Start-System Serie, und auch sonst stehen die Zeichen auf Effizienz. Der Normverbrauch der beiden Dieselmotoren liegt bei 4,4 l/100 km, bei den Benzinern sind es 5,9 Liter. Einen sehr großen Anteil an diesen günstigen Werten hat die für diese Fahrzeuggattung ungewöhnlich gute Aerodynamik: Der cW-Wert beträgt nur 0,26 und soll kurz nach der Markteinführung durch ein optionales Paket sogar auf 0,24 sinken. Dieser Wert entspricht dem E-Klasse-Coupé, bei der gleichen Stirnfläche wie die S-Klasse. "Ein Fisch mit Rädern hätte keinen besseren cw-Wert", bemerkte der Merdedes-Chef-Aerodynamiker im Gespräch launig.

Radar serienmäßig an Bord
Ebenfalls Serie ist der "Collision Prevention Assist", ein radargestütztes System, das ab 30 km/h bis zur Höchstgeschwindigkeit Hindernisse vor dem Auto erkennt und einem eventuell unaufmerksamen Fahrer in drei Stufen hilft, die Gefahr zu bannen. Erst erscheint ein rotes Warnlicht, dann ein akustisches Signal; wenn der Fahrer dann auf die Bremse steigt, optimiert das System den Bremsdruck derart, dass der Wagen gerade rechtzeitig vor dem Hindernis zum Stehen kommt (und der Hintermann auch noch die maximale Chance hat anzuhalten). Damit sollen angeblich 20 Prozent der Auffahrunfälle verhindert werden, in weiteren 25 Prozent der Fälle soll zumindest der Schaden geringer sein.

Mit dieser serienmäßigen Radarunterstützung will Mercedes einen ähnlichen Trend auslösen wie seinerzeit mit dem ESP – diesmal allerdings ohne schmerzlichen Anlass (Stichwort Elchtest). Auch sonst wird Sicherheit großgeschrieben: Sieben Airbags sind schon im Basismodell an Bord, zwei zusätzliche gibt's gegen Aufpreis. Und es sind alle Fahrassistenzsysteme erhältlich, die in anderen Baureihen bis hin zur S-Klasse zu haben sind, wie Verkehrszeichenerkennung, aktiver Park-Assistent, Hill-Holder, Abstandsradar-Tempomat, Müdigkeitswarner (Serie), das Insassenschutzsystem Pre-Safe, Totwinkel- und Spurhalte-Assistent usw. (vereinzelt allerdings in vereinfachter Form).

Das ist erst der Anfang
Die B-Klasse bildet den Auftakt zu einer ganzen Reihe neuer Modelle, die ihre Plattform mit ihr teilen. Neben einer sehr viel flacheren und sportlicheren A-Klasse sind dies ein Crossover-Modell im Geländewagen-Stil; eine viertürige Limousine, die von Mercedes aufgrund ihrer schnittigen Form als "Coupé" apostrophiert wird; sowie ein darauf basierendes Kombimodell. Für Vielfalt ist also gesorgt.

Gereift, aber moderner
Die neue Mercedes-B-Klasse ist zugleich gereift und jünger, sagt Mercedes, und hat Recht damit. Jede Kleinigkeit ist durchdacht und von einer Fahraktivität wie hier war bei der alten B-Klasse nicht zu träumen. Bemerkenswert: Trotz verbesserter Ausstattung inklusive dem radargestützten Kollisionswarner entsprechen die neuen Preise den alten. Der B 180 ist bereits ab 27.770 Euro erhältlich. Ab 19. November steht die neue B-Klasse beim Händler.

Stephan Schätzl

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Warum?

  • Gestrafft, verjüngt, gereift
  • Gute Wahlmöglichkeit zwischen Komfort und Sport

Warum nicht?

  • Das Design mit den gegenläufig schwingenden Kanten auf der Seite ist nicht jedermanns Sache
  • < Crossover bringt.
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