24.10.2020 21:40 |

Limitierter Kracher

Mini John Cooper Works GP: Nur Reifenwärmer fehlen

Holla die Waldfee, bist du deppert, das zerrt! Und seit wann drehen bei einem Mini die Räder so hemmungslos durch? Das artet ja in Arbeit aus! Ja, Rennsport ist kein Zuckerschlecken. Und der Mini John Cooper Works GP bemüht sich redlich, echtes Racing-Feeling zu vermitteln. Mit 306 PS, viel Technik und einigen Gadgets, die dieses Spielzeug so außergewöhnlich machen.

Dieses In-Arbeit-Ausarten liegt natürlich nicht daran, dass sie bei dem Auto etwas falsch gemacht hätten. An der Vorderachse schuftet eine mechanische Differenzialsperre (31 Prozent), das Ganze ist nochmals 10 mm tiefergelegt, mehr Sturz an den Rädern, verbreiterte Spur, mehrfach versteifte Karosserie samt Domstrebe, die mit den Stützlagern der Vorderachse verschraubt ist, steifere Lager im Fahrwerk, teilweise aus Metall statt Gummi, fester gelagerter Motor, andere Ölwanne - da haben sie aus dem Vollen geschöpft bei Mini.

Die können ja nichts dafür, dass ich vor dem Losfahren keine Reifenwärmer drauf gehabt habe. Das bräuchten die serienmäßigen Semislicks aber, damit sie von Anfang an Haftung aufbauen. Andererseits hätten sie ihre Temperatur auf dem Weg zum Ochssattel wohl ohnehin verloren. Und sind sie kalt, rutschen sie (und laut sind sie auch!). Sogar auf trockenem Asphalt. Hoffentlich komme ich nicht in den Regen.

Geduld, Gefühl und Gasfuß lösen das Problem
Hankook Ventus TD im Format 225/35 R 18 sind aufgezogen. TD steht übrigens für Track Day, sie sind also eigentlich für Rennstrecken gedacht (und für die Anfahrt dorthin). Dort darf der Mini GP den Standardsprint in 5,2 Sekunden performen und - vorausgesetzt die Start/Ziel-Gerade ist lang genug - sein (nicht abgeregeltes) Höchsttempo von 265 km/h abrufen.

Aber es wird besser. Man muss nur eine ganze Zeit ziemlich deppert fahren, damit man dann gescheit deppert fahren kann. Erst wenn die Reifentemperatur passt, wird der Mini mit den ernsthaftesten Sportambitionen, die je ein Serien-Mini hatte, zum Freudenspender.

Gerade der Ochssattel ist wie für ihn gemacht. Enge Kurven, enge Spuren und fast auf der gesamten Länge frischer Asphalt, was einem verwöhnten Fahrer mit dem harten Fahrwerk entgegenkommt. Der Spaß geht hier schon fast in eine motorradartige Richtung. Da weißt du dann nicht, ob du nur grinsen, laut lachen oder gleich schreien sollst.

Mit der superdirekten Lenkung stecken die Hände gefühlt direkt in der Vorderachse, der Zweiliter-Vierzylinder zieht mächtig mit 450 Nm zwischen 1750 und 4500/min., der Auspuff darf sogar ein bisserl Sound machen (leicht über die Lautsprecher unterstützt), die kühlen Schaltpaddles aus dem 3D-Drucker fühlen sich wertig an. Und doch ...

Es ist dann doch nicht alles perfekt ...
Für den perfekten Racing-Mini hätte ich dann doch noch ein paar Wünsche. Zum Beispiel dürfte die Aisin-Achtgangautomatik gerne etwas schneller schalten, wenn ich am Hebel ziehe. Diese leichte Verzögerung passt so gar nicht zu dem knackigen Spaßbolzen. Auch der Motor verzögert, bzw. der Turbolader spricht genauso verzögert an wie in den JCW-Minis ohne das GP im Namen. Außerdem hört der Motor auf, wenn es am schönsten ist: Bei 6500 Touren stößt er am Begrenzer an. 1000 mehr und ich wäre zufrieden.

Die Optik tröstet über Dinge hinweg
Wir wollen auch nicht alles so eng sehen bzw. ernst nehmen. Wer so ausschaut, darf im Detail auch etwas nachlässig sein. Diese Carbon-Platten an den Radhäusern sind schon jetzt legendär. Sie bestehen aus recycelten Carbonfasern aus der Produktion von BMW i3 und i8 und schaffen Platz für die Räder, die wegen der Spurverbreiterung weiter außen stehen als gewöhnlich. Die Nummer darauf ist fortlaufend, der GP ist auf 3000 Stück limitiert.

Und dann: Was für ein Dachspoiler! Ein unfassbares Gerät, das tatsächlich den Auftrieb mindern soll. Auch die neue Frontschürze ist angeblich nicht nur Deko.

Sogar innen gibt es einen knallroten Spoiler, der außen keinen Platz mehr gehabt hat. Könnte man meinen. Tatsächlich ist es eine zusätzliche Versteifung an der Stelle, wo sich sonst die Rückbank befindet. Weil die rausgeflogen ist, ist der GP auch noch ein Lademeister-Mini: 612 bis 816 Liter passen rein. Da könnte man eigentlich auch jederzeit Reifenwärmer dabei haben.

Unterm Strich
Er ist ein herrliches Spielzeug, der Mini John Cooper Works GP. Spielzeug soll idealerweise ja grundsätzlich den Charakter schärfen, doch wer zu den Glücklichen gehört, die ein Exemplar (in Österreich um 48.950 Euro) ergattert haben, sollte den starken Charakter bereits haben. Sonst ist der Spaß vorbei, bevor die Reifen warm sind.

Warum?
Weil er echt ungewöhnlich ist
Weil er wirklich Spaß macht

Warum nicht?
Charakter des Antriebs nicht konsequent sportlich

Oder vielleicht ...
... doch ein Motorrad?

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl
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