19.09.2020 05:00 |

Seelische Leiden

Trauen Sie sich, Hilfe zu suchen!

Experten haben noch immer Probleme damit, dass Betroffene auch den Weg zu ihnen finden. Psychische Krankheiten wie Depression oder Alkoholismus gehören nach wie vor zu den Tabutehemen.

Die größte Herausforderung für die Psychiatrie und psychologische Versorgung liegt in der Frage: Wie kann man Menschen dazu bringen, sich in Behandlung zu begeben? Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, Ärztlicher Direktor des Anton Proksch Instituts in Wien kennt zu dieser Problematik dramatische Beispiele: „Bei der Alkoholkrankheit ist die Schwelle, sich Hilfe zu suchen, sehr hoch. So erfolgt der Behandlungsbeginn im Schnitt erst nach fünf Jahren Erkrankung. Da es sich hier um ein tödliches Leiden handelt, erleben manche Betroffene den Beginn der Therapie gar nicht mehr.“

Warum trauen sich so viele Menschen nicht, professionelle Hilfe zu suchen und anzunehmen?
Prim. Musalek: „Das, was die Schwelle so hoch macht, sind zwei Dinge: Zum einen die Stigmatisierung der Erkrankung - immer noch hat heute ein Magengeschwür eine andere Wertigkeit in der Gesellschaft als eine Depression. Dabei wird diese schon eher akzeptiert als die Suchterkrankung oder eine Schizophrenie.“ Als zweite Ursache prangert der Experte die nach wie vor unzureichende Verfügbarkeit psychiatrischer Behandlungsmöglichkeiten an: „Wir haben hierzulande in manchen Regionen eine massive Unterversorgung. Darüber hinaus gibt es aber auch viele ländliche Gebiete, in denen die nächste zuständige Fachklinik weit über 100 km entfernt ist.“

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Besonders deutlich tritt die Unterversorgung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie hervor.

Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, Ärztlicher Direktor des Anton Proksch Instituts in Wien

Viele Menschen wissen allerdings gar nicht, wohin sie sich wenden können. „Den Allgemeinmediziner sehe ich insgesamt, auch für psychische Erkrankungen, als die erste Anlaufstellstelle“, erläutert Prim. Musalek. „Er nimmt auch in der Motivation des Patienten zur weiterführenden Therapie eine ganz zentrale Rolle ein.“ Eine psychologische Behandlung ist heutzutage in der Regel gut wirksam - wenn sie erst einmal begonnen wurde. Deshalb rät der Experte, sich eben zunächst seinem Hausarzt anzuvertrauen oder auch Freunden und der Familie. Je später man sich nämlich in Behandlung begibt, desto schlechter steht es um die Zukunftsaussichten. „Das ist gerade etwa bei einer Depression sehr bitter und auch nicht nötig. Denn die Therapie dieser hat in den vergangenen 40 Jahren einen Quantensprung erfahren.“

E-Psychotherapie sinnvoll?
Während der Lockdown-Phase wurde vermehrt Psychotherapie via Telefon sowie Bildschirm angeboten, und diese auch in Österreich zugelassen. Forscher der Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) in Wien untersuchten nun erstmals im Detail, ob sich dieses Angebot längerfristig als Ergänzung etablieren könnte. Nur ein knappes Drittel der befragten Fachleute gab an, vor Beginn des Lockdown eine positive Einstellung zur elektronisch mediatisierten Form der Behandlung gehabt zu haben. Mit der Krise und ihren spezifischen Anforderungen an die psychotherapeutische Praxis hat sich das nun grundlegend geändert. Priv.-Doz. Dr. Alfred Uhl, Dozent für Psychotherapiewissenschaft an der SFU: „Viele konnten erstmals persönlich Erfahrungen damit sammeln.

Inzwischen beurteilen rund zwei Drittel der Psychotherapeuten diese Option generell positiv und fast 90 Prozent finden, dass E-Psychotherapie in bestimmten vorübergehenden Situationen ein sinnvolles Angebot darstellt." 9 von 10 der Befragten könnten sich vorstellen, auch nach der Krise E-Psychotherapie einzusetzen, wenngleich der direkte Kontakt weiterhin das zentrale Element darstellt. In Notfällen auch künftig sehr gut einsetzbar: Behandlungseinheiten ganz ohne direkten Kontakt.

Eva Greil-Schähs, Kronen Zeitung

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