19.09.2020 07:51 |

Kompaktsportklassiker

VW Golf GTI: Was der Volkssportler wirklich kann

Das mit dem VW Golf GTI hat ja immer auch was Religiöses. Nicht so wie bei Tesla, wo Kunden gefühlt automatisch zu Jüngern werden. Und auch nicht mehr so wie in der ersten Generation, wo über dem Streit Golf GTI vs. Opel Kadett GSi Familien zerbrochen sind. Doch so, wie es für Fans blasphemisch wäre, einen anderen Hot Hatch zu kaufen, scheuen ihn die Hater wie der Teufel das Weihwasser.

Echte Argumente gegen den GTI Generation 8 zu finden, wird allerdings schwer. Das gravierendste ist noch die digitale Displaylandschaft, die so uninspiriert in die Konsole gepflanzt wurde und so wirkt, als wäre die Überdachung des Tachos fertig gewesen, bevor der Beschluss gefasst wurde, dass statt eines normalen Kombiinstruments ein ganzes Panel eingesetzt wird, das zwei Displays zu einem großen, glänzenden Etwas zusammenfasst. Doch das gilt für jede Version des VW Golf 8, die Digitalfahrt des Innenraumdesigns ist Serie. Sei‘s drum.

Weg mit dem Firlefanz
Beim Vorgänger gab es noch zwei Versionen des GTI, einen normalen und einen mit der Bezeichnung Performance. Den Weichspüler haben sie in Wolfsburg jetzt weggelassen, es gibt nur noch einen GTI, und der hat die 245 PS der ehemaligen Performance-Variante (wobei der Zweiliter-Vierzylindermotor in jeder Hinsicht weiterentwickelt wurde und nun auch einen Ottopartikelfilter hat). Außerdem - und das ist entscheidend - die elektronische Vorderachs-Quersperre. Die macht den GTI erst so richtig sportlich. Der schnelle Wolfsburger saugt sich an den Kurvenscheitel und pfeift aus den Ecken, dass sie Glocken läuten. Halleluja! Die Vorderräder müssen sich also nicht vor den 370 Nm maximales Drehmoment fürchten, die zwischen 1600 und 4300/min. über sie herfallen.

Dazu kommt der neue Fahrdynamikmanager, der auch die Quersperre und die Regelung der adaptiven Dämpfer (einzeln pro Rad, 200-mal pro Minute) mit einbezieht. Das macht einen feinen Unterschied. Fein nicht im Sinn von gering, sondern im Sinn von feinsinnig, sophisticated könnte man auch sagen. Ergebnis des ganzen Aufwands: Der GTI untersteuert praktisch nicht, sondern durcheilt Kurven so sauber, wie man es sich von einem Fronttriebler nur wünschen kann.

Dazu die Lenkung. Ein Gedicht! Im Gegensatz zum Standard-Golf als Progressivlenkung ausgelegt und von einem leistungsstärkeren E-Motor unterstützt.

Klar ist der 8er-GTI härter gefedert als sein Vorgänger. Fünf Prozent mehr Federrate vorn, 15% hinten. Vermutlich wird das auch ohne adaptive Dämpfer gut funktionieren, aber das Standardfahrwerk stand nicht zum Test zur Verfügung.

Das ESP lässt sich schärfen und sogar ganz abschalten. In dem Fall setzt es sich aber von selbst wieder in Dienst, sobald Front Assist oder Ausweichassistent ansprechen.

Es gibt sie noch, die handgerissene Version
An anderer Stelle bot der Testwagen aber das ganze, pure Vergnügen: Sechsgang-Handschaltung! Schön, dass VW den Freudenknüppel noch anbietet. Laut Karsten Schebsdat, Manager Vehicle Dynamics, ist das Siebengang-DSG zwar das „performantere System“, dennoch will man den Fans von Handschaltgetrieben eine Alternative anbieten. Zum Marktstart ist aber erst einmal nur die DSG-Variante bestellbar.

Auf einen Handbremshebel müssen wir aber leider verzichten. So weit geht der Purismus dann doch nicht. Und auch der klassische Golfball-Schaltknauf feiert kein Revival. Er wird nur angedeutet, an der Rückseite des eher langweilig geratenen Knaufs.

Klassisch jedoch die mit Karostoff bezogenen Sportsitze. So gehört das. Einen GTI darf man nicht mit Ledersitzen bestellen.

Apropos Optik
Logischerweise haben sie dem GTI einen Auftritt verpasst, der seiner würdig ist. Ein riesiger Wabengrill reißt weit das Maul auf (auch wenn viele der Waben mit Plastik verschlossen sind). Die Nebelscheinwerfer links und rechts setzen sich aus je fünf LEDs zusammen, die ein Zielflaggenmuster bilden (VW spricht hingegen von einer X-Grafik). Die LED-Scheinwerfer werden durch eine klassische rote Leiste verbunden, die wiederum von einer LED-Leiste unterleuchtet wird. Sehr speziell.

Das Heck wird von zwei Auspuffröhrln dominiert, die aus der schwarzen Blende herauswachsen, die einen Diffusor bildet.

Zahlen, bitte!
In 6,2 Sekunden wuchtet der GTI seine 1463 kg DIN-Gewicht von 0 auf 100 km/h (mit DSG), bei 250 km/h wird abgeregelt. WLTP-Verbrauch: 7,4 l/100 km. Die Zahlen, bei denen es ums Zahlen geht: 42.990 Euro ist der Einstiegspreis für den VW Golf GTI mit Siebengang-DSG, der Handschalter (ab Oktober 2020) wird dann wohl in etwa bei 41.000 Euro liegen.

Unterm Strich
Dass es das in Zeiten, da VW alles auf die Elektrokarte setzt, noch geben kann! Ein echter Spaßbolzen, sogar mit manuellem Getriebe. Unvernünftig (aber nicht sehr). Und es kommt noch ärger: Noch in diesem Jahr legt Volkswagen nach. Mit dem 300 PS starken GTI CUP und dem allradgetriebenen Golf R mit 320 PS. Aber vorläufig wollen wir es noch nicht übertreiben ...

Ach ja, eins noch: Weihwasser braucht man für den Golf GTI nicht. Aber dass er Super plus verlangt, geht auf Dauer ins Geld.

Warum?
Exzellent gemachter Kompaktsportler
Mit manuellem Getriebe verfügbar
Prächtiges Fahrverhalten

Warum nicht?
Er hätte sich eine stimmiger gestaltete Armaturenlandschaft verdient

Oder vielleicht ...
... auf Golf GTI CUP oder Golf R warten

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl
Kommentare
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