24.12.2020 01:00 |

Keine Gnade

Was der Weihnachtsmann im Verkehr beachten muss

Mitarbeiter der sogenannten KEP-Dienste, also die Kurier-, Express- und Paketdienste-Auslieferer, arbeiten in der Weihnachtszeit sehr unter Zeitdruck. Einer muss aber besonders schnell ausliefern und richtet deshalb eine Anfrage an Hans-Georg Marmit, Kraftfahrzeug-Experte der Sachverständigen-Organisation KÜS:

„Ich bin selbständiger Paketzusteller, setze mit meinem schnellen Schlitten auf emissionsarmen Antrieb und bin seit einigen Jahren dabei, neben dem nordamerikanischen Weihnachtsmarkt auch den europäischen zu beliefern. Worauf muss ich hier besonders achten?“

Hier die Antwort des Experten:

Paketzusteller stehen in der Weihnachtszeit unter Stress. Wer am 24.12. arbeitet, muss besonders viel leisten, schließlich sollen alle kleinen und großen Kinder ihre Geschenke noch rechtzeitig erhalten. Im besonderen Fall kommen verschiedene Vorschriften zum Tragen. Bei Fragen zur Flughöhe und -Geschwindigkeit oder zum Abstand zu Flugzeugen oder Satelliten hilft die Flugsicherung weiter.

Sobald der Schlitten jedoch am Straßenverkehr teilnimmt, greifen die Straßenverkehrsvorschriften. Da es sich bei dem Schlitten um kein Modell aus einer Serienproduktion mit entsprechenden Zulassungs- und Sicherheitsanforderungen handelt, muss das Gefährt über eine ordentliche Einzelabnahme verfügen und den wichtigsten Sicherheitskriterien entsprechen. Dazu zählen unter anderem eine gesetzeskonforme Beleuchtungsanlage sowie funktionierende Bremsen.

Selbstverständlich darf der Schlitten nicht mit hellleuchtenden Lampenketten geschmückt sein, andere Verkehrsteilnehmer könnten irritiert oder gar geblendet werden. Schmuckdeko muss zudem gut befestigt sein, damit nichts während der Fahrt abfällt und Schäden verursacht.

Die Länge des Gespanns muss ebenfalls beachtet werden. Zugfahrzeug und Anhänger dürfen eine maximale Länge von 18,75 Metern nicht überschreiten. Jedenfalls in Österreich. Die erlaubte Länge variiert i Europa zwischen 15 Meter in Serbien und Mazedonien und 24 Meter in Schweden, Lettland und Litauen. Je nachdem, wie viele Rentiere den Schlitten ziehen, kann der Schlitten länger oder kürzer sein.

Ein weiterer wichtigerer Sicherheitsaspekt betrifft die Zuladung. Der in den Fahrzeugpapieren angegebene Wert darf nicht überschritten werden. Er wird berechnet, indem vom zulässigen Gesamtgewicht das Leergewicht abgezogen wird. Stattliche Zusteller müssen daran denken, dass in den Angaben fürs Leergewicht nur ein 75 Kilogramm wiegender Normfahrer eingerechnet ist. Wird dieses Körpergewicht überschritten, müssen die zusätzlichen Körperkilos von den möglichen Zuladungswerten abgezogen werden.

Dass die Ladung gut verstaut und gesichert werden sollte, versteht sich eigentlich von selbst, wird aber gerne in stressigen Situationen vernachlässigt. Kommt es zu heftigen Bremsmanövern, fliegen die Pakete durch den Laderaum und können zu Bruch gehen. Bei einem offenen Schlitten würden sie zudem als Geschoss durch die Luft fliegen und somit für den Schlittenlenker und andere Verkehrsteilnehmer eine große Gefahr darstellen.

Apropos stattlich: Die KÜS rät dringend davon ab, Häuser und Wohnungen über den Schornstein zu betreten. Die Schornsteine sind meistens reine Rauchgasleitungen, enden also nicht in einem offenen Kamin. Außerdem ist der Durchmesser eines Schornsteins eng. Der Platz reicht weder für einen Zusteller noch einen großen Sack mit Geschenken. Besser ist es, vor die Häuser zu fahren - Parken in der zweiten Reihe ist nicht erlaubt - und dann die Pakete auszuliefern.

Ein weiteres heikles Thema betrifft bei unter Zeitdruck stehenden Zustellern die Einhaltung der Geschwindigkeitslimits. Innerorts gilt in der Regel die 50-km/h-Vorschrift, es gibt aber auch viele Tempo-30-Zonen oder verkehrsberuhigte Straßen. Hier darf nur mit Schritttempo gefahren werden. Mit Tempokontrollen muss gerechnet werden, bei Überschreitung der Limits wird es teuer. Und die Behörden kassieren - sie sind ja nicht der Weihnachtsmann.

Auch bei Alkohol hinterm Steuer oder am Zügel verstehen die Ordnungshüter keinen Spaß. Wer die ganze Zeit überwiegend im Freien tätig ist, hat am besten warme Getränke wie Kaffee oder Tee dabei. Warme Kleidung, die nicht einengt oder aufgrund ihrer Materialien aufbauscht, ist empfehlenswert. Arbeits- und Lenkzeiten sind ebenfalls geregelt und müssen auch von selbständigen Kurierfahrern eingehalten werden.

Pausen sollten auch die Zugtiere erhalten. Dass erkältete Tiere - möglicherweise erkennbar an einer leuchtenden roten Nase - eingesetzt werden, widerspricht dem Tierwohl. Bei Kontrollen könnten Veterinärmediziner gegebenenfalls eine Weiterfahrt verbieten.

Grundsätzlich wäre es sinnvoll, die Auslieferung der Präsente nicht auf einen Tag zu begrenzen, sondern langfristiger zu planen. Um den Stressfaktor zu reduzieren, könnte im Weihnachtsgeschäft auch eine Kooperation mit dem Christkind hilfreich sein. Dieses arbeitet schon im Vorfeld der Feiertage eng mit Eltern und Großeltern zusammen, was Lieferstress und Zeitnot minimiert. Eine Koordination der Geschenkelieferanten würde Mehrfachfahrten verhindern und so zur Entlastung des Straßenverkehrsaufkommens beitragen.

(SPX)

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