26.11.2019 14:57 |

Parallelwelt in USA

Die Highlights der Los Angeles Auto Show 2019

Wenn es einen Ort gibt, an dem sich eine erkleckliche Zahl von Kunden tatsächlich für Elektroautos interessiert, dann ist es Kalifornien. Zumindest gilt das für die Metropolregionen um San Francisco und Los Angeles - und deshalb ist der „Wüstenstaat“ am Pazifik prädestiniert für die entsprechenden Weltpremieren - auf der Los Angeles Auto Show.

Für erheblichen Wirbel hatte bereits im Vorfeld der Mustang Mach-E gesorgt, versprach Ford doch nicht weniger als eine Neuinterpretation einer amerikanischen Ikone: Der Mustang steht für die Romantik des lässigen Flanierens mit grollendem V8-Motor unter einer schier endlosen Motorhaube, für eine tiefe Sitzposition und für das Fahren zu zweit. Wer nun glaubte, es gelinge dem Mach-E, dieses Fahrgefühl in die elektrische Welt zu übertragen, sah sich in Los Angeles grob getäuscht: Bei dem neuen Auto handelt es sich um ein hochgelegtes Familien-SUV, bei dem lediglich vereinzelter Zierat an das Pony-Car erinnert. Aber vielleicht soll Mustang ja zu einer eigenen Marke im Ford-Imperium werden - wie einst der legendäre Edsel.

VW zwischen Elektro und Atlas
Ein Elektroauto gab es auch bei Volkswagen zu sehen, und zwar die Studie ID Space Vizzion; der eher konventionell gezeichnete Kombi soll in ähnlicher Form auf den Markt kommen. Daneben zeigten die Wolfsburger eine Reihe konventionell angetriebene Fahrzeuge wie den Atlas Cross Sport. Für ihn dürfte gelten, was sich für VW zum echten Problem entwickelt: Die Fahrzeuge fahren sich gut bis hervorragend, aber die gefühlte Qualität befindet sich im unteren Bereich, längst von Konkurrenten wie Hyundai und Kia deklassiert.

Hinzu kommt das schrumpfende Motorenprogramm. Weil man sich bei Volkswagen derzeit vollständig dem politisch erzeugten Elektrohype verschrieben hat, wird eigentlich nur noch an 1,5-Liter- und 2,0-Liter-TSI sowie am 2,0 TDI gearbeitet; Letzterer wird in den USA aber nicht mehr angeboten. Der VR6 verschwindet ebenfalls. Wenigstens bei Audi und Porsche glaubt man noch an den Verbrenner, wenngleich e-tron Sportback und Taycan 4S eine Brücke in die elektrische Parallelwelt schlagen. Der Taycan, frisch zum Deutschen Auto des Jahres (GCOTY) gewählt, wird in der 4S-Variante etwas erschwinglicher.

Audi zeigt mit dem e-tron Sportback eine elegantere Ableitung des Elektroautos e-tron, bringt aber gleichzeitig den neuen RS Q8 mit, und der RS 6 Avant feiert US-Premiere. Ob nun das 408 PS starke Elektroauto mit seinem schweren Lithiumionen-Akku oder die rund 600 PS starken V8-Boliden den kleineren „ökologischen Fußabdruck“ besitzen, darüber streiten sich übrigens die Gelehrten. Die Erzählung vom sauberen Elektroauto wird immer weniger geglaubt.

Radnabenelektro und Wasserstoff im Toyota-Konzern
Lexus zeigt mit der Studie LF-30 einen interessanten technischen Ansatz: Wenn schon Elektro, dann mit neuartigem Antrieb. Das ausladende, kantig gezeichnete SUV ist mit vier Radnabenmotoren ausgerüstet; der Toyota-Konzern will bei seinen Elektroautos durchgehend auf diese Technik setzen. Gleichzeitig treibt man die vielversprechende Wasserstofftechnologie voran - unter anderem mit dem gelifteten, nun deutlich konventioneller und eleganter gezeichneten Mirai.

Allerdings bietet der Toyota-Konzern auch einiges für Freunde des klassischen Verbrenners - unter anderem den Kultsportwagen Supra sowie eine Cabriolet-Variante des Lexus LC, die es im Gegensatz zum Coupé übrigens nicht mit Hybridantrieb, sondern ausschließlich mit dem sensationellen 5,0-Liter-V8-Saugmotor gibt.

Sportlich bei BMW und Mercedes
Bei Mercedes-Benz stehen die bärenstarken AMG-Varianten von GLE und GLS im Mittelpunkt, die mit der 22-Zoll-Retrofelge besonders eindrucksvoll wirken. Daneben beweist die Simplex-Studie, wie schön und modern die Neuinterpretation eines Vorkriegsautos wirken kann.

BMW zeigt das elegante, frontgetriebene 2er-Gran-Coupé sowie den phantastischen M2 CS; bei Mini gibt es eine Elektrovariante sowie die sportliche Ableitung namens GP mit Kohlefaserkotflügel zu bestaunen. Beiden gemeinsam ist ihr futuristisches Felgendesign, während die Rückleuchten der verschiedenen Mini-Typen im Union-Jack-Design die Diskussionen über Für und Wider des Brexits befeuern.

„Problemkinder“ Alfa Romeo und Jaguar Land Rover
Alfa Romeo zeigt die schöne SUV-Studie Tonale, die bereits auf dem Genfer Salon für Furore gesorgt hat. Sie kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie schwierig die Situation für die Marke geworden ist: Mehrere geplante Modelle sind gestoppt und der Plan des früheren Konzernchefs Sergio Marchionne, die Marke als Audi-Konkurrent aufzubauen, sind gescheitert. Aber vielleicht wird gemeinsam mit dem PSA-Konzern ja alles besser.

Auch Jaguar und Land Rover haben Probleme: Der elektrische I-Pace verkauft sich nicht gut, und ob es eine gute Idee war, den kommenden XJ als vollelektrische Limousine zu entwickeln, wird sich noch herausstellen müssen. Dafür zieht der neue Defender anerkennende Blicke auf sich; es ist der Marke gelungen, die Ikone überzeugend neu zu definieren.

Aus den US-Cars sticht die Corvette heraus
Bei den US-Herstellern begeistert die neue Corvette von Chevrolet. Sie kommt mit Mittelmotor-Konzept auf den Markt und soll damit ein anderes, jüngeres Publikum als bisher ansprechen. Cadillac hat hingegen ein wenig an Glanz verloren; dem CT4 als ATS-Facelift und dem CT5 als CTS-Nachfolger mangelt es an technischen Höhepunkten, nachdem der ursprünglich geplante Blackwing-V8-Motor für beide Modelle gestrichen wurde. Die Konkurrenz von Lincoln zeigt mit dem Corsair ein elegantes, kompaktes SUV und sorgt mit einer Sonderserie des Continental, die mit gegenläufig öffnenden Türen aufwartet, für Aufsehen.

Bei Hyundai gibt die Studie Vision T einen unmissverständlichen Ausblick auf die nächste Generation des Tucson, während die Nobelmarke Genesis den umfassend überarbeiteten G90 zeigt. Er glänzt mit futuristischen Designelementen, die den konservativ proportionierten Viertürer auf eine neue Ebene heben. Auf die kommenden Limousinen und SUV-Modelle der Marke darf man gespannt sein.

Das ausgefallenste Debüt fand aber gar nicht auf der Messe statt: Der lange erwartete Cybertruck von Tesla wurde auf einer eigenen Veranstaltung enthüllt. Und die ging gründlich schief: Bei einer Demonstration der neuen, angeblich bruchsicheren Scheiben wurden beide Seitenfenster zerstört. Spötter behaupten allerdings, der eigentliche Unfall habe sich schon vorher ereignet, nämlich beim Designprozess des Fahrzeugs. Gleiches gilt für den anderen Elektro-Blickfang dieser Woche: den Geländewagen der Marke Bollinger, der sich als grobe Kopie des ursprünglichen Land Rover präsentiert.

Die Vorliebe der Kalifornier für Elektroautos, so viel steht fest, wird gerade auf eine harte Probe gestellt.

Jens Meiners, ampnet

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